Kinderlos

Googelt man „kinderlos im Alter“, liest die Ergebnisse und die weiteren Vorschläge für eine Suche, so scheinen vor allem die zu bereuen, die Kinder in die Welt gesetzt haben. Diejenigen, die sich dagegen entschieden haben, scheinen mit sich darüber völlig im Reinen.

Ich kann nur vermuten, ob Menschen Kinder in die Welt setzen, um sie in der Art zu formen, dass deren Erfolg auf sie selbst zurückfällt. Sind es die, die bereuen, weil das nicht so wie vorgestellt funktioniert hat und sich die eigenen Kinder deshalb nicht in die Erziehung ihres eigenen Nachwuchses hineinreden lassen? Ein Großteil der Menschen ist getrieben von Versagensängsten und mangelndem Selbstwert. Wie peinlich, wenn der Sohn das Gymnasium nicht schafft, die Tochter ihr Musikinstrument frühzeitig in die Ecke stellt und es sich vor den anderen Eltern nicht verheimlichen lässt, dass sich die Bälger rüpelhaft verhalten.

Im Nachhinein musste man das wirklich nicht haben, wenn man die Zeit und das Geld bedenkt, das man investiert hat. Und jetzt wollen sie nichts mehr von einem wissen.

Der andere Teil wollte unbedingt Kinder, also ohne Bedingungen, was kommen würde. Weil es gut ist. Weil es zwar die eigene Vergänglichkeit einem vor Augen führt, wenn plötzlich auch Enkel da sind, die auch gerne mal vorbeischauen. Man ist eine tiefere Verpflichtung eingegangen, die schon vor mir dafür gesorgt hat, dass ich selbst überhaupt hier sein darf.

Es ist gut, dass wir in einer Zeit leben, in der Frauen unabhängig sind, ihr Leben zu gestalten und sich womöglich zu höherem berufen sehen als Kinder in die Welt zu setzen. Am Ende dient der berufliche Erfolg oder das soziale Engagement (abgesehen vielleicht von Nonnen) wohl immer dazu den Selbstwert zu steigern. Aber wie bei eigenen Kinder läuft dieses Vorhaben auch oft sehr unrund und das Streben nach Erfolg wandelt sich in ein Vermeiden des Versagens.

Bei besonderen sportlichen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Fähigkeiten kann man den ganzen Besserwissern, die meist selbst nichts Handfestes vorweisen können, den Stinkefinger zeigen, denn berufliches Versagen kann dann zwar unangenehm sein, doch die eigenen Fähigkeiten geben eine innere Erfüllung und Zufriedenheit, die man nicht in Geld oder Auszeichnungen aufwiegen kann.

Bleiben die restlichen, vor allem Frauen, deren biologische Uhr ja früher abläuft. Diejenigen, die sich mit großem Engagement hochgedient haben, eine Abteilung leiten und endlich wer sind. Irgendwann ist der Zenit überschritten, Routine kehrt ein und niemand zu Hause. Für einen Ehemann war keine Zeit.

Was ist vor allem mit den Frauen, die im universitären Schutzraum der Laberfächer wie Genderstudies oder Extremismusforschung nach oben gefallen sind? Was ist mit den Frauen, die dann feststellen, dass Quote nicht gleichzeitig Kompetenz bedeutet? Wie lässt sich die eigene Position und der eigene Selbstwert verteidigen, wenn man nur der Illusion einer Tätigkeit nachhängt, wenn man keinerlei Mehrwert erzeugt und dies dauernd verdrängen muss, damit der Selbstwert nicht in den Keller fällt?

Die Konkurrenz muss madig gemacht werden. Sachliche Kritik ist ein Angriff auf die Person, die sich nicht mit sachlichen Argumenten parieren lässt. Alles, was für andere Substanz hat, muss schlechtgemacht werden, ins Lächerliche gezogen werden, muss kleinliche Kritik ertragen, damit man sich nicht dem dünnen Inhalt seines eigenen Lebens stellen muss.

Die Romanschreiberin und Kolumnistin Sybille Berg ist ein Paradebeispiel dafür. Obwohl sie über zehn Romane geschrieben haben soll, ist mir in einem Buchgeschäft nicht mal zufällig einer untergekommen. Muss man die Kolumne im SPIEGEL kennen? Ich kenne eine von ihr über Weihnachten. Aber da ist es egal, dass es gerade Hochsommer ist. Nach Umwegen über ihre Selbstzweifel schreibt sie:

Und ich werde lächeln und sagen, weißt du, ich bin froh, dass ich den ganzen Zirkus nicht mitmachen muss. Ich habe Fernsehen geschaut, viel geschlafen, ich habe mich gepflegt, mir ging es gut, danke. Und sie werden neidisch sein. Klar werden sie neidisch sein, nach all der Hektik, die sie hatten. Ich befürchte, das wird mir nicht helfen.

Weihnachten? Was soll der Zirkus. Fußball? Ich lass mir doch nicht die Knochen brechen. Musik? Nichts schlimmer als Kinder die Blockflöte spielen. Selber kochen? Bin ich das Heimchen am Herd oder was?

Kolumnen schreiben, obwohl man die Welt nur in negativen Klischees wahrnimmt? So dass andere neidisch zu mir aufblicken? Vergiss es, Sybille. Du kannst einfach nix, worauf man neidisch sein müsste. Du bist eine, die so aussieht, dass sie nicht wahrhaben will, dass sie nur noch ein verblühtes Etwas ist. Am Ende deiner Botschaft sollen wir noch Mitleid haben? Vergiss es, Sybille.

In deinen Kolumnen prügelst du auf alles Traditionelle und Konservative ein, machst dich lächerlich über den christlichen Glauben. Vielleicht ist es für die der Ansporn unbedingte Verantwortung für eigene Nachkommen zu übernehmen, weil es einfach gut und richtig ist. Zumindest bleibt für die eine Hoffnung, dass irgendwann Kinder oder Enkel am Grab stehen, und einen Teil des eigenen Geistes weitertragen.

Für alle anderen könnte es am Ende auch heißen; … und sie verstreuten die Asche in alle Winde.“

 

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