Nix deutsch.

Bevor es Korrekturprogramme gab, war es ein Privileg fehlerfrei und sauber schreiben zu können. Doch verglichen mit heute, waren auch viele Volksschüler dazu in der Lage. Wenn man bedenkt, dass heute in manchen Bundesländern die Hälfte der Schüler ein Gymnasium besucht und als Student wirkliche Probleme mit der Rechtschreibung haben, liegt es wohl auch an den neuen Lehr- und Lernmethoden, dass Schreibschrift und korrekte Rechtschreibung inzwischen ein Schattendasein führen. Denn ästhetische Qualität und Sicherheit erreicht man nur durch permanentes Üben und das ist ja verpönt. Hauptsächlich ist es aber dem geschuldet, dass nun das meiste nur mehr getippt wird.

Schlimmer ist aber, dass man die Reichhaltigkeit der deutschen Sprache ohne Not preisgibt. Es sei dahingestellt, ob man damit eine sauber differenzierbare Masse an Menschen herstellen will, wo alles sauber in eine Schublade passt, ohne Zwischentöne und Zweifel, oder es einfach an den Fähigkeiten bei denen mangelt, die uns darin ein Vorbild sein sollten.

Nachrichtensender schicken oft junge Leute ins Rennen, die dann von einem wichtigen Ereignis vor Ort berichten. Bei solchen Ereignissen scheinen Mädels, die aussehen wie angehende Praktikanten, oft etwas deplatziert. Wenn indirekte Rede schon ein Fremdwort ist, dann sind auch Partizipformen wie „es krischte“, anstatt „es kreischte“ nicht weit.

Wer hier Äußerungen von Politikern im Indikativ widergibt, der gaukelt dem Zuhörer vor, es handle sich hier in jedem Fall um eine Tatsache. Doch es heißt für die regelgerechte Anwendung des Konjunktivs wie bei der indirekten Rede, „durch diesen Modus wird kenntlich gemacht, dass nicht die eigene Meinung oder Wahrnehmung, eine eigene Frage oder ein eigener Wunsch berichtet, sondern die Äußerung eines Dritten wiedergegeben wird.“ 

Das scheint im ersten Moment belanglos, doch beachten Sie mal wie die Äußerungen von Politikern widergegeben werden, die dem allgemeinen Konsens entsprechen, und denen abweichender Meinung.

Bei den Zweitgenannten wird durch den Konjunktiv dadurch betont, dass ja nur die Möglichkeit bestünde, dass das, was gesagt wurde, auch zuträfe. Man zieht also das Gesagte von Vorneherein in Zweifel, im Gegensatz zu den Politikern, die auf Linie liegen.

Ich weiß nicht, ob es Absicht ist, Wehrlosigkeit oder Unfähigkeit, dass man die deutsche Sprache zunehmend verarmen lässt. Wer heute mindestens um die 50 ist, der hat in seiner Jugend sicher Hermann Hesse gelesen.

Ohne die facettenreiche deutsche Sprache wären seine Bücher sicher nicht so beeindruckend gewesen. Wo findet man heute noch die Wörter „anrührend“, „zwiespältig“ oder „Anschauung“. Wer in einem Übersetzungsprogramm die Vorschläge für diese Wörter liest und etwas besser Englisch kann, der wird enttäuscht sein, denn sie sind ihnen nicht angemessen, wenn man an die feine Nuance denkt, die hinter jedem Wort steckt.

Wann haben Sie in einem Artikel in einer Zeitschrift zum letzten Mal das Wort „Melancholie“ gelesen? Durch die Zeit hat sich die ursprüngliche Bedeutung von „Trübsal“ oder „Trübsinn“ gewandelt zum Begriff „Depression“. Dabei ist die Übergangsphase wie sie Hermann Hesse verwendet wesentlich bedeutungstragender, wenn sie sich auf eine Traurigkeit oder Nachdenklichkeit geprägte Gemütsstimmung, die in der Regel auf keinen bestimmten Auslöser oder Anlass zurückgeht“ bezieht.

Mir kommt es vor, als wolle man jede negative Stimmungsschwankung als Krankheitsbild definieren. Schließlich war die „Melancholie“ immer eine Quelle besonderer geistiger Wachheit, die nicht selten in besondere künstlerische oder wissenschaftliche Errungenschaften mündete. Für den Normalbürger bietet sie die Möglichkeit, sich aus dem Innersten heraus ohne Fremdbestimmung neu zu justieren. Ist das der Grund, dass die Medien dieses Gefühl ausgerechnet damit beheben wollen, dass man Freunde trifft Medikamente nimmt oder professionelle Hilfe aufsucht, also als mögliche „Depression“ diagnostiziert, anstatt auf den positiven Effekt unbeeinflussten Innenhaltens hinzuweisen? Wäre ja zu blöd, wenn einem klar würde, dass manches, was uns die Medien vorgaukeln und wir toll finden sollen, doch einen Haken hätte. Schließlich wird die „Melancholie“ angetrieben oder hervorgerufen durch Zweifel an sich selbst und der Welt.

Man stelle sich vor, man würde die echten Bilder bedrängter Menschen, die sich für eine Flucht zu uns entscheiden, den kulturellen und finanziellen Auswirkungen gegenüberstellen, und wir könnten dabei unseren Gefühlen freien Lauf lassen. Es würde jeder aus diesem Zwiespalt heraus unbedingt ohne mediale Indoktrination oder Diskreditierung entscheiden können, wohin er tendiert. So wie es bei Kants „Kritik der praktischen Vernunft“ beschrieben ist. Denn diese Entscheidung hat ihre eigene Logik, die uns nicht zugänglich ist.

Insofern möchte man fast von einem Vorsatz ausgehen, dass man uns die Wörter nimmt, um die Welt angemessen zu beschreiben, wenn man sieht, dass man für den Zugang zu einer renommierten Journalistenschule keinerlei Qualifikation mehr vorweisen muss. Wenn in der Folge das mediale „Rohmaterial“ nur mehr ein eher oberflächliches Weltbild vermittelt, dann sollte man doch mal ein Buch von Hermann Hesse zur Hand nehmen, um das Handwerkszeug zu haben, die Dinge etwas differenzierter wahrnehmen zu können.

 

Natürlich verwende ich in diesem Artikel wie in allen anderen das generische Maskulinum und nehme keinerlei Rücksicht auf geschlechtliche Befindlichkeiten. Zum einem, weil sie mir schlichtweg egal sind, und zum zweiten, weil sie zum Verständnis völlig überflüssig sind.