Wie man uns Fakten passend macht.

Unter einem politischen oder historischen Narrativ versteht man die verbindende Erzählung über die Ereignisse. Unser grundlegendes Narrativ bestimmt darüber wie wir politische Ereignisse einordnen und werten.

Das grundlegende Narrativ wird von der Bevölkerung der westlichen Länder weitgehend geteilt: Die Regierung hat die Macht, die ihr vom Volk durch Wahlen verliehen wird. Mit Polizei und Militär versucht sie die eigene Nation nach innen und nach außen zu schützen, die Justiz sorgt für unabhängige Rechtssicherheit und die Politik tut natürlich alles für das Wohl des Volkes und um Frieden in der Welt zu stiften. Medien sollen das Volk informiert halten und die Regierung entsprechend kontrollieren und Machtmissbrauch aufdecken. Kirchen und Verbände bündeln darüber hinaus die Interessen von Teilen der Bevölkerung.

Dass es Krisen und Kriege gibt, liegt daran, dass sich Diktatoren nicht daran halten und Populisten und Verschwörungstheoretiker dieses Narrativ in Zweifel ziehen und damit unsere freiheitlich, demokratische Grundordnung bedrohen. Gleichzeitig unterminieren alle Menschen mit antidemokratischem oder kriminellem Charakter unser Zusammenleben.

Schließlich passen sämtliche Narrative wie über die Ukrainekrise, Syrienkrieg, Trump, Klimapolitik und auch alle anderen genau in das oben genannte Schema.

Schon wenn man ganz andere Fakten und Ursachen zu diesen Krisen bringt, reagieren die Mächtigen und die Medien sehr gereizt. Sogar bei Freunden und Kollegen wird man damit zum Außenseiter. Dort heißt es gleich: Warum sollten die das tun? Warum sollten die Medien uns anlügen? Weil uns ein passendes und grundlegendes Narrativ fehlt, fehlt uns natürlich auch eine glaubhafte Begründung wie man bestimmte Fakten einordnen soll.

Deshalb möchte ich hier ein mögliches grundlegendes Narrativ vorstellen, das sich im Geschichtsunterricht bewährt hat. In diesem ersten Teil möchte ich es herleiten, in einem weiteren Teil zeigen, dass sich damit politische und historische Entwicklungen über alle Epochen hinweg bis heute wesentlich glaubhafter begründen lassen.

Treibende Kraft Politik zu machen, ist für uns soziale Ungleichheit und die Ungleichheit bezüglich der Fähigkeiten und Fertigkeiten des einzelnen, die ihm die Möglichkeit geben Wohlstand und Macht zu generieren. Ob uns das nur so vorkommt, sei dabei dahingestellt.

Die ungleiche Verteilung der Güter und des Landes und die Möglichkeit, mit besonderen Fähigkeiten dauerhafte Macht zu erlangen, müssen ja irgendwo ihren Ursprung haben. Dazu möchte ich mich an das Buch „Ideen“ von Peter Watson anlehnen. Man geht davon aus, dass die Menschen in der Steinzeit in einer Sippe von etwa 50 Personen zusammenlebten. Es wurde gemeinsam gejagt, Früchte wurden gesammelt und dann zubereitet. Sicher gab es so etwas wie ein „Alphatier“, das sich nach Belieben mit den weiblichen Sippenmitgliedern paaren konnte. Und sicher gab es hier schon Arbeitsteilung, doch keinen nennenswerten privaten Besitz. Watson meint, dass der erste persönliche Besitz, der auch nicht so ohne weiteres an andere übergeben werden konnte, ein gezähmter Wolf war. Nennen wir ihn ab hier „Hund“. Der Hund war fest an sein Herrchen gebunden, er bot Schutz vor wilden Tieren und etwaigen menschlichen Konkurrenten. Gleichzeitig nahm der Autor an, dass irgendwann jemand eine Pflanze oder Baum besonders pflegte, Unkraut beseitigte und Wasser heranschaffte. Mit dem Gefühl einer wirklich persönlichen Leistung und einem Vorteil wollte er diejenigen fernhalten, die sich an dem Baum bedienen wollten. Er wurde eingefriedet. Der erste Grundbesitz.

Nun kann man die Geschichte weiterspinnen. Man erwarb mit dieser Leistung entweder besonderes Ansehen oder konnte sozusagen einen Überschuss produzieren, das diesen „Erfinder“ neben dem „Alphatier“ attraktiv für Frauen machte, für die Nachkommen zu sorgen. Hier sieht man den Beginn der klassischen Familie. Spinnen wir das Ganze weiter. Der Überschuss ließ sich gegen andere Lebensmittel tauschen, besser jedoch gegen beständige Dinge wie Speere, Leder oder Feuersteine. Man konnte so irgendwann innerhalb der Familienbande für sich selbst sorgen. Der Mangel bei anderen führt dabei immer dazu, seine eigenen Güter durch Tausch überproportional mehren zu können. Doch mit der Zeit lässt sich dieser Wohlstand gegen Neider nur schwer verteidigen. Man braucht eine Art Söldner zum Schutz. Es eigneten sich dazu am besten Menschen, die für Nahrung alles tun, weil sie selbst nicht in der Lage waren ohne Sippe zu überleben. Sie zogen ein fortwährendes Auskommen, der schnellen Beute vor.

In den Zeiten, in denen man den Naturgewalten noch höheren Mächten zuschrieb als physikalischen Kräften, lag es auf der Hand, dass man die besondere Stärke eines Mannes oder seine besondere Geschicklichkeit auch diesen Mächten zuschrieb.

Unter so einer außergewöhnlichen Person zu dienen, war für den durchschnittlich Begabten eher von Vorteil, als bloß in einer Sippe zu leben, ins besondere weil eine Verbindung zu höheren Mächten bestand.

Körperbemalungen oder Rituale dienten sicher dazu, Gegner von vorneherein abzuschrecken in den Kampf zu ziehen. Vielleicht hat sich unter dem Herrscher jemand hervorgetan und immer wieder auf dessen „übermenschliche Kräfte“ und die göttliche Verbindung hingewiesen. War es nicht genau dieser Umstand, dass die Macht durch die Blutsverwandtschaft weitergegeben werden konnte?

Die Macht, die hier noch eine einzige Person verkörpert, spaltet sich auf und die Rahmenbedingungen für eine lang dauernde Machtkonstellation wie sie in einem Reich Gang und Gäbe war, ist gelegt:

Macht über ein Volk ruht auf vier Säulen: Es braucht eine Person oder Gruppe, die bestimmt, wer wieviel besitzen kann oder darf (direkt oder indirekt), den „transzendenten“ Bezug, den „Mittler und Verkünder“ und natürlich die bewaffnete Macht.

Wenn der ägyptische Hohepriester verkündet, dass der Pharao mit göttlichem Beistand des Sonnengottes seine Soldaten geführt und ein Reich erobert hat und nun die Beute unter denen verteilt, die am loyalsten zu ihm standen, dann sind hier alle Faktoren für ein Reich und den Machterhalt praktisch vereint.

Als transzendenter Bezug dienen später andere Götter, der christliche Gott, Allah oder verschiedene politische Ideologien. Es braucht darüber hinaus den Mittler und Verkünder, früher in Form eines Priesters, der den Bezug herstellt und von der Größe des Herrschers kündet. Das Übernehmen später auch wahlweise Schreiber, Minnesänger, Boten, Kirchen, Politkommissare und am Ende die Medien, Schulen und Hochschulen und ihre Experten. Wer heute bestimmt, wie viel jemand besitzen darf oder kann, ist heute nicht so leicht festzustellen wie es den Anschein hat. Dass diese drei Säulen der Macht militärisch abgesichert werden müssen, versteht sich von selbst. Die Äußerung eines US-Generals, der meinte, dass er alle Kriege für die Banken geführt hätte, zeigt dabei, dass Soldaten nur selten zum Schutz der Bevölkerung in einen Krieg ziehen und die Strippenzieher woanders zu finden sein sollten.

Heute ist es ein Klaus Kleber, der sich zur besten Fernsehzeit mit einem Experten unterhält, warum die Bundesregierung neue Gelder für die Bundeswehr bewilligt, um im Namen der Menschenrechte, Demokratie und Freiheit nach Afghanistan zu bringen.

Man kann nun einwänden, dass bei diesem Narrativ das Volk völlig außen vor bleibt und sich die Macht auf eine Person oder kleine Gruppe beschränkt. Doch man kann zeigen, dass sich das Volk immer, und auch heute noch, völlig freiwillig unterwirft und sich das System mit seinem ganzen unfreiwillig loyalen Räderwerk festgefügt selbst erzeugt. Die vier Säulen der Macht erzeugen zusammen nur die Rahmenbedingungen, dass die Mehrheit des Volkes, das nach Wohlstand, Sicherheit, Ansehen und moralischer oder religiöser Gefälligkeit strebt, eine weitgehend leicht manövrierbare Masse wird.

Zwei Ereignisse dieser Woche zeigen, dass hier doch etwas Wahres dran sein könnte: Der Grund für die Entlassung eine Google-Mitarbeiters und das Treffen von Merkel mit ausgewählten Journalisten.

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