FINIS GERMANIA

Ich muss zugeben, dass ich Sieferles Buch womöglich nicht gelesen hätte, hätte man nicht so einen Aufstand darum gemacht und es von der Bestsellerliste gestrichen. Ich nehme an, dass die Journalisten-Gilde so überreagiert hat, weil das Buch ihnen zwar mindestens so umstritten erschien wie Schultze-Rhonhofs Buch „Der Krieg, der viele Väter hatte“, dafür aber vergleichbar 1000 Seiten weniger hat. Sowas liest sich leicht in einer verlängerten Mittagspause und auch der Preis von zwei Wurstsemmeln und einem Bier trägt wesentlich zur Verbreitung bei.

Der eigentliche Aufreger kommt nach dem Kapitel über die Rede Phillip Jenningers zum Gedenktag zu den Novemberpogromen 1938. Hätte ihr Drang nach der richtigen Gesinnung nicht ihren Verstand vernebelt, dann wären die Journalisten Sieferle hier nicht ins offene Messer gelaufen.

Damals warf man Jenninger vor, anstatt einer Predigt eine akademische Vorlesung gehalten zu haben. „Er war dem Ernst der Lage nicht gerecht geworden und hatte das verfehlt, was seines Amtes gewesen wäre. (…) Die Jenninger-Affäre wirft jedenfalls ein schlagendes Licht auf die Politikrituale in den letzten Jahren der alten Bundesrepublik. Betrachten wir nochmal das gesamte Personal der Komödie: Den stammelnden Politiker, der einem auf die üblichen inhaltsleeren Betroffenheitsphrasen eingestellten Publikum einen Text vortrug, der von unangemessener Komplexität und deshalb zum (gewollten oder ungewollten) Missverständnis einlud. Die Zuhörer, die aus Unbildung und demagogischer Berechnung, den Text tatsächlich mißverstanden.“ Ab hier läuft der Autor wirklich zu Höchstform auf.

Ich kann mich dunkel erinnern, dass im Nachgang zeitnah der Literaturprofessor Walter Jens ins Studio eingeladen wurde und die Rede entsprechend verriss. Ich kann mich so gut erinnern, weil er eine weiß-grüne Schärpe schräg über die Brust trug, was seine Autorität noch unterstrich. Das war wirklich außergewöhnlich. Die ganzen Journalisten überschlugen sich in Empörung und zerhackten die Rede Jenningers dann in ergiebige Teile und verrissen sie ebenfalls. Jenninger musste gehen und alles war gut. Seit dem hören wir jährlich wieder die Worthülsen aus dem Holocaust-Gedenkbaukasten. Und jeder, der sich damals selbst ein Bild machen und die Rede für sich deuten wollte, musste in den Zeiten vor google und youtube schon einigen Aufwand betreiben, sie zu bekommen. Keine Gefahr für Gegenwind.

Nun haben unsere Meinungsmacher bei Sieferles Buch ebenso empört reagiert, wenn auch erst nach einem Missverständnis, und nicht bedacht, dass sich die Zeiten geändert haben. Der gewohnte Meinungskorridor war durch das Internet längst gesprengt, das Buch mit einem Click bestellt. So verhalf man dem Buch zu ungeahnter Aufmerksamkeit und Verbreitung. Der Autor hat es ihnen unter die Nase gehalten und sie haben es nicht bemerkt. Das ist das eigentliche Armutszeugnis.

Die Erregung darüber, dass Sieferle Auschwitz zu einem Mythos erklärt, war nicht überraschend. Doch jeder, der sich nicht polit-correct einer freiwilligen Gewissensprüfung unterzieht, bevor er ein solches Buch zur Hand nimmt, erfährt nichts, was nach jahrlanger medialer Dauerschleife über deutsche Schuld und Sühne nicht auf der Hand liegen würde.

Hitler-Dokus in Farbe und Schwarz-Weiß haben mit der Anzahl verfügbarer Fernsehprogramme exponentiell zugenommen. Hitlers Kriege, Hitlers Frauen, Hitlers Helfer, Feldpost und Soldatenschicksale. Keine Facette, die unbeleuchtet blieb. Bilder über Auschwitz? Lagerleben, Logistik und systematische Tötung? Nichts, außer ein paar Bilder nach der Befreiung.

Wer in den 70-igern als Schüler aufgewachsen ist, der konnte an zwei oder drei Bildern im Geschichtsbuch alle Schrecklichkeit nachempfinden. Leichenberge, ausgemergelte Gestalten, eine leere Gaskammer und der Ofen eines Krematoriums. Nach Aufkommen des Internets und der Privatprogramme wäre die Zeit gewesen, all dies mit neuen Bildern und Dokumenten haarklein aufzuarbeiten, um den Deutschen ihre Schuld vor Augen zu führen und fassbar zu machen. Doch stattdessen wurde Auschwitz noch geheimnisvoller und verschwand im medialen Nebel. Auschwitz musste unvorstellbar und unsagbar bleiben. Ein Mythos.

Die jetzige junge Generation hat die Einzigartigkeit von Auschwitz längst ausgehebelt, wenn Schüler die obligatorische Fahrt ins Konzentrationslager eher als Wandertag empfinden und das Selfie vor dem FC-Bayern-Shop und dem Apple-Store neben dem Selfie vor dem Verbrennungsofen in der Fotostrecke haben.

Bei miscopy.com und live-leak kann man sehen wie IS-Schergen in Zeitlupe Hirne aus den Schädeln pusten, brasilianische Drogenhändler die Konkurrenz bei lebendigem Leib mit Macheten von Händen und Füßen befreien oder ein afrikanischer Mob einen einfachen Ladendieb mit Steinen weitgehend zerschreddert, bevor sie ihm einen brennenden Autoreifen um den Hals hängen.

Vergasen? Ist doch noch gnädig. Guckst du hier! Das da ist krass! Na, die Anzahl, mit den Juden und so, natürlich auch krass.

Wenn dann eine kaugummikauende Göre lässig an der Ofenwand lehnt und meint, dass die paar Öfen für die 6 Millionen doch ein bisschen mickrig seien, dann kriecht dem progressiven Lehrer, der zwischen Krieg und Internet aufgewachsen ist, die Scham in die Glieder, weil ihm automatisch das pädagogische Versatzstück „das könnten wir im Mathematikunterricht ausrechnen“ vor Augen kommt. Auschwitz ist, wenn nun der Stein der Schuld noch schwerer an seinem Halse zieht.

Heinrich IV ist nach Canossa gegangen und hat gebettelt, ihm zu vergeben und ihn wieder in den Schoß der Kirche aufzunehmen. Sieferle hat recht, wenn er sagt, die Schuld wäre erst vergeben, wenn das Tätervolk der Deutschen untergegangen ist, denn die deutsche Schuld ist eine Schuld, die nie vergeben werden kann.

Die nun weitgehend gottlose Generation könnte sagen, dass man sich dann das ganze Brimborium mit Gedenken und so auch sparen könnte. Vergebung? Hölle? Fegefeuer? Bis ich tot bin kannst du mir den Schuh aufblasen. Bis dahin will ich leben und Spaß haben.

Über 70 Jahre nach dem Krieg hat man nun einen Lehrstuhl für Holocaust-Forschung eingerichtet. Sieht man, wie man Auschwitz mit der Entfernung zum Krieg immer weiter ins Unvorstellbare abdriften lässt, so liegen die Deutschen zwischen Hoffen und Bangen ob der Erkenntnis, es könnten „nur“ 5,73 Millionen gewesen sein oder gar 6,28 Millionen. Will man hier am Ende wirklich wissenschaftliche Erkenntnis oder nur die Bestätigung, dass es unsagbar ist? Spätestens hier muss man sagen: Nichts gelernt aus Auschwitz.

Hunderte steuerfinanzierte Akteure tummeln sich im Land und rufen: Die Täter sind wieder unter uns! An der Gesinnung werdet ihr sie erkennen!

Und wieder lassen wir uns von ihnen in moralischer Überheblichkeit, die sie sich diesmal durch ihre Dauersühne verdient zu haben glauben, gegen andere aufhetzen: Russen, Polen, Griechen, Türken und alle, die sich im eigenen Land dem Gehetze nicht anschließen wollen.

Auschwitz? Die Deutschen haben nix kapiert. Die verbocken es wieder. Kann man drauf wetten.

 

 

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