Deutsch und sediert.

Die ZDF-Dokumentation „Puls von Europa“ wurde ja schon ausgiebig und lesenswert bei tichys-einblicke verrissen. Dort kommt der politisch interessierte Normalbürger in Form einer etwas beleibteren, Kuchen essenden Brandenburgerin mit Gartenzwerg zu Wort. Ihr politisches Wissen schien nur rudimentär ausgebildet, trotz allem sah sie Zuwanderung kritisch (wollte die propagierte Bereicherung nicht so recht glauben) und würde vielleicht AfD wählen, auch wenn das nächste Asylantenheim ohnehin 15 km entfernt ist. Hier hat man sich eine wehrlose Bürgerin ausgesucht, um sie entsprechend lächerlich zu machen. Jede ZDF-Doku deckt das geforderte Klischee so passend ab, dass es oftmals schon richtig weh tut.

Zu all denen, die „Vielfalt“ und „bunt“ richtig buchstabieren können, sind die Medien natürlich wesentlich nachsichtiger. Die lassen sich auch nicht von einem Fernsehteam überraschen, sondern bloggen ihre tiefgründigen Erkenntnisse gleich selbst im Netz. Unter diesen Stichwörtern fand ich einen, da müsste im Verhältnis die Kleingartensiedlung nicht in Brandenburg, sondern Nähe Wladiwostok liegen, wenn man es schafft sich die Welt in Berlin noch so schönzureden.

Unter der Überschrift „Bunt“ finden sich folgender Text:

… wenn ich etwas auf meinem Weg gelernt habe, so ist es die Tatsache, dass nichts gleich ist. Kein Tag gleicht dem anderen, kein Mensch einem anderen und keine Situation wiederholt sich in der gleichen Weise.

Wir können damit Erfahrungen sammeln und versuchen Tage, Menschen und Situationen in Kategorien zu ordnen. Das hilft etwas mit der Vielfältigkeit umzugehen. Etwas – denn trotzdem müssen wir uns auf unzählige Nuancen einstellen.

Wenn man nun Spaß an dieser Vielfalt, an der Unterschiedlichkeit und auch an den immer neu erlebten Situationen hat, wenn man offen auf alles zugeht, Andersartigkeit zulässt … dann wird die Welt … farbenfroh!

Ich bin offen – und freue mich über jede Situation, jeden neuen Tag und jeden Menschen von dem ich lernen darf

Das ist so trivial, so zuckersüß, wenn Jeff Koons schreiben würde, käme wohl sowas heraus. Das ist die Aussage einer Endfünfzigerin, die ihr ganzes Leben in Ralf Stegners Garten verbracht und währenddessen Meditationsbücher mit Sinnsprüchen gelesen hat.

Unwahrscheinlich, dass eine Krankenschwester, ein Polizist oder Lehrer einer Brennpunkt-Ich-fick-deine-Mudda-Schule in Berlin im Tagesrückblick ebenso gewählte Worte finden würde.

Die Betreiberin des Blogs arbeitet bei einem Berliner Sozialverein, die suchen zwar dauernd Erzieher und Pädagogen, was sie jedoch über die Schulzeit ihrer Töchter schreibt, so hat sie sich ihr eigenes Erziehungsversagen gleichzeitig schöngeredet:

Die jüngere Tochter lernte viel und ständig – aus dem Leben – nur nicht aus Büchern oder im Frontalunterricht. Entsprechend schwierig war die Grundschulzeit. Neben anderen Problemen galt es Geduld zu haben und ihre Art zu lernen zu verstehen. Ich kann mich gut an die Verzweiflung des tapferen Vaters (nicht vielleicht Lehrers) erinnern, der einfach nicht begreifen konnte, warum dieses Kind die Linienführung eines karierten Papiers schlicht aushebelte. Sie konnte Blöcke von Matheaufgaben hintereinander lösen, bis sie beim dritten Block dann versuchte, ob eigene Regeln nicht besser funktionierten. Sie war auf allen Ebenen kreativ, was viele LehrerInnen leider als chaotisch verstanden (!). Ihr Glück war, dass sie auf die Anna-Essinger-Gemeinschaftsschule, eine mit ihrem Jahrgang neu gegründete Montessori Oberschule, gehen konnte. Auch hier galt es hin und wieder Schwierigkeiten zu meistern, aber das Ergebnis steht fest (!). Entgegen allen Bedenken von LehrerInnen und Eltern hat sie mit eisernem Willen den höchst möglichen Schulabschluss bekommen. Auch sie hat noch keinen wirklichen Plan für die Zukunft und gönnt sich erst einmal ein Jahr im Ausland … um weiter aus dem Leben zu lernen.  (so eine Leistung gehört wirklich belohnt)

Danach lässt sie sich ellenlang über die Schulpolitik aus, warum ihre Tochter nicht den geradlinigen Weg zum Abitur geschafft hat.

In unzähligen Elterngesprächen haben wir zu den Kindern gehalten, wohl wissend, dass eine Geschichte immer zwei Seiten hat“

Heißt: Selber im Sozialberuf, alle und jeden volllabern, wie und was man ändern sollte, gleichzeitig im selben Fall aber völlig unbelehrbar sein.

Daneben muss man wirklich noch den Bericht über ihr Wirken an ihrer Arbeitsstelle lesen und den Klausurtag über Selbstmotivation. Wenn man bedenkt welche Maschinerie hier aufgefahren wird, um sich selbst zu motivieren (..ich schenke jedem Spiegel ein Lächeln beim Vorübergehen, ..mein Bildschirmschoner heißt „ich habe gute Laune“…), so hat man das Gefühl, die größte Leistung bei der Arbeit bestünde darin nicht einzuschlafen.

Wenn ein ZDF-Team zu dieser Frau käme und so schonungslos berichtete wie über die Gartenzwergfrau, so müsste das in etwa so lauten:

Diese Frau war nicht fähig ihre Rotzgöre richtig zu erziehen und zum Glück gab es noch die Montessori-Schiene auf der man diesen Blindgänger auch durchs Abitur drücken konnte. In ihrem Job macht sie irgendwas mit Menschen, schiebt dort eine ruhige Kugel, dass sie sogar noch Zeit findet, irgendwelche weichgespülte Texte über Trivialerkenntnisse zu posten. Das einzige Problem in ihrem Leben besteht darin, dass sie kein wirkliches Problem hat. Und wenn sie eins hat, sind andere daran schuld. Deshalb kämpft sie auch dauernd mit ihrer Selbstmotivation. Darum wählt sie auch nächstes Mal wieder die GRÜNEN, damit das in ihrer staatlich finanzierten Heile-Welt-Oase auch so bleibt, wo sie der Illusion einer Beschäftigung nachgehen kann.

Da muss man der Kuchenesserin aus Brandenburg zugutehalten, dass diese den Bezug zur Realität trotz aller Defizite noch nicht verloren hat.

Dass die Dame dazu noch den Kuchen selber backen kann, ist heutzutage schon ein Qualitätsmerkmal.