Im falschen Leben

„Das falsche Leben“ von Hans-Joachim Maaz ist ein wirklich lesenswertes Buch. Es ergründet wie die Prägung in der Kindheit dafür sorgt, dass wir uns im späteren Leben so verhalten wie wir es eben tun. Die Erklärungen für Aggression, Gier, Narzissmus, Streben nach Mitleid und Abhängigkeit und andere Verhaltensweisen sind kurzweilig und eingängig geschildert. Auch wie sich eine Gesellschaft entwickelt, wenn die Mehrheit gleich tickt, ist für mich nachvollziehbar.

Der Autor gibt selbst zu, dass er erst durch seine Erfahrung in seiner Kindheit und dem Drang der Sache auf den Grund zu gehen, dazu kam, Psychologie zu studieren. Aus meiner Studienzeit weiß ich, dass ein Psychologiestudium bei vielen oft der Versuch einer Selbsttherapie ist. Wenn Psychologen und Therapeuten allerdings Bücher schreiben, dann erleben sie sich als austherapiert und gehören nie zu der problematischen Klientel, die sie beschreiben.

Der Autor geht darauf ein, warum Menschen auf Demonstrationen gehen, die sich gegen unbegrenzte Zuwanderung und den Islam richten. Er meint, dass Egoismus und die Projektion des eigenen Versagens auf Migranten eine Rolle spielen, gesteht aber auch ein, dass sich dahinter auch sachliche Gründe verbergen können. (Die gleichen Argumente treffen bei ihm auch bei den Gutmenschen zu) Man solle sich aber nicht mit Fremdenfeinden gemein machen bzw. vor lauter Helfen nicht die eigene Familie vernachlässigen. Man solle also zum perfekten Demonstranten oder Helfer im „richtigen Selbst“ mutieren.

Irgendwann nach zwei Drittel des Buches schlägt es dann doch durch, wie wir zum richtigen Leben gelangen. Wir müssen zu Chancengleichheit, Ausgleich und Verteilungsgerechtigkeit mit Afrika kommen, indem wir nicht nach Überfluss gieren.

In den obigen beiden Punkten kann ich Maaz nun nicht zustimmen. Als Steuerzahler drücken wir bereits 50% unseres Einkommens in Form von Steuern an den Staat ab, von denen auch entsprechend Entwicklungshilfe gezahlt wird. Es sind Billionen mitunter an Spenden nach Afrika geflossen, die meist nutzlos versickerten oder sich Despoten unter den Nagel rissen. Araber hatten halb Afrika versklavt, die Männer Großteils entmannt und dafür gesorgt, dass es hunderte Jahre nicht möglich war, dass sich eine nachhaltige afrikanische Kultur entwickeln konnte. Die Europäer besorgten dann nach den Arabern den Rest. Afrika war aber auch nicht in der Lage sich von Vodoo, archaischen Anschauungen und Clanstrukturen zu befreien. Das müssen sie schon selber leisten.

Wenn ich sehe, was meine Eltern und Großeltern erlitten haben, die aufgrund ihres Alters in beiden Weltkriegen keinen Schuss abgegeben haben, einer von ihnen verhaftet wurde, weil er sich zur Hitlerzeit mit seiner Meinung etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt hat, dann möchte ich aus vermeintlicher Kollektivschuld nicht noch die Welt retten müssen, um mich im richtigen Leben zu befinden. Mein Vater musste als Vollwaise im Studium in einem Zimmer der AWO wohnen, das war so klein, dass das Bett eine Pritsche war, die an zwei Ketten von der Wand abgeklappt wurde. Meine Vorfahren haben hier in Deutschland jeder ihr Kreuz getragen und wirklich einen Beitrag geleistet, dass Deutschland zu dem geworden ist was es heute ist.

Da hätte ich doch ein Problem damit, die Kultur in Deutschland für das Gefühl im richtigen Leben zu sein, zu verschleudern. Wenn ich dagegen demonstriere, dass muslimische Gepflogenheiten hier zum Standard werden sollen und unsere Sozialsysteme als Solidarpakt ausgehebelt werden, weil sich jeder daran bedienen darf, dann ist das kein Egoismus. Ich möchte, dass auch die Generationen nach mir davon profitieren und sich nicht eine Hand voll Minderleister als Weltenretter profilieren, indem sie in einigen Jahren aus einem Schuldkult alles zerstören, was andere aufgebaut haben.

So differenziert und wohlbegründet das Buch auch ist. Am Ende hilft das ganze Gerede nichts. Ich muss mich für eine Richtung entscheiden. Der Autor meint, dass es einen „dritten Weg“ gebe, doch den kann ich praktisch nicht nachvollziehen, weil am Ende nicht jeder sein eigenes Süppchen kochen kann, wenn er etwas verändern will. In Kants „Kritik der praktischen Vernunft“ heißt es, dass derjenige vernünftig entscheidet, der frei ist. Man wägt zwar ab, doch am Ende entscheidet man „unbedingt“, denn die innere Logik für diese Entscheidung ist uns nicht bewusst zugänglich.

Deshalb sollen wir uns und andere an den Taten messen, immer auch mit der Tragik möglicherweise falsch zu liegen.