Freiheit vs. soziale Gerechtigkeit

Kein Mitglied eines Volkes erwartet absolute Umsetzung seines Willens, denn allein seine Sittlichkeit sagte ihm, dass diese Verhalten asozial wäre. Er will auch keinem tugendhaften schwammigen Volkswillen Ausdruck verleihen, der ihm eine irgend geartete utopische Freiheit bringt. Er will sich die Freiheit nehmen, sich freiwillig zu unterwerfen und zwar auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft und zu seinem eigenen Nutzen. Und das geschieht nicht nur in einer Richtung, sondern gründet sich auf Solidarität und Subsidiarität in beide Richtungen aufgrund von gegenseitigem Vertrauen. Dieses Vertrauen ist eine Voraussetzung von Produktivität in einer Gesellschaft. Je höher eine Gesellschaft entwickelt ist, desto höher ist auch das von vorne herein erbrachte Vertrauen gegenüber seinen Mitmenschen. Während nur 3% der Brasilianer ihrem Gegenüber als vertrauenswürdig einschätzen, so sind es in Deutschland wenigstens 60%, die das tun.

Im Beamtenwesen ist dies auch genau festgeschrieben, durch die Loyalität des Beamten zum Dienstherrn und die Fürsorgepflicht von ebendiesem. Gleichzeitig sind die Verantwortlichkeiten auf jeder Hierarchieebene genau festgelegt, was jedem Beamten, zum Beispiel einem Lehrer, bestimmte Freiheiten gibt bzw. geben sollte. Das Private bleibt dabei weitgehend unberührt.

Bei Konzernen und größeren Firmen und Betrieben werden die geforderte Solidarität und die Subsidiarität oft auf die gleiche Weise durch den Arbeitsvertrag und das Arbeitsrecht festgeschrieben. In mittelständischen und kleinen Betrieben ist dies nicht so weitgehend notwendig. Der „Untergebene“ zeigt seine Solidarität durch seinen Arbeitsethos und sein Können, die Leitung überträgt die Verantwortung für die Ausführung von Arbeiten nach unten und verlässt sich darauf, dass es auf dieser Ebene selbst organisiert wird. Beide profitieren davon.

Im freien Spiel der Kräfte war es zumindest seit dem 2.Weltkrieg möglich, dass sich dieses System selbst regulierte. Cholerische Chefs konnten nicht darauf hoffen, dass die besten Arbeiter blieben, faule Arbeiter konnten sich ihres Arbeitsplatzes nicht sicher sein. Für eine gewisse Kontinuität sorgte der Ruf einer Firma, bzw. der Umstand, dass man bei Neueinstellungen oder neuen Auszubildenden gerne auf die Verwandtschaft oder die Vorschläge der fähigsten Mitarbeiter zurückgriff. Dieses System ist natürlich auch anfällig für Missbrauch, indem sich innerhalb eines Betriebes bestimmte hierarchische Strukturen und „Vetternwirtschaft“ herausbilden. In einer freien produktiven Gesellschaft bleibt für den Einzelnen immer noch die Möglichkeit den Betrieb zu wechseln oder sich selbstständig zu machen.

Diese Möglichkeit wird jedoch auf vielfältigste Weise von dem angeblich wohlmeinenden Staat untergraben. Durch Regulierungen und Vorschriften, um Angestellte und Kunden vor jedweder Einschränkung seiner Persönlichkeit bzw. jedwedem Risiko, das von einem Produkt ausgehen könnte, zu schützen, wird die Marktmacht auf immer weniger Akteure verteilt, die auch das Geld haben diese umzusetzen. Es sind schlichtweg nicht mehr genügend Betriebe aus dem gleichen Segment vorhanden, um den Arbeitsplatz zu wechseln. Der Weg in die eigene berufliche Selbstständigkeit wird von staatlicher Seite allein dadurch torpediert, dass allein von der Anmeldung bis zur Eröffnung mehr als ein halbes Jahr vergehen können, bis das Ganze ihren Weg durch die Verwaltungen genommen hat. Oder Arbeitsvorschriften rigoros umgesetzt werden, auch wenn es sich um einen Ein- oder Zwei-Mann-Betrieb handelt, der sich auch bei unterschiedlichen Geschlechtern auf eine Toilette einigen könnte.

Sollte man am Ende doch den Schritt gewagt haben, setzt der Staat mit Genossenschaftsbeiträgen, Vorsteuer und horrenden Krankenkassenbeiträgen, die er durch ein Gesetz locker deckeln könnte, die Daumenschrauben an. An eine konservative Altersvorsorge ist durch die Nullzinspolitik ohnehin nicht zu denken.

Der Betrieb kann also seine Monopolstellung ausnutzen, indem er seine Mitarbeiter schlichtweg ohne Konsequenzen ausnutzen kann. Nun kommt der „soziale“ Staat wieder ins Spiel, der uns davor schützen will und für „Gerechtigkeit“ sorgt, obwohl er das Problem im Grunde erst geschaffen hat. Der autonome arbeitende Mensch ist ihm ein Dorn, denn er braucht diesen fürsorglichen Staat nicht. Erst dadurch, dass er ihm scheinbar die Freiheit lässt, durch seine Maßnahmen diese aber einschränkt, kann er als mutmaßlicher Retter auftreten, der zumindest dafür sorgt die Folgen abzumildern.

Arbeiter und Angestellte sind jedoch in der Lage sich selbst zu organisieren, wenn es entsprechenden Druck aus der Betriebsleitung gibt. Ich denke hier nicht (mehr) an die Gewerkschaften, denn sie sind nur die andere Seite der gleichen Medaille.

Oft sind Kollegen so solidarisch, dass sie andere durch eigene Mehrarbeit aus der Schusslinie zu bringen, wenn man weiß, dass dieser auf den Arbeitsplatz angewiesen ist. Ich weiß ein Beispiel von einem Facharbeiter, der die ganze Nacht gefeiert hatte, weil er Vater geworden war und sich im Pausenraum ausschlafen konnte, während die Kollegen die Schicht mit einem Mann weniger stemmten. Bei den heutigen Kontrollen und der „Diversität“ der Belegschaft dürfte nicht nur der Facharbeiter mit Konsequenzen rechnen, sondern auch diejenigen, die es deckten.

Da ich beide Seiten kennen gelernt habe, bin ich natürlich sicher, dass die soziale Herkunft der Kinder Einfluss auf den zukünftigen Status hat. Sicher sind die Möglichkeiten eines beruflichen „Fehlgriffes“ der Kinder bei den „Privilegierten“ durch ein Erbe oder durch das Einkommen der Eltern entsprechend abgesichert und die Eltern sind in der Lage durch ihr Wissen, ihre Beziehungen und ihren Einfluss, die Ausbildung in eine bestimmte Richtung zu lenken. Gleichzeitig leben die Eltern ihre Bildungsnähe günstigstenfalls vor, durch das Beherrschen eines Instruments, das Lesen nichttrivialer Literatur oder der Besuch von Konzerten. Aber allein, dass eine Tageszeitung abboniert ist, man sich ehrenamtlich bei der Feuerwehr engagiert oder ein sinnvolles Hobby seiner selbst Willen betreibt, ist ein Bildungswert.

Der Staat kann es sich zur Aufgabe machen, diesen Vorteil der sozialen Herkunft auszugleichen. So gilt, was Walther Rathenau, der legendäre Außenminister und AEG-Chef, bitter erkannte: „Gerechtigkeit entspringt dem Neid, denn ihr oberster Grundsatz ist: Allen das Gleiche.“

Er kann einen Ausgleich schaffen, indem er die Eltern der Kinder durch Kindergeld und Kinderfreibetrag entsprechend privilegiert, für kostenlose KITAS, Kindergärten und frühkindliche Bildung sorgt. Dazu kann er die musische Erziehung entsprechend kostenlos zur Verfügung stellen oder subventionieren und mit einer Vielzahl an Bildungsmaßnahmen dafür sorgen, um für die gleichen Voraussetzungen für monetären Wohlstand zu sorgen. Darum muss auch der Vorteil der „Privilegierten“ entsprechend durch höhere Besteuerung von Kapitalerträgen, des Einkommens oder Vermögens gekappt werden. Aber daraus ergibt sich ein Problem: Derjenige, der diese staatliche Zuwendung nutzen kann, um zusammen mit seinem eigenen Einsatz diesen persönlichen Wohlstand zu generieren, wird nun entsprechend stärker durch Steuern belastet. Das ist im Sinne der Solidarität einzusehen. Sie konnten kostenlos eine höhere Bildung erlangen und davon profitieren.

Doch wer am Ende jede Ungleichheit finanziell auszugleichen versucht, kommt am Ende auch dahin, dass sich die Leistung für einen selbst und für seine Kinder nicht mehr lohnt. Obwohl die Besserverdienenden momentan entsprechend hoch besteuert werden und auch den größten Anteil der Steuern generieren, scheint dieses System noch rentabel und wird es wohl auch bleiben, ungeachtet davon, dass genau diese Schicht gar nicht auf diese Förderung angewiesen ist. Für den Rest des Systems erreicht die Förderung einen Grenznutzen, an dessen Punkt sich der positive Effekt umkehrt. Wenn angeborene Fähigkeiten, Wille und Bildungstitel objektiv einen Aufstieg bedeuten und sich beim besten Willen kein Erfolg mehr einstellt, dann muss man den Einfluss der angeborenen Fähigkeiten leugnen und den fehlenden Willen damit erklären, dass er durch das Bildungssystem nicht entsprechend stimuliert wurde. Kein Staat würde aber in der Regierungsverantwortung zugeben, dass es am schlechten Bildungssystem läge, die Opposition würde allein den Mangel an Lehrern und schulischer Ausstattung beklagen. Durch das Schuldgeldsystem kann der Staat natürlich in Vorleistung treten als Investition in die Zukunft. Wir befinden uns aber in Deutschland im Bildungsbereich schon lange jenseits des Grenznutzens, so dass jede weitere Investition in Inklusion und individuelle Förderung ins Leere geht und sich der Nutzen objektiv nicht mehr belegen lässt.

Während das Bildungssystem immer wieder „optimiert“ wird, zerfallen die Schulhäuser und durch die Einwanderung kulturfremder nicht deutschsprachiger Menschen wird dieses Problem potenziert.

Indem man orientalische Fremdsprachen als Prüfungsfach zulässt und angeborene Legasthenie und Dyskalkulie herausrechnet, Prüfungsstress mindert durch den höheren Einfluss mündlicher Prüfungen, die das persönliche Befinden berücksichtigen, bleiben wichtige kognitive und charakterliche Fähigkeiten auf der Strecke, wodurch die Bildungstitel entwertet werden. Durch das föderale Bildungssystem wird dann durch mehr Bildungstitel ein Erfolg des Bildungssystems eines einzelnen Bundeslandes suggeriert. Gleichzeitig findet sich das Arbeiterkind, das es besonders durch Können und Fleiß ohnehin geschafft hätte Abitur zu machen, in Konkurrenz zusätzlich mit allen schwächeren Schülern, die einen Vorteil durch ihre soziale Herkunft haben und niemals Abitur gemacht hätten.

Es gibt einen mathematischen, sprachlichen und logischen Mindeststandard, damit er einem Hochtechnologieland wie Deutschland genügt. Obwohl die Nachfrage nach diesen Fertigkeiten trotz höherer Bildungstitel nicht gedeckt wird, schafft das staatliche System aus sich selbst auf Umwegen die nötigen Arbeitsplätze. Förderlehrer, Sozialpädagogen, Psychologen und andere Berufsgruppen, die sich mit der Formung des Menschen beschäftigen, arbeiten daran die sozialen Unterschiede durch das Bildungssystem zu glätten. Es fällt ihnen nicht auf, dass sie Fähigkeiten besitzen, die im Grunde nur dort nachgefragt sind, wo sie selbst sitzen, weil sie von dem System der Inflation der Bildungstitel profitiert haben. Es ist die Illusion einer sinnvollen Tätigkeit, weil man den Einfluss von Wille, genetischen und kulturellen Voraussetzungen unterschlägt.

Genderforschung ist dabei ein Gebiet, das sich seine Bedeutung an den Universitäten selbst erzeugt, scheinbar ohne weitergehenden Nutzen außerhalb des Politik- oder Bildungsbetriebs, wenn man an die Entstehung der oft Bahn brechenden wissenschaftlichen Errungenschaften des Westens in den letzten 150 Jahren denkt.

Die Kämpfer für die „soziale Gerechtigkeit“ sind etwa zu Zeiten der französischen Revolution stehen geblieben, wo es darum ging den Unterschied an Wohlstand auszugleichen. Noch schlimmer ist es, dass sie immer noch versuchen, die gleichen Konzepte dieser Zeit umzusetzen, die die Freiheit des Menschen in einer harmonischen tugendhaften Masse mit einem gemeinsamen Volkswillen sehen. Im Grunde grenzt diese Utopie einer Gesellschaft genau die Menschen aus, die noch einen freien und autonomen Willen haben und diesen auch leben können. Genau diese Menschen sind nach KANT in der Lage vernünftig zu handeln, denn sie sind frei. Sie zahlen meist kein Haus ab, sind genügsam und könnten auf ihren Job pfeifen, lassen sich den Mund nicht verbieten und sprechen offen, weil sie ohnehin nicht jeder mögen muss, damit sie sich gut fühlen. Es nervt sie, wenn ihnen jemand die Zeit mit Belanglosigkeiten stielt, sie bemerken die neuen Alufelgen des Nachbarn ohnehin nicht, schauen beim Zeugnis der Kinder erst auf die Bemerkung und dann auf die Noten, sie streiten aufs Messer um die Sache aber dann muss es auch wieder gut sein. Frauen denken beim Windelnwechseln nicht an Karriereknick oder Kindergeld. Wer als Kind das Privileg hatte in einer intakten Familie aufzuwachsen, wo die Kinder nie das Gefühl hatten, dass ihre Eltern keine Zeit hätten oder nie das Gefühl von Mangel empfanden, obwohl es weiß Gott nicht alles gab, Essengehen und Urlaub eher die Seltenheit waren, der wird bei der Entscheidung zu heiraten oder Kinder zu bekommen, vorher sicher keine Steuertabellen wälzen. Wer so lebt, sieht das Leben mit seinen Möglichkeiten als Chance und nicht, dass man Anspruch darauf hätte. Gleichzeitig rechnet man mit negativen Eventualitäten, vor denen man sich zwar nicht absichern kann, doch man ist im Falle des Falles frei eine Entscheidung zu treffen.

Wer in einer Partnerschaft mit Kindern Vollzeit arbeitet, um das Haus abzubezahlen und dazu noch Rententabellen studiert, wie viel nach den Raten noch übrigbleibt, was will man dann vom Leben? Glückseligkeit im späten Lebensabend, wo man dann endlich frei ist? Das Leben davor ist nur der Vorlauf mit all seinen Einschränkungen auf den Weg zur endgültigen Unabhängigkeit. Dann kann ich tun, was ich will. Dann ist der Wille frei!

Im Großen kommt uns das schon bekannt vor. Der Weg der Gesellschaft zur kollektiven Freiheit mag steinig und unannehmlich sein, doch das muss es uns wert sein entlang der staatlichen Vorgaben zu leben. Gleichzeitig sollen im Moment die tugendhaften Leitlinien von Toleranz, Humanismus und Weltoffenheit gelebt werden. Diese Leitlinien können sich natürlich ändern, wenn sie sich abnutzen, sie müssen allein dem Prinzip einer totalitären Demokratie dienen.

Am Ende ist es immer eine Art Sozialismus, der unter einem anderen Namen daherkommt und auf seinem Weg die „Feinde der Demokratie und der Freiheit“ bekämpft. Vordergründig scheint dies nicht mehr durch rohe Gewalt und Repression zu geschehen. Wie groß der Konsens in der Gesellschaft schon ist, dieses Model verwirklichen zu wollen und wie viel sich freiwillig an diesem „Kampf“ beteiligen, mag einen erschaudern lassen. Jeder der sich heute des gesunden Menschenverstandes bedient, den müssen inzwischen tiefe Selbstzweifel plagen, wenn er gute Argumente recherchiert hat und damit in seinem Umfeld auf Unverständnis oder offene Ablehnung stößt oder als Verschwörungstheoretiker betitelt wird.

Wer sich tiefer mit der deutschen Geschichte, der Globalisierung, dem Menschen gemachten Klimawandel und allen anderen im Moment relevanten Themen beschäftigt und schlagende Gegenargumente findet, dem wird vorgeworfen sich in einem sich selbst bestätigende Echoraum zu informieren.

Ich denke, dass jeder durch eigene Recherche eingrenzen kann, ob die heute handelnden Akteure an einer Demokratie in Freiheit interessiert sind oder im Interesse weniger für eine soziale Utopie an einem demokratischen Zwangsstaat arbeiten.

Bild: https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialdemokratische_Partei_Deutschlands