Wenn Journalisten uns die Welt erfinden wollen.

Der Begriff des „historischen bzw. politischen Narratives“ kam mir zu ersten Mal im Studium unter. Nachdem an der Uni schon das Ausleihen eines Buches, das nicht im Bestand der Bibliothek war, viel Aufwand bedurfte, konnte man sicher sein, dass es zu politischen und historischen Entwicklungen mehrheitlich auch nur ein Narrativ gab. Deshalb fand dieser Begriff selten Erwähnung. Durch das Internet hat sich das aber geändert. Vor allem der Zugriff auf Originaldokumente oder -aussagen gibt einem nun die Möglichkeit, das „gewünschte“ Narrativ mit wenig Aufwand zu hinterfragen. Man muss sich wundern, dass diese Erkenntnis bei der Berufsgruppe, die sich Journalisten nennt, noch nicht angekommen ist. Eine Aussage von dem „faktenfinder“ der ARD, Patrick Gensing, bestätigt nur meine Annahme. In einem Versprecher meinte er, dass man neue Erzählungen „erfinden“ müsse, um die Leute von den Narrativen der alternativen Medien weg zu bekommen, weil bloßes Ignorieren nicht mehr reicht.

Seine Aussage und der folgende Passus aus dem Journalismusforum, haben mich dazu gebracht, diesen Artikel zu schreiben.

Trumps Wahlsieg, der Brexit und die erdrutschartigen Siege der AfD in einigen Bundesländern werfen Fragen auf: Warum folgen die Menschen den Populisten, obwohl sie als Bürger von Medien-Demokratien die Lügen und Blähungen erkennen müssten? Warum erreichen die Medien die Menschen offenkundig so wenig, dass diese leeren Versprechungen unkritisch folgen? Die Antwort darauf hat mehrere Dimensionen.

Das Journalismusforum 2017 greift eine davon heraus: die der Vielfalt. In den Redaktionen spiegelt sich die Bandbreite der Gesellschaft nicht wider: Weiblicher sind die Redaktionen zwar geworden, aber Migranten, Behinderte, verschiedene Religionen oder gesellschaftliche Schichten? Fehlanzeige. Bio-Deutsche aus dem Bildungsbürgertum beschreiben mit ihrer Sicht alle anderen Gesellschaftsgruppen – aus der Perspektive des Mitleids, der Bewunderung, dem Herausstellen der Fremdartigkeit – kurz: des Andersseins und des nicht selbstverständlichen Dazugehörens. Mit intellektuellem Anspruch werden Geschichten erzählt, die so aufbereitet für viele unverständlich bleiben.

Es ist ein Irrglaube, dass Diversität der Kulturen in den Redaktionen das Niveau des Journalismus erhöhen würde und man damit irgendeinen Leser zurückgewinnen könne. Ich kenne eine Lokalredakteurin, die vor 20 Jahren voll auf lokalem Ratsch und Tratsch war und am Ende in einer Lokalredaktion gelandet ist. Die schreibt gute lokale Berichte, gehört aber sicher nicht zu denen, die mir dann die Welt erklären. Ohne einen fundierten Hintergrund in den Bereichen Geopolitik, Wirtschaft und Kultur bleibt dieses Wissen wertlos, weil man nicht in der Lage ist, es in ein großes Ganzes einzuordnen.

Die heutigen Journalisten meinen, sie müssten über Ereignisse Werturteile abgeben, anstatt sie im Kontext von Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur oder sogar der Biographie eines einzelnen zu zeigen und das Urteil dem Leser zu überlassen. Auch wenn ein einzelner Journalist das alles nicht leisten kann, so kann er doch die Diskussion in verschiedene Richtungen öffnen. In den letzten Jahren waren zu bestimmten Themen aber alle Denkrichtungen neben dem gewünschten Narrativ verpönt und wurden in die rechte Ecke gestellt.

Auch der normale Bürger kann es nicht leisten, alle seine Quellen zu prüfen und alle Zusammenhänge auszuleuchten. Doch mir braucht niemand etwas erzählen, dass ja alles so komplex sei und jemand außer den Journalisten das nicht verstehen könne. Mit intellektuellem Anspruch werden Geschichten erzählt, heißt es oben.  Geht man mit wissenschaftlicher Methode vor, sieht es gleich ganz anders aus: Findet man ein Gegenbeispiel, hebelt man eine ganze Theorie aus oder stellt zumindest eine unangenehme Frage. Dazu reichen etwas Logik und allgemein zugängliche Daten. Beispiele?

Dass die Energiewende eine Totgeburt ist zeigt sich allein daran, dass Wind- und Solarenergie nicht grundlastfähig sind und jeder Zubau die Netzstabilität gefährdet und den Strompreis erhöht. Also warum sollte man über Abstände von Windkraftanlagen zu Ortschaften diskutieren?

Bana aus Aleppo winselte als 8-jährige über Twitter aus der Stadt, dass der Westen eingreifen sollte. Allein die Internet-Übertragungsraten ließen so viele Tweets nicht zu. Da wirken die Fakes aus ihrem Umfeld nur noch als Zugabe, die man dann gar nicht mehr wissen hätte müssen.

Beim NSU-Komplex reicht auch eine wirklich blöde Frage, um das gewünschte Narrativ doch sehr in Frage zu stellen, ohne dass man die 6000 Seiten veröffentlichen Ermittlungsakten samt deren Auswertung gelesen haben muss. Nichts desto trotz sind sie lesenswert.

Auch wenn Journalisten, wie oben beschrieben, unabsichtlich zugeben, dass nicht Information, sondern regierungskonforme Propaganda ihr Ziele ist, kann auch der noch so interessierte Laie kein durchgängig wahrheitsgemäßes Narrativ über alle Bereiche erstellen. Der Bürger kann sich zwar nicht gegen das tägliche propagandistische Dauerfeuer wehren, doch er kann der beabsichtigten Indoktrination entgehen, indem er mit der Zeit in der Lage ist, die einfache Frage zu stellen. Die Antwort lässt sich meist einfach googeln. Oft reicht schon, Wenn es zu gut passt, sind Zweifel angebracht, oder Cui bono, wem nützt es. Mit etwas Übung sucht man dann von Anfang an zeitsparend in eine ergiebige Richtung.

Was soll das Ganze, wenn man weiß, dass man sich zwar einem wahrheitsgemäßen Narrativ annähern kann, aber es nie erreicht? Sollen wir uns genauso arrogant zurücklehnen wie unsere „Eliten“ und anderen die Welt erklären? Mitnichten! Sicher schadet es nicht, seine Mitmenschen „aufzuklären“, doch wichtiger scheint mir etwas Anderes: Seien wir skeptisch, wenn man uns vorgaukelt, wie toll alles läuft. Ignorieren wir die Panikmache in Bezug auf Klimawandel, Feinstaub, Bedrohung durch Russland oder diversen angeblich giftigen Spurenstoffen in Lebensmitteln. Organisieren wir unser Leben so, dass es nicht schon kollabiert, wenn man plötzlich 100.-€ weniger verdient, der Bankautomat mal kein Geld auswirft, die Lebensmittelgeschäfte zu bleiben oder der Strom für ein paar Tage ausfällt.

Erkennen wir, dass jeder, der schlau daherredet, im Grunde auch nur mit Wasser kocht. Seien wir ehrlich. Wie viele Leute haben wir im Studium kennengelernt mit überdurchschnittlichem Fleiß, Beharrlichkeit, Neugier und vor allem auch Hirn? Solche Leute landen normalerweise nicht als Politiker oder Journalist.

Jeder reife Normalbürger, der diese Tugenden bei seiner eigenen Recherche besitzt, kann jedem Journalisten-Jungspund das Wasser reichen. Am Ende zählt aber die Tat und wenn es nur im Kleinen ist. Nehmen wir uns die Zeit, Medien und Politiker mit Mails zu bombardieren, wenn sie sachlich falsch liegen. Schreiben wir beharrlich immer wieder und, wenn wir keine Antwort bekommen, beschweren wir uns an anderer Stelle. Spenden wir, wenn möglich, für Projekte oder alternative Medien, wenn man versucht, ihnen das Wasser abzugraben. Gehen wir doch selbst auf eine Demo und beklagen uns nicht, dass dort immer so wenige Teilnehmer sind.

Man muss ja das gängige Narrativ nicht verteufeln, doch es schon sehr auffällig, welches Gezeter losgeht, wenn man es in Frage stellt, dass die Welt in 5, 10, 20 Jahren eben nicht so aussehen wird, wie man uns weismachen will.

Ein stimmiges Narrativ jenseits von dem, das man uns verkaufen will, hat einen Vorteil: Man kann ganz locker bleiben, egal was kommt.