Sibylle hadert mit der Sterblichkeit.

Ach, Sibylle! Jetzt ist die Bundestagswahl zwei Wochen vorbei und wirklich das letzte Statement eines Experten verhallt, das den Charakter des klassischen AfD-Wählers ergründen wollte. Nun willst Du den wieder leeren Äther nutzen, damit auch Du Deinen Senf dazugeben kannst. Bei Dir heißt er Uwe, wie sonst, Versager, kann im Leben auf nix stolz sein und will seinen Nazi-Großvater endlich vergessen. Dieser Gedankengang ist so ausgelutscht, dass er schon wieder gut ist. Aber der Reihe nach.

(…) In den Erwartungen anderer funktionieren, sich jeden Morgen der Erbärmlichkeit des Daseins ausliefern, verkleiden, verstellen. So eine Wut macht das, für sich die Welt zu sein und von ihr ignoriert zu werden.

Das Existieren, das Essenausscheiden, schlafen, sich verlieben, angeödet sein, sich trennen und von einem Wochenende träumen, das erfolgt dann. Und keine Uhr tickt, kein Geweih wächst aus der Wand und der Fernseher läuft und die Wut wächst.

So gerne wäre der Mensch stolz. Stolz ist ein gutes Gefühl. Es bedeutet: Ich habe etwas Außerordentliches geleistet. Eine Sozialreform durchgebracht, eine Revolution zum Erfolg geführt, ein Sonett geschrieben, etwas Ewiges geschaffen. Etwas, das mich überdauert in meiner albernen Sterblichkeit, in der Zumutung des Vergehens.

Aber das ist den wenigsten beschert, so eine angenommene Unsterblichkeit via außerordentlicher Leistung.(..)

Ja, Sibylle. Auf sowas kann nur kommen, wer im Leben anscheinend noch nix geleistet hat, auf das er wirklich stolz sein kann. Der Opelianer war immer schon stolz bei Opel zu arbeiten. Für ihn war wichtig, dass das Werk auch nach ihm Bestand hat und er etwas dazu beigetragen hat. Das gilt auch für viele kleinere Unternehmen in der Provinz. Sogar der Kanalarbeiter schwärmt heute noch von dem großen Rohrbruch, wo die ganzen Zeitungen voll waren und er dabei war, den in den Griff zu kriegen. Ich weiß das ist noch nix für die Ewigkeit, hält sich aber zumindest länger als deine Ergüsse.

Ich weiß Sibylle, solche Leute kommen in Deinem Leben nicht mal theoretisch vor. Ich kenne nämlich deine Kolumne über den Heiligabend, wo du allein durch die Straßen gehst und die Leute hinter den dekorierten Fenstern bemitleidest. Denn die hassen eigentlich alle Heiligabend und wollen einfach nur weg, können aber nicht. Aber Du gehst nun nach Hause und machst Dir alleine einen schönen Abend.

Man wird das Gefühl nicht los, dass sich da jemand etwas schönredet. Vielleicht hast Du Dich als Kind immer ganz toll auf Weihnachten mit Deinen Eltern gefreut und es wurde jedes Mal ganz und gar beschissen. Und nach den Ferien haben alle Mitschüler von den tollen Feiertagen geschwärmt. Weißt Du wie man das nennt? Neid!

Und auch diesmal ist es wieder so.

Weißt du welche Leute am meisten Angst haben, dass man sie nach ihrem Tod schnell vergisst, und deshalb alles daran setzen mit irgendwas unsterblich zu werden? Leute die keine Zeit hatten, Kinder in die Welt zu setzen. Weil sie lästig und karrierehemmend sind. Weil Vater oder Hausfrau und Mutter auch vorübergehend ganz und gar uncool ist und man fürchtet, die Freundinnen könnten schon beim ersten Kind an sowas wie Mutterkreuz denken.

Und während Du glaubst, Du könntest mit Deinem Geschreibsel in einem inzwischen dahinsiechenden Magazin etwas halbwegs für die Ewigkeit schaffen, können Eltern womöglich darauf stolz sein, dass ihre Kinder wohlgeraten sind, den Hauptschulabschluss geschafft haben und die Tochter nun einen festen Job bei Rewe hat. Vielleicht haben die Eltern ja AfD gewählt, weil es die etablierten Parteien nicht juckt, wenn ihr Stadtteil jetzt aussieht wie Islamabad und deren Klientel ihrer Tochter nachstellt.

Vielleicht ist der Vater einfach nur sauer, weil man ungeniert immer mehr Steuern abgreift und die Schule des Sohnes trotzdem aussieht wie in einem Entwicklungsland, während man statt Lesen und Schreiben nun lernt, wie 60 Geschlechter miteinander vögeln.

Sie beide wissen, dass auch die Wahl nichts ändern wird. Wenn dann Enkel da sind und alles noch einigermaßen rund läuft, verdrängen sie es, sind stolz, etwas für die eigene Unsterblichkeit getan zu haben.

Na, Sibylle? Müsste man da nicht neidisch werden. Wie viele Artikel und Bücher musst Du noch für Deine Unsterblichkeit schreiben? Ich weiß, das prallt alles von Dir ab, denn deren Stolz und Unsterblichkeit sind durch einen Makel schwer erkauft:

(…)Die AfD fordert zum Stolz auf die Väter und Großväter auf. Endlich sagt es mal jemand. Endlich gibt jemand den Leuten den Befehl zum Vergessen, zum Fahnen schwenken, zum mit breiten Beinen über den Boden laufen, und das ist der Grund für die Entscheidung, Nazis zu wählen. Nicht das Elend geschlossener Innenstädte und mangelhafter Netzverbindungen. Es geht darum, endlich wieder wer zu sein. Überall in Europa. Die Scheiße vergessen, den Arm in die Luft.

Wirklich von allen waren die Väter und Großväter Nazis und mindestens bei der Waffen-SS und die Kinder und Enkel warten voll Sehnsucht darauf, endlich in deren Fußstapfen zu treten.

Auf deren Kinder, Stolz und Unsterblichkeit kannst Du, Sibylle, natürlich nicht neidisch sein.

Nein Sibylle! Eine wie Du googelt ihren eigenen Namen und ihre eigene Kolumne und stellt sich ganz feste vor wie jemand ganz zufällig über eines Deiner Meisterwerke kommt, völlig hingerissen ist und es mit seinen facebook-Freunden teilt.

Deine Augen sind geschlossen und mit einem Lächeln auf den Lippen spürst Du wie Dir der Hauch der Unsterblichkeit wieder etwas mehr um die Nase weht.