Vom Malkreis zum Helferkreis

Wer alt genug ist und zumindest regelmäßig eine Lokalzeitung gelesen hat, der hat vor etwa 20 Jahren einen Provinzhype erlebt, auch wenn es dem einen oder anderen nicht wirklich bewusst war. Innerhalb weniger Jahre hatte jeder größere Ort seinen Künstler- oder Malkreis. Die Teilnehmer waren aber keine jungen wilden Kunststudenten, sondern Frauen im gesetzteren Alter, die sich nach ein oder zwei Aquarellkursen bei der VHS berufen fühlten, jetzt in Kunst zu machen. Plötzlich wandelten die Frauen, die die Wohnung vorher jeden Morgen so in Schuss gebracht hatten, als wäre man in einem Möbelhaus, rastlos durch die häuslichen Flure. Keine Zeit mehr sich die Haare zu machen, bevor man an die Staffelei ging, mussten nun diverse bunte Tücher die wirren Strähnen zusammenhalten. Barfuß in Hausschuhen bei der offenen Terrassentür hofften sie auf die malerische Eingebung, um sie auf den Olymp der provinziellen Malerinnengilde zu heben oder sogar darüber hinaus.

Aber es blieben jedes Mal nur blasse Nebellandschaften, mangels Formensicherheit mit verunklärten Bäumen und Tieren. Bunte und vielfältige Blümchenaquarelle, eine Ansammlung blasser Farbflecken, die man nur wegen der obligatorischen, zu klein geratenen Vase am unteren Rand als solches erkennen konnte. Eine „Künstlerin“ meinte dazu, sie wolle hinter die Dinge schauen. Sie fasziniere die Harmonie der Farben. Allgemein? In ihren eigenen Bildern? Das wäre so, als würde der Azubi im dritten Lehrjahr täglich fasziniert in den wohlgeordneten Werkzeugkasten schauen und vom eigenen Meisterstück träumen. Der eigene Knick in der Wahrnehmung sorgte dafür, dass man für kurze Zeit aus der eigenen Bedeutungslosigkeit aufsteigen konnte. Das Ringen um das Werk war reiner Selbstbetrug. Hätten sich die Damen getraut nach zehn Geigenstunden gemeinsam ein Kammerkonzert zu geben und dazu Politprominenz und Presse einzuladen? Wohl kaum. Aquarelle brennen zu deren Glück nicht in den Augen.

Darum wurden auch Vernissagen organisiert, Bürgermeister, Kreis- und Landräte eingeladen und zu Laudatien genötigt. Die mussten dann mit ihren Worten das nicht Sichtbare zumindest vor das geistige Auge der Besucher zerren: Die Malerinnen richten in ihrer Erleuchtung und der Gabe der Beobachtung den Blick auf das Unscheinbare und sind offen für die kleinen Dinge im Leben. Nach einem VHS-Kurs mehr reichte es dann zum Bild vom traurigen Clown oder sich grundlos windende und räkelnde, weibliche Akte. Meist von hinten.

Am Ende der Eröffnung wurde dann bedeutungsschwer in den damals noch verrauchten Cafes diskutiert und man träumte von der eigenen Unsterblichkeit. Während des Studiums lernte man den Ehemann kennen, der sie auf Händen trug und immer gut verdiente. Während man sich 20 Jahre früher meist schon um die Enkelkinder kümmerte, ein Trost für die eigene Vergänglichkeit, blieb man selbst kinderlos und genoss das Leben. Oder die eigenen Kinder bewegten sich mit Sudentenausweis und Ende 30 immer noch auf dem Weg der Selbstfindung.

So bedeutungslos wollte man nicht abtreten. So musste man sich wenigstens deutlich von den Nicht-Künstlern, Unkreativen und Mangelerleuchteten abgrenzen. Man blieb meist unter sich, auch um einer sachlichen Kritik aus dem Weg zu gehen. Der eigentliche Kunstbetrieb, in dem es zwar auch nicht unbedingt um Qualität, sondern ums Überleben ging, strafte sie mit Nichtbeachtung. Das änderte aber nichts daran, dass diese Damen durch die eigene Selbsterhöhung von der Banalität ihres Lebens abgelenkt wurden.

Wo sind sie alle hin? Tummelt sich das gleiche Klientel nicht jetzt in diversen Helferkreisen für Flüchtlinge und Kampf-gegen-Rechts Projekten? Wieder sind es Frauen im gesetzteren Alter, die diesmal nicht mit Kreativität, Erleuchtung und Schaffenskraft prahlen, sondern mit Toleranz und Weltoffenheit. Es geht gar nicht um die Qualität und Sinnhaftigkeit ihrer Bemühungen, sondern um das Erleben von Gemeinschaft und die moralische Selbstüberhöhung.

Ich habe einen Bericht gesehen wie eine pädagogische Laiin versuchte, einer Gruppe junger arabischer Männer die Mülltrennung beizubringen. Die Peinlichkeit dieses Auftritts erregte fast Mitleid. Genauso wie man Teddybären und Kinderkleidung zu fast ausschließlich männlichen, testosterongesteuerten Nordafrikanern karrte. Inzwischen ist ja durchgesickert, dass die ein solches Verhalten schlicht gesagt „bescheuert“ fanden.

Unter die vermeintlichen Künstlerinnen hatte der Selbstbetrug keine Konsequenzen. Höchstens konnte man bei denen eine billige Deko für das Kreiskrankenhaus abgreifen. Jetzt schlug der Selbstbetrug gnadenlos zurück, wenn man die gesammelten Wohltaten für die Flüchtlinge tags darauf bereits im Müllcontainer fand. Wenn anstatt eines Dankeschöns immer unverschämtere Forderungen nachgeschoben wurden. Im Kreis der Helfer konnte man sich die Willigkeit der Betreuten und die eigenen Erfolge schönreden und alle Kritiker, als Nörgler, Abgehängte oder gar Nazis abkanzeln. Wieder wurden Presse und Politiker eingeladen, um das Engagement und die Integrationserfolge zu loben, die manchmal in keinem Verhältnis zum Aufwand standen.

Aus einem Malkreis kann man sich still und heimlich verabschieden, wenn man irgendwann eingesehen hat, dass es mit dem Talent doch nicht so weit her ist. Im Falle eines Helferkreises beschädigt man seine moralische Überlegenheit, mit der man vor denen geprahlt hat, die der Einwanderung von Haus aus kritisch gegenüberstehen und eine Integration von völlig fremden Kulturen als unmöglich erachten.

Nichts schlimmer als Schadenfreude aus dieser Richtung. Da muss am Ende entweder der Leidensdruck zu groß werden oder es kommt die Erleuchtung über Nacht, dass man von Staat, Asylindustrie und auch Migranten schamlos als billige Arbeitskraft ausgenutzt wurde. Vielleicht kommt auch die Erkenntnis, dass hier Flucht kein Naturereignis ist, sondern Ergebnis von politischem Versagen und geopolitischen und ökonomischen Interessen. Über Jahre hat man die Bürger bearbeitet, sich selbst zu optimieren, sexuelle und kulturelle Zwänge abzustreifen und sich körperlich und mental fit zu halten. Jede Leistung ist gleichwertig und muss honoriert werden, denn niemand darf wegen seines Unvermögens zurückgestellt werden. Alles ist für den einzelnen erreichbar, wenn man nur will. Jeder hat Anspruch auf alles, jeder Erdenbürger ist wertvoll und einzigartig, deshalb einen uns Vielfalt, Toleranz und Weltoffenheit.

Schön dieser Traum, wenn man jung ist und alle Türen offenstehen. Doch wenn sich langsam das Zeitfenster schließt, spürt man die eigene Vergänglichkeit, die man noch zu Lebzeiten mit der eigenen Bedeutsamkeit in den Augen der anderen zu überwinden sucht. Dabei ist jeder einzelne nur Ausdruck der eigenen Kultur, die er mit seinem eigenen Leben als Beispiel für die Jüngeren weiterträgt, wenn er sie schätzt, oder auch nicht. Dazu gehören Fertigkeiten, Kulturtechniken und besondere Einsichten. Wer sich als vergänglicher Teil dieses kulturellen Stroms sieht, wird auch allein aus diesem Grund Kinder in die Welt setzen und neigt nicht dazu, dass man ihm seine eigene Bedeutsamkeit irgendwie dauernd bestätigen muss.

Ich hege weder Verachtung noch Schadenfreude gegenüber Hausfrauen-Malkreisen oder gegenüber Helferkreisen. Eher ist es Mitleid, dass diese Menschen Dinge vorrangig deswegen tun, um ihren eigenen Selbstwert fortwährend bestätigt zu sehen.

Auch, wenn es sich hier mit Götz Kubitscheck um einen sogenannten „Neurechten“ handelt, so ist sein Zitat etwas, was man beiden Kreisen an die Hand geben möchte:

Wir stehen auf den Schultern von Riesen (Indigenität, Herkunft, Geschichte, Kultur, Rechtsordnung, Größe, Schuld usf.), und der individuelle Anteil unserer Identität beschränkt sich auf das Stückchen Leben, mit dem wir den Riesen größer machen. Mich macht das dankbar und bescheiden, andere nicht. Das ist schade, aber dem Riesen ist‘s egal.