Wenn das Gift wirkt.

Dieses mehrseitige Monitoring findet sich auf der Seite der Amadeu-Antonio-Stiftung. Da mich politische und historische Narrative interessieren, habe ich mir diesen Text etwas genauer angesehen. Es heißt „Narrative sind langfristig wirkmächtig, stellen Zusammenhänge her und bieten Legitimationen für die eigene Weltsicht.“ Das würde ich so unterschreiben. Man könnte nun erwarten, dass das Monitoring nach dem Ursprung vermeintlich rechter Narrative suchte, doch schon der Begriff „toxische Narrative“ wertet diese ab und unterstellt, dass sie zu Hass, Hetze, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit führen und am Ende oft nur Verschwörungstheorien seien. Als die gängigen Narrative nach Auswertung von über 2000 Texten werden genannt:

Bedrohung von außen (853-mal, 29 %) n Bedrohung von innen (707-mal, 24 %) n Widerstand und Lösungen (633-mal, 22 %) n Das Establishment manipuliert (198-mal, 7 %) n Globale Verschwörung (182-mal, 6 %) n Der Untergang der Deutschen (176-mal, 6 %) n Repression für Widerstand (159-mal, 6 %)

Diese Narrative werden von verschiedenen Akteuren verbreitet: Compact, PI-news, AfD, Identitäre Bewegung usw.

In der Verbreitung unterscheiden sich die Akteure nicht so signifikant, dass ich das erwähnenswert fände. Auffällig ist jedoch, dass in keinem einzigen Fall gezeigt wird, mit welchen Quellen die Narrative belegt werden. Man tut diese Quellen meist als unglaubwürdig ab, die vermeintlichen Fakten sind „fake-news“. Obwohl man dann zugeben muss, dass fake-news dabei keine wesentliche Rolle spielen. Überraschenderweise findet sich folgende Aussage:

Im Laufe des Jahres 2016 führten das britische Referendum über einen Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union (EU) sowie die Präsidentschaftswahl Donald Trumps in den Vereinigten Staaten (USA) dazu, dass weitere digitale Phänomene mediale Aufmerksamkeit erlangten, die prominent zur Beförderung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit eingesetzt werden können – allen voran Fake News und Social Bots…

Andererseits seien Fake News wiederum nur ein Symptom der systematischen Etablierung rechts-alternativer Medienlandschaften etwa um Breitbart, Fox News und die verschwörungstheoretische Seite Infowars herum, die Soziale Netzwerke äußerst strategisch und geschickt dafür nutzen, um eine Vielzahl irreführender Informationen bis hin zur Desinformation zu verbreiten.

Diese angebliche gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wurde doch hier wohl eher von den etablierten Medien vorangetrieben. Die Abstimmungsergebnisse wurden nämlich damit begründet, dass eher die weniger Intelligenten für Trump und Brexit gestimmt hatten, sozusagen ein Art Unfall, weil so viele Dumme zur Wahl gegangen sind. So viel Demokratieverständnis sollte man schon haben, dass man akzeptiert, dass eben auch die mitbestimmen, die in beiden Fällen die meisten Steuergelder generieren. Die in den Leitmedien verbreiteten Narrative haben dafür gesorgt, dass viele inzwischen Abneigungen gegen Russen, Griechen und Ungarn haben, weil man deren Mehrheitsmeinungen in Deutschland „aus moralischen Gründen“ nicht akzeptieren will.

Die oben genannten Narrative sind im Einzelnen noch genauer aufgeführt und es wird mokiert, dass sie sich in Echoräumen noch verstärken. Man erhält sozusagen durch Gleichgesinnte noch zusätzliche Bestätigung und weitere Quellen. Man kann auf keinen der „rechten“ Plattformen, welche mir als glaubwürdig erscheinen, mehr etwas veröffentlichen, ohne dazu eine Quelle anzugeben. Auch in den Kommentarspalten stellt man dies fest. Es entsteht sogar so etwas wie eine Selbstreinigung, die unglaubwürdige Quellen benennt bzw. Falschmeldungen aussortiert. Es entsteht dazu eine Art freiwillige Arbeitsteilung, wenn Leser das Netz durchforsten nach Lebensläufen, Sponsoren, Organisatoren usw. um Querverbindungen offen zu legen, die dem Leitnarrativ zuwiderlaufen, und diese dann wieder veröffentlichen. Aus vielen einschlägigen Foren haben sich die meisten Hetzer mangels angemessener Rechtschreibung und geistiger Masse inzwischen verabschiedet, bzw. sind verabschiedet worden.

Die Belege stammen ja meist aus den seriösen Quellen unserer Medien, Wikipedia oder staatlichen Institutionen; nur hängt man sie nicht an die große Glocke. Aufschlussreich sind auch ungeschnittene Aufzeichnung von Veranstaltungen. Die Rechten haben erkannt, dass man damit die Berichterstattung der Leitmedien aushebeln kann, die nur allzu gerne durch Schnitt und Kommentar ein gewünschtes Narrativ verbreiten.

Dass die Narrative der Leitmedien zu Syrien, der Ukraine, des NSU u.a. nicht haltbar sind, ist ja auf diesem Blog schon mit Quellen belegt worden. Deshalb möchte ich zu jedem der vermeintlichen toxischen Narrative ein Beispiel geben, das diese Narrative deutlich stützt. Man sollte dazu jeweils die Behauptungen lesen, die ungerechtfertigter Weise im toxischen Narrativ verwendet werden. Meine Links beziehen sich jeweils genau darauf.

Bedrohung von außen: Migration führt zur Destabilisierung; genau beschrieben in Weapon of Mass Migration, erste Folgen sind in Frankreich zu erkennen.

Bedrohung von innen: (Deutschland muß von außen eingehegt, und innen durch Zustrom heterogenisiert, quasi „verdünnt“ werden.)

(Widerstand und Lösungen)

Das Establishment manipuliert: Es manipuliert vor allem die öffentliche Meinung durch ihre Narrative. Der Syrienkrieg und die Einmischung durch den Westen ist keine Folge der Unterdrückung des Arabischen Frühlings, sondern lange geplant. Die Eskalation wird auf Russland geschoben. Dadurch werden die Flüchtlingsströme gerechtfertigt bzw. dem Ansehen Russlands geschadet.

 

Globale Verschwörung: Dort heißt es: Selbst eine offenkundig absurde Erzählung wie die über den »großen Austausch« schafft es immer wieder, in Mainstream-Medien besprochen zu werden und so rechtsextremes Gedankengut präsent zu halten. Ohne die Umwandlung in eine griffige Erzählung würde die Idee, geheime Kräfte arbeiteten an der Ausrottung der weißen Bevölkerung in Europa, sicher leichter als die wahnhafte Verschwörungstheorie erkannt und ihr damit die Grundlage für eine Diskussion entzogen.

Dabei hat der französische Staatspräsident 2008 selbst in einer Rede gesagt, dass das Ziel eine Rassenvermischung ist, wenn nötig auch mit Zwangsmaßnahmen.

Der Untergang der Deutschen: „Replacement“ in Bezug auf Europa propagiert sogar die UN.

Repression für Widerstand: Die Facebooksperren gegenüber Islamkritikern wie Abdel Samad u.a. oder die Verweigerung von Tagungsräumen für die AfD dürften bekannt sein.

In seinen Handlungsstrategien tun sich die Autoren nun schwer, ein Gegengewicht zu den toxischen Narrativen zu finden. Es würde ja auf der Hand liegen, dass man für die Verbreitung des eigenen Narratives mit entsprechenden Quellen sorgt. Doch die Handlungsstrategien bleiben doch recht dünn. Es heißt unter anderem:

(…) # Gegenseitig stärken Das Ziel von Narrativen ist es, Deutungshoheit zu gewinnen und Themen zu setzen. Das geschieht immer auch über die Behauptung, (vorgespiegelte) Mehrheiten zu vertreten. Wer sich in die Auseinandersetzung begibt, sollte nicht allein auf weiter Flur stehen müssen. Unterstützen Sie andere beim Argumentieren, ermutigen Sie sie und bestätigen Sie Aussagen, denen Sie zustimmen. Entscheidend ist es, die Logik zu durchbrechen,

Diese Stelle ist ja beinahe selbstentlarvend, wenn ein Gegennarrativ von den Leitmedien und den etablierten Parteien als lächerlich gebrandmarkt wird. Das passierte sogar Sarah Wagenknecht im Bundestag, als Claudia Roth ihre Einlassungen nicht widerlegte, sondern als lächerlich bezeichnete. (Video finde ich gerade nicht)

Im Umfeld des „Kampfes gegen Rechts“ haben sich ja medial oder staatlich geförderte Plattformen etabliert. Ich habe z.B. das „Netz gegen Nazis“ am Anfang des Jahres nach rechten Gewalttaten durchforstet (tritt, glaube ich, inzwischen unter anderem Namen auf)

Auffallend war, dass die Schreiber außergewöhnlich schreibfaul waren. Da ist staatliche Förderung eher kontraproduktiv. Auch war die Zahl dokumentierter Einzelfälle im Vergleich der statistisch erfassten Fälle schwindend gering. Da musste zum Beispiel ein Fall herhalten, wo ein Betrunkener die Fahrräder von Syrern umgeworfen hatte.

Das gleiche gilt für den von der ZEIT geförderten Störungsmelder. Bis heute neun Einträge für November ohne jeglichen Kommentar. Wäre nicht im Forum die Möglichkeit dann die jeweiligen toxischen Narrative zu entlarven?

Wer die Kommentarspalten von „DIE WELT“ liest oder die Gästebücher der Talkshows, der trifft auch hier häufig auf diese toxischen Narrative. Aber trotz einer hohen Anzahl an Kommentaren, findet sich niemand, der fundierten, sachlichen Widerspruch bietet. Abgesehen gegen die völlig verqueeren Ergüssen aus dem NPD-Lager (ich unterstelle mal, dass die aus diesem Lager kommen)

Am Ende lässt sich meiner Meinung nach das Monitoring so zusammenfassen. Die vermeintlich rechten Narrative setzen für sich voraus, dass es unterschiedliche und in Teilen nicht kompatible Kulturen gibt. Sie gehen davon aus, dass ethnisch homogene Bevölkerungen stabiler sind als solche, die sich aus völlig unterschiedlichen ethnischen und religiösen Gruppen zusammensetzen. Die Vergangenheit hat diese Annahmen bisher immer bestätigt. Man sehe sich nur den Libanon an, wie der sich in den letzten Jahrzehnten (negativ) entwickelt hat.

Dass daraus eine gewisse Abneigung gegen unkontrollierte Einwanderung entsteht, ist menschlich. Auch dass die Leitmedien fortwährend und in penetranter Art versuchen, bestimmte gewünschte Narrative in der Bevölkerung zu verankern, stößt vielen sauer auf.

Eigentlich müsste das Monitoring am Ende Folgendes konstatieren: Die von den Leitmedien und der Politik verbreiteten Narrative sind teilweise so fehlerhaft und widersprüchlich, dass man sie nicht offensiv verteidigen kann, ohne dass dies gleichzeitig auffliegen würde. Gängige Narrative werden nur von denen verbreitet die dadurch einen persönlichen Vorteil (bzw. keinen Nachteil) generieren wollen: Künstler, Journalisten, Angehörige an Hochschulen, Lobbyisten, usw.

Eine Forenkultur, die sich intellektuell mit politischen und historischen Entwicklungen auseinandersetzt, ist auf der linken Seite kaum entwickelt. Allein die Seite „propagandaschau“ würde ich dort einordnen, obwohl sie ja selbst unzählige Quellen liefern, die auch die „toxischen Narrative“ stützen.

Am Ende bleibt für mich und wohl auch für die Verfasser die Erkenntnis: Ideologie lässt sich eben in Zeiten des Internets auf die Dauer schwer verkaufen.

Bild: Youtube screenshot