Der Frust der Nazijäger

Nur Naivlinge glauben, dass die Bundeszentrale für politische Bildung eine völlig andere Stoßrichtung vertritt, als vom Mainstream vorgegeben. Es findet sich dort ein „kleiner Formulierungsratgeber für Journalisten“, wo man sich in Kombination mit dem Pressekodex vorstellen kann, warum unsere Zeitungen inzwischen so aussehen, wie sie aussehen. Unter „weitere Inhalte“ findet man dann einen Artikel über „Sprachhygiene“, aus dem es wert ist zu zitieren:

… Hier zeigt sich – zum Teil bei den gleichen Sprechergruppen – das Auseinanderfallen von öffentlich vertretener Norm und tatsächlichem Sprachverhalten. Das Streitthema „Vergangenheitsbewältigung“ wird im politischen Geschäft der „Bewältigung der Gegenwart“ von allen Parteien und gesellschaftlich relevanten Gruppierungen ausgenutzt.

Trotz der inzwischen ritualisierten, geradezu reflexhaft gewordenen öffentlichen Kritik erfreut sich die Benutzung von NS-Vokabular und NS-Vergleichen in der öffentlichen Kommunikation stetig wachsender Attraktivität. Diese immer noch zunehmende Inflationierung führt im Resultat aber nicht nur zu einer Relativierung der NS-Verbrechen, sondern auch dazu, dass sich dieser Sprachgebrauch allmählich „abnutzt“. Je häufiger NS-Vokabular und NS-Vergleiche eingesetzt werden, desto alltäglicher erscheinen sie und desto weniger zuverlässig funktioniert ihr Einsatz als „Eyecatcher“ und „Waffe“ in der politischen Auseinandersetzung.

Vielleicht verkennt man hier Ursache und Wirkung. …

Trotz der inzwischen ritualisierten, geradezu reflexhaft gewordenen öffentlichen Kritik… Müsste es nicht heißen „wegen“? Schließlich haben sich nicht die Begriffe abgenutzt, sondern die Kritik und das Geschwafel der Dauerempörten wegen vermeintlicher Nazibegriffe; das kann niemand mehr hören. Zu einer Inflationierung vermeintlicher Nazibegriffe kommt es nicht, weil sich die Begriffe „abnutzen“, sondern, weil die Sprachwächter meinen, sie müssten bei jedem Begriff, den sie in der Nähe des Nationalsozialismus wähnen, herumzetern. Echte Deutsche sollten inzwischen Schuldgefühle bekommen, wenn sie 18 oder 88 Jahre alt werden. Es ist irgendwann auch nicht mehr ernst zu nehmen, wenn inhaltlich richtige Äußerungen allein wegen der vermeintlich „falschen“ Wortwahl verrissen werden.

Nochmal:

… Je häufiger NS-Vokabular und NS-Vergleiche eingesetzt werden, desto alltäglicher erscheinen sie und desto weniger zuverlässig funktioniert ihr Einsatz als „Eyecatcher“ und „Waffe“ in der politischen Auseinandersetzung.

Nicht die Begriffe werden als „Waffe“ verwendet, sondern die Kritik an der Wortwahl dient dazu, dass man sich mit dem Inhalt gar nicht auseinandersetzen muss, den Absender diskreditieren kann oder es ein reines Ablenkungsmanöver ist.

Die gezielte sprachliche Normverletzung sichert nicht mehr automatisch die öffentliche Aufmerksamkeit. Ablesen lässt sich das unter anderem daran, dass inzwischen eine Vielzahl solcher sprachlichen „Entgleisungen“ von den Medien nur noch vermeldet, jedoch nicht mehr kritisch kommentiert werden und dass neue Bildspendebereiche wie etwa die DDR oder die Stasi (z.B. Stasimethoden) auftauchen. 

Muss es nicht heißen: auch wenn man „Nazi, Nazi“ schreit, gehen die Leute inzwischen eben nicht mehr davon aus, dass es sich um eine plumpe, antisemitische oder rassistische Äußerung handelt, sondern um Kritik an der gegenwärtigen Regierung und deren medialen Sprachrohren.  Das schadet natürlich der erhofften Aufmerksamkeit der meist staatlich alimentierten Mahner und Warner aus der „Kampf-gegen-rechts-Fraktion“. Dass die angeblichen sprachlichen „Entgleisungen“ nicht mehr kommentiert werden, liegt eben daran, dass die Leute es einfach nicht mehr hören können und das Quote und Auflage drückt. Wer durch Neukölln geht, Frankfurt oder Duisburg, der sieht eben nicht unbedingt das 3. Reich neu heraufziehen, das man durch die „falsche“ Wortwahl schon in der Mitte der Gesellschaft wähnt.

Für die linken Sprachhygieniker ist es umso ärgerlicher, dass nun Begriffe wie „Stasimethoden“ Konjunktur haben. Um politische Gegner zu vernichten, stellt man heute eben keine grenzdebilen Braunhemden vor deren Laden. Heute setzt man Werbekunden von alternativen Webseiten unter Druck, bedroht Hotels, wenn man „unerwünschte“ Personen beherbergt oder lässt Twitter- oder Facebook-Accounts für Banalitäten blockieren oder löschen, wenn sie vom politischen Gegner kommen.

Die Verpflichtung zum Antifaschismus der DDR ist mit den gleichen Methoden unter anderem Vorzeichen auf die BRD übergegangen. Ohne das scharfe Schwert der Stasi, lassen sich die Deutschen aber eben noch nicht in gewünschter Weise gegeneinander aufhetzen, instrumentalisieren oder ruhigstellen.

Vor allem in sachlichen Diskussionen zur Flüchtlingskrise kann man sich das zu Nutze machen, wenn es hart auf hart kommt, denn (noch) fehlt es den selbsternannten Blockwarten und neuen Stasispitzel an der gleichen Macht, wie in den beiden deutschen Diktaturen zuvor.

„Du kannst mich auch Nazi nennen. Das ändert aber nichts an den Tatsachen,“ kann einem da noch ganz locker über die Lippen kommen.

Bild: Screenshot bearbeitet

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