Wenn Kunst auf degeneriertes Menschenmaterial trifft.

Die Kunst der Renaissance stellte den Menschen in den Mittelpunkt. Mit dem heutigen „Menschenmaterial“ wären diese Werke niemals möglich gewesen.

Michelangelo Buonarroti war ein begnadeter Künstler der Renaissance. Den „David“ schlug er aus einem schon einmal behauenen, über fünf Meter hohen Marmorblock, wobei er diesen in seiner Größe vollständig nutzte. Als eines seiner Jugendwerke gilt die Kentaurenschlacht. Die Schlachtszene ist dort auf wenige Akteure verdichtet. Die geringe Anzahl der Kämpfer ist der Wirkung und Dramatik nicht abträglich. Warum ist das so? Es ist nicht nur die formale Verwendung von ästhetischen Prinzipien wie „Stufung und Steigerung“ oder „Einheit in der Mannigfaltigkeit“, sondern dass alle charakteristischen Akteure jeweils in einer Person symbolisch dargestellt werden: der Held und sein Gegenspieler, der Mutige in der zweiten Reihe, der durch den Held angespornt wird, der Feigling, der Hinterhältige, der Sterbende oder der Tote. Alle sind stimmig in einem Bild verwoben und beziehen sich aufeinander. Das wirkte damals schon und wurde gerne kopiert. Am Ende blieben aber leere Dramatik und grundlos sich windende Gestalten mit ebensolcher Mimik. Der Manierismus mit seinen Kopisten lieferte danach unzählige technisch vollendete aber inhaltsleere Bilder und Plastiken. Am Ende wird alles zu reproduzierbarem Kitsch. Wer kennt nicht die kleinen Putten, diese kleinen kitschigen Engelchen, die sich in der Weihnachtsdeko winden.

Was hat das mit unseren Nachrichtensendungen, der Lindenstraße oder einem Tatort zu tun? Die Lindenstraße war und ist die Kentaurenschlacht als Daily Soap (Hab sie vor 20 Jahren wohl einmal gesehen). Ein Weißer, ein Schwarzer, ein Rollstuhlfahrer, eine Schwuler, ein Rechtsextremer, usw. Das wirkt natürlich voll schräg, wenn alle in einer Straße wohnen und sich kennen und die Handlungsstränge „dramatisch“ ineinander verwoben sind. Deshalb glaube ich, dass das am Ende eines harten Arbeitstages so ist, wie Zähneputzen am Morgen, nur fürs Hirn. Kaum einer wird dieses Theater mit Realität verwechseln, auch wenn mancher davon ergriffen wird.

Nun fahren aber inzwischen Nachrichten und auch „anspruchsvollere“ Unterhaltungssendungen wie der Tatort auf dieser Schiene.

Die „seriösen“ Nachrichten bringen in ihren Einspielern keinen filmischen Ausschnitt der Ereignisse, wo wir den Rest stimmig ergänzen können, sondern durch passenden Schnitt und Text eine Art moderner Kentaurenschlacht. Zum Beispiel Syrienberichterstattung:

Startende US-Kampfflugzeuge (die Helden), kurzer Einspieler von Assad (Gegenspieler), danach Explosion in einer Stadt, russische Fahrzeuge verschwinden (feig) hinter einer Düne, jubelnde Rotte von IS-Kämpfern, Weißhelme tragen verletztes Kinder weg, Frau weint in Trümmern um toten Sohn.

Wer nur Ansätze für die Gründe dieses Konflikts kennt, der wird solche Einspieler irgendwann für völlig kitschig und unglaubwürdig halten, denn keines der gezeigten Einzelbilder ist dann mit den anderen irgendwie stimmig verschränkt. Das ist wie Catchen im Fernsehen oder ganzjähriges Weihnachtsliedersingen. Man kann es nicht mehr sehen! Man kann es auch nicht mehr hören! Bei solchen Kriegsbildern kann man aber noch locker in die Chips beißen.

Zeigt doch mal um acht und unverpixelt und ungeschnitten wie der IS einem Deliquenten in Zeitlupe den Kopf mit der Panzerfaust pulverisiert oder mit dem Messer einen Kopf absäbelt, bis es an der Wirbelsäule hakt und man ihn dann mit mehreren Drehungen vom Rumpf trennt. Ganz wichtig auch die Allahu-Akbar-Rufe der begeisterten Zuschauer. Spielende Kinder, die auf die Trümmer von Ost-Aleppo zeigen und dann ein paar hundert Meter lachend weiterlaufen zum Basar oder einen Christbaum in West-Aleppo. Da würden uns die Chips noch vor dem Wetterbericht hochkommen.

Im Anschluss noch ein Tatort gefällig? Lesbische Kommissarin (Heldin), grenzdebilder Vorgesetzter, Mord an linkem Sozialpädagogen aus der Flüchtlingshilfe, Migrant verdächtig, rettet am Ende Kommissarin, Mob im Dorf will ihn lynchen, Mörder ist ein blonder Nazi. Spielt natürlich rechts hinter Dresden.

Kann man natürlich wegschalten. Aber so wie die betenden Hände in jedem Schafzimmer hingen, wie Farblithographien von Heiligenszenen in der Art Paradiesszene des „Leuchtturm“, so kann man dieser Penetranz nicht entkommen. „Dahoam is dahoam“, „GZSZ“, jeder „sozialkritische“ Film: Jede Praktikantin am Set will noch ein Klischee unterbringen. All die Sendungen werden flankiert von endlosen Hitlerdokus über seine Frauen, seine Waffen, seinen Salat oder seine Hunde. Schwarz-weiß und in Farbe, neben Boulevard-Magazinen, die jede Banalität hochkochen, und Dschungelcamp, Kochshows und DSDS, wo in einer Scheinrealität gelitten und gewinselt wird, wenn man die nächste Runde nicht erreicht.

In der Vergangenheit focht jeder in seiner eigenen Kentaurenschlacht. Es gab echte Personen, wo man in Liebe, Anteilnahme, Ablehnung oder gemeinsamen Interessen miteinander verbunden und verwoben war.

Heute sind wir eine Armee vereinzelter, sich grundlos theatralisch windender Putten, die am Schicksal von Scheinrealitäten Anteil nehmen und die Protagonisten kopieren. Das echte Leben spannt sich fad zwischen „Alles gut“ oder „Wir müssen reden“. Das eigene Leben ist so banal und inhaltsleer geworden, weil wir vor lauter Posten und Kommentieren dieser Banalitäten gar keine Zeit mehr haben, uns mehr als eine halbe Stunde lang intensiv mit einer Sache zu beschäftigen. Eine Woche, ein Monat oder sogar Jahre auf etwas hinarbeiten? Einen Marathon nicht nur zum Durchkommen laufen? Ein Musikinstrument erlernen und nie ganz zufrieden sein? Heute unmöglich!

Wer heute den Studentenausweis überreicht bekommt, hält sich spätestens dann für gebildet. Es gibt keine Qualitätsnormen mehr, an denen man sich wirklich abarbeiten müsste. Jeder Singsang wird zum Meisterwerk gehypt. Jeder, der einen Wikipedia-Artikel fehlerlos rezitieren kann, gilt heute schon als Experte auf diesem Gebiet.

Wo keine echte Leidenschaft ist, kein Ringen um die Sache der Sache selbst Willen, das auch immer das Scheitern miteinschließt, wo es keine Widerstände zu überwinden gibt und keine ehrliche Ergriffenheit, wenn man mit einer Sache eins wird, da bleibt nur leere Theatralik. Da bleiben winselnde Schneeflöckchen, die jede sachliche Kritik persönlich nehmen und schon von einem lauwarm geführten Diskurs traumatisiert werden. Die aber auf der anderen Seite gegen einen medial aufgeblasenen Gegner gefahrlos „Gesicht zeigen“ und „Zeichen setzen“ und sich einreden, sie befänden sich im Widerstand 33 reloaded.

Da wo allen klar ist, wo das alternativlos Gute liegt und Leistung verpönt ist, da muss auch nicht mehr gekämpft, gerungen oder wenigstens diskutiert werden.

Nix mehr Kentaurenschlacht. Mangels Begabung, Fähigkeiten und Menschenmaterial nur wer banale politische Statements.

Bild: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/3/39/Michelangelo%2C_centauromachia%2C_1492_ca._01.JPG/280px-Michelangelo%2C_centauromachia%2C_1492_ca._0.jpg