Ist es wieder soweit?

Man will ja nicht unken. Vielleicht sprechen sich ja die engsten Mitarbeiter von Merkel schon ab und laden sie dann zum Gespräch ins Kanzleramt. Da eröffnet man ihr dann, dass man einen Nachfolger für sie bestimmt hätte. Wer das am Gang schon vorher irgendwie mitbekommen hat, ruft hektisch die engsten politischen Freunde an. Büromitarbeiter werden noch schnell einbestellt und dann lässt man ordnerweise die Akten durch den Schredder. Das Zuviel an Schnipsel bringt man in den Tiefkühltaschen von ALDI, mit denen man sonst das Sushi holt, unauffällig zum Auto in die Tiefgarage. Am Görlitzer Bahnhof und am Frankfurter Tor stopft man das Ganze dann in die halbvollen Papiertonnen, weil da steht vor zehn eh keiner auf. Mit den Neigen in den Rotweinflaschen wird die Tastatur des Laptops geflutet. Ersatz muss her.

Der Fahrdienst wartet vorm Haus. Während der Sohnemann sich schlaftrunken im Bett räkelt, wird sein Laptop abgestöpselt. Schnell ein bisschen Parteischeiße installiert, den Internetverlauf mit #120dB und „Cottbus wehrt sich“ frisiert. Drüben am Glockenturm spiegelt sich die Morgensonne. Kurz noch ein Blick über das Büro. An der Pinwand hängt noch der Flyer von „Aufstehen gegen rechts“; schnell zerknüllt und in die Jackentasche gestopft. Am Spreeufer kehren ein paar orangene Jacken. Friedrichsstraße S-Bahn, eine Runde um Berlin. Der Bildschirm in der Bahn bringt noch nichts. Am Platz zur Luftbrücke gibt es ein nettes Cafe schräg gegenüber von einem Obststand. Zwei Cappuccino. Zurück in der U-Bahn meldet der Bildschirm: Merkel zurückgetreten! Nachfolger…. Man steigt entspannt am Bundestag aus und gibt sich beim Gang ins Büro überrascht aber entspannt.

Ein älterer Herr blickt vom Fenster im ersten Stock in die gleißende Morgensonne. Etwas rechts von ihr kann er gerade so die Siegessäule erahnen. Joachim saß an der Quelle und hatte weniger Stress, als der gewöhnliche Abgeordnete. Wie damals konnte er unschöne Akten rechtzeitig an sich nehmen und sie entsprechend entsorgen. Sicher, da waren noch diese unschönen Zitate, die in letzter Zeit immer wieder gegen ihn instrumentalisiert wurden, doch mit dem NetzDG genügte ein Anruf, entsprechende Seiten vorübergehend oder dauerhaft stillzulegen. Joachim hatte eine große Rede gehalten. Er hatte schon früh gewarnt, dass das Land überfordert wäre. Gegen halb neun würde er von Dunja Hayali im Morgenmagazin interviewt. Schon lange hatte auch sie vor der Entwicklung gewarnt.

Ein anderer Herr hatte vom Fenster fast den gleichen Blickwinkel wie Joachim. Gegen Morgen stehen mehrere Polizeiwagen vor dessen Haus und Joachim entspannt sich. In den nächsten Tagen wird man ihn anrufen, ob er Deutschland in dieser schweren Zeit in seinem alten Amt eine moralische Stütze sein könnte. Eine Art Kompass, an dem sich die Deutschen ausrichten könnten. Er würde annehmen.

Schließlich hatte er wie damals den Wandel frühzeitig erkannt:

„(…) Ein Nationalstaat darf sich nicht überfordern. Wer sich vorstellt, quasi als imaginierter Vertreter eines Weltbürgertums alle Grenzen des Nationalstaates hinwegzunehmen, überfordert nicht nur die materiellen, territorialen und sozialen Möglichkeiten eines jeden Staates, sondern auch die psychischen Möglichkeiten seiner Bürger. Sogar der weltoffene Mensch gerät an seine Grenzen, wenn sich Entwicklungen vor allem kultureller Art zu schnell und zu umfassend vollziehen.

Einen großen Einfluss in der Integrationspolitik hat lange Zeit die Konzeption des Multikulturalismus gehabt: Was sich auch immer hinter den einzelnen Kulturen verborgen hat – Vielfalt galt als Wert an sich. Die Kulturen der Verschiedenen sollten gleichberechtigt nebeneinander existieren, für alle verbindliche westlich-liberale Wertvorstellungen wurden abgelehnt. Ich verstehe, dass es auf den ersten Blick tolerant und weltoffen anmuten mag, wenn Vielfalt derart akzeptiert und honoriert wird. Wohin ein solcher Multikulturalismus aber tatsächlich geführt hat, das hat mich doch erschreckt.

So finde ich es beschämend, wenn einige die Augen verschließen vor der Unterdrückung von Frauen bei uns und in vielen islamischen Ländern, vor Zwangsheiraten, Frühheiraten, vor Schwimmverboten für Mädchen in den Schulen. Wenn Antisemitismus unter Menschen aus arabischen Staaten ignoriert oder mit Verweis auf israelische Politik für verständlich erklärt wird. Oder wenn Kritik am Islam sofort unter den Verdacht gerät, aus Rassismus und einem Hass auf Muslime zu erwachsen. Sehe ich es richtig, dass in diesen und anderen Fällen die Rücksichtnahme auf die andere Kultur als wichtiger erachtet wird als die Wahrung von Grund- und Menschenrechten?

Ja, es gibt Hass und Diskriminierung von Muslimen in unserem Land. Und sich diesem Ressentiment und dieser Generalisierung entgegenzustellen, sind nicht nur Schulen und Politik gefordert, sondern jeder Einzelne. Beschwichtiger aber, die kritikwürdige Verhaltensweisen von einzelnen Migranten unter den Teppich kehren, um Rassismus keinen Vorschub zu leisten, bestätigen Rassisten nur in ihrem Verdacht, die Meinungsfreiheit in unserem Land sei eingeschränkt. Und sie machen sich zum Verbündeten von Islamisten, die jegliche, auch berechtigte Kritik an Muslimen abblocken, indem sie sie als rassistisch verunglimpfen.

Zu viele Zugezogene leben noch zu abgesondert mit Werten und Narrativen, die den Gesetzen und Regeln und Denkweisen der Mehrheitsbevölkerung widersprechen, zu viele leben hier seit vielen Jahren oder gar Jahrzehnten, ohne die Geschichte dieses Landes zu kennen. Um das zu ändern und uns gemeinsam auf eine Zukunft in diesem Land zu verständigen, brauchen wir – wie einst zwischen einheimischen und vertriebenen Deutschen – vor allem eines: mehr Wissen übereinander. Mehr Dialog. Mehr Streit. Mehr Bereitschaft, im jeweils Anderen unseren eigenen Ängsten, aber auch neuen Chancen zu begegnen. (…)“

 

Ein Gedanke zu “Ist es wieder soweit?

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.