Doping: #wetoo

Da kann ich mir jetzt die Schadenfreude nicht verkneifen. Bei internationalen Sportmeldungen hat man bis jetzt immer etwas mit Russland+Doping angehängt und alle die Bösen haben auch immer irgendwie Putin gekannt. Obwohl keiner der russischen Sportler jemals positiv getestet wurde, will man sie sperren. Das Ende ist noch nicht raus. Man sollte sich mal lockermachen, denn „Manipulationen beweisen“ können nur die Guten, also wir, und darauf sollte man nicht vertrauen, dass wir die Guten sind. Die klare Grenze positiv gleich positiv, negativ gleich negativ bzw. schlauer als der Test, sollte für alle gelten. Wenn man jemanden nicht erwischt, aber weiß, dass er manipuliert hat, dann ist es halt blöd gelaufen. Das sollte man „sportlich“ sehen. Und auch Hajo Seppelt sollte sich dran halten:

Denn plötzlich heißt es #wetoo. Ist ja zu blöd, dass nun auch 22 deutsche Langläufer aus den 313 Medaillengewinnern seit 2001 mit dopingverdächtigen Blutwerten darunter sind. Der Witz dabei ist, dass die in diesem Zeitraum zum einen im Einzel nur eine magere Ausbeute hatten und zum anderen da höchstens einen Durchlauf von 6 Läufern in der Weltspitze hatten. Das heißt, die waren durchweg immer alle gedopt.

Ich habe selbst Leistungssport betrieben, habe Olympiateilnehmer und auch Olympiasieger kennengelernt, bin selbst an einem Stützpunkt gewesen und habe da auch ein bisschen reingesehen, auch wenn mir Vieles erst hinterher klar wurde. Man muss bedenken, dass es im Kalten Krieg relativ viele Stützpunkte bei BW, Grenzschutz und Grenzpolizei gab; mit entsprechender Konkurrenz untereinander. Und man muss bedenken, dass es damals weder Internet, facebook oder whatsapp gab. Da konnte man weder alternative Trainingspläne runterladen oder „Nahrungsergänzungsmittel“ googeln oder gar bestellen. Den Stützpunkt gibt es nicht mehr, ist über 30 Jahre her. Alle paar Jahre trifft man sich und freut sich, dass man sich wiedersieht. Darum nenn ich auch keine Namen.

Doping in Deutschland war zwar auf Umwege staatlich finanziert, aber eher Privatsache. Ich kann mich zwar an die Namen „Keul“ in Freiburg und „Hollmann“ in Köln erinnern, die dort das Doping vorantrieben, im Fernsehen wurden die aber immer sehr positiv dargestellt, soviel ich mich nach über 30 Jahren erinnern kann. Wie die grobe Struktur aussah, kann man hier nachlesen.

Heute läuft es vielleicht anders wie damals. Der Bundeswehrstützpunkt bestand bei uns im Grunde aus drei Gruppen. Ich nenne sie mal die Regional-Bastards, „Lieblinge“ und die mit Lobby. Ich gehörte zu den Regional-Bastards. Das waren alle, die eben nach dem Motto trainierten „Viel hilft viel“ und bei Misserfolg wird noch härter trainiert. Man kam eher zufällig zu Höchstform und konnte durchaus in der nationalen Spitze mithalten. So wuchs man bei der Einberufung zum Wehrdienst oder als Zeitsoldat, bzw. über Grenzschutz und Grenzpolizei in Fördergruppen hinein. Man ernährte sich von Leberkäsesemmeln, Schokolade und EPA. Ernährungspläne gab es nicht und ich kann mich erinnern, dass mir meine Eltern eine 3kg Tüte Müsli zum Geburtstag geschenkt haben, als das erste Reformhaus im Ort eröffnet hatte. Die Läufer mit Lobby waren Läufer, deren Eltern Trainer- oder Verbandsfunktionen hatten. Die hatten immer besseres Material, Betreuung und Kleidung und beeinflussten auch Staffel- und Mannschaftsaufstellungen. Die „Lieblinge“ hatten Günstlinge aus diesem Bereich, man hat sie aber immer fallengelassen, wenn die Leistung nicht stimmte. Da passierte es wie bei den Bastards, dass sich Trainer an der Strecke weggedreht haben, anstatt die Zwischenzeit zu geben.

Ein Regional-Bastard, der schon 10 Jahre am Stützpunkt war, brachte die Unterschiede der Gruppen mal auf dem Punkt:

„Am ersten Dog kann I no midhaltn und am Sonntag bin I hi. Und er schaut aus wia da Tod und rennt immer na wiad Sau!“

Bei drei Wettkämpfen in vier Tagen hatten „Lobbyläufer“ zwar schon verschiedene Graustufen im Gesicht durchgemacht, liefen aber so schnell wie am ersten Tag. Man ist nämlich immer nur so gut, wie man gut ist, wenn man schlecht ist. Ein ungedopter Bastard schaffte das meines Wissens nie, diese Konstanz zu erreichen. Außer sie haben beim Biathlon außergewöhnlich gut geschossen.

„Do kimmt a 18-jähriger und nach oam Jahr hod der Oberschenkel wia I ned noch 10 Johr!“

Deswegen nannten wir einen auch Mr. Oberschenkel. Da die Dopingmittel noch nicht so ausgereift waren wie heute, bekamen die immer Riesenpickel auf dem Rücken, die man beim Duschen sah.

„Heid hod a wieda Riesenvulkane am Buckl!“ hieß es dann immer.

Trotzdem gibt es ja heute noch Ausreißer, denen man es ansieht, wie eine weißrussische Kugelstoßerin, die dann bei der Goldmedaille gejubelt hat wie Wladimir aus dem Eisenwalzwerk. Oder eine US-Turnerin, die aussah wie das Michelinmännchen. Die wurden beide danach positiv getestet.

Wenn die Kaderleute von Lehrgängen zurückkamen, waren die immer fit wie ein Turnschuh, sodass wir dann zum Spaß meinten, ob sie wieder auf Regeneration fahren, wenn wieder einer anstand.

Wenn einer von den Bastards schwere Beine hatte, meinte der, er bräuchte auch mal einen Lehrgang.

Irgendwie war es dann eine Genugtuung, dass später einer vom Stützpunkt seine WM-Medaille zurückgeben musste, weil er positiv getestet worden war.

Die ganzen deutschen Sportjournalisten sind riesen Heuchler, wenn sie uns weißmachen wollen, dass deutsche Sportler grundsätzlich sauber sind. Wie in jedem anderen Land auf der Welt heißt es: Dopen tun immer die anderen. Die Deutschen dagegen sind Weltmeister darin, dass sie mit ihrem moralischen Zeigefinger immer auf andere zeigen. Vor allem wenn’s gerade passt, weil man ohnehin gerade gegen ein anderes Land hetzt.

 

Ein Gedanke zu “Doping: #wetoo

  1. Das Dopen hat es schon immer gegeben. Nur konnten es manche besser und andere nicht so gut. Wenn es Staatsdoktrin war, wie in der DDR, die durch sportliche Erfolge politische Aufwertung erreichen wollte, dann wurde es auch weltmeisterlich betrieben. Da wurden finanzielle Aufwendung und personelle und technische Ressousurcen in einem Umfang eingesetzt, die volkswirtschaftliche Schäden verursachten, eingesetzt. Das konnte und wollte sich nicht jedes Land leisten.
    Russland ist auf diese Schiene zurückgekehrt.

    Inzwischen hat das Doping einen unerträglichen Umfang erreicht. Selbst im Freizeitsport wird gedopt. Jedenfalls berichtet mir mein Schwiegersohn entsprechendes, der Triathlon auf niedriger Ebene betreibt. Nur zur eigenen Freude und Gesunderhaltung.

    Bei mir ist dadurch ein völliges Desinteresse am Sport entstanden. Ich sehe mir keine Sportübertragung mehr an.

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