Das Trauma durch andere Meinungen.

Das Wort Kollateralschaden findet zur Beschönigung von Maßnahmen der NATO, um eine Demokratie herbei zu bomben, derart oft Anwendung, dass ich glatt überlegen musste, wie das Gegenteil lauten muss. Denn heute war es soweit, dass ich bei meiner Recherche feststellen musste, dass ursprüngliche Ereignisse von den Medien auf unterschiedliche Weise vorverdaut werden, bis wir sie lesen (dürfen). Das war sozusagen der Kollateralnutzen, das mal an einem einzigen Ereignis sehen zu können.

Ich verfolge ja immer gerne die Entwicklung an den amerikanischen Universitäten. Dort gab es 2017 bei dem Auftritt von Milo Yiannopoulos an der University of California in Berkeley gewaltsame Ausschreitungen, weshalb sich die Uni mit den Ursachen und Konsequenzen beschäftigt hat. Einen gekürzte Fassung des jetzt veröffentlichten Berichts darüber fand ich hier mit einem Verweis auf zu Grunde liegenden  Zeitungsbericht, der wiederum auf den Bericht der eingesetzten Kommission verwies. Und es lohnt wirklich das Original gelesen zu haben.

Diese Einrichtung heißt „Kommission für freie Rede“. Man muss sich wundern, dass sowas in einer Demokratie notwendig ist. Diese stellte folgendes fest:

How to explain the violence that ripped apart the campus last year? “Ultra-conservative rhetoric, including white supremacist views and protest marches, legitimized by the 2016 presidential election and its aftermath,” the commission concludes, “encouraged far-right and alt-right activists to ‘spike the football’ at Berkeley.

Die Clinton-AnhängerInnen waren also so traumatisiert durch die Wahl von Trump und die Wörter seiner konservativen Anhänger, dass die ANTIFA gleich alles kurz und klein geschlagen hat. Der SPIEGEL hat da volles Verständnis, denn Yiannopoulos hat zu verschiedenen Anlässen provoziert. Dummerweise kann man ihn nicht medial vollkommen vernichten, denn schließlich ist er schwul. Ist ja zu blöd! Und wie in der vom Bericht der Kommission vorgedachten Linie, schreibt der Spiegel:

Yiannopoulos ist schwul, rechts und gibt sich gerne cool, er nennt sich selbst „Amerikas gefährlichste Schwuchtel“. Derzeit besucht er Universitäten in den USA und hält dort Reden. Im Rahmen dieser Tour war es bereits zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Gegnern und Anhängern Yiannopoulos‘ gekommen.

Kritiker hatten im Vorfeld argumentiert, dass Yiannopoulos Hass schüre und daher keinen Schutz verdiene. Sie hatten die UC Berkeley schriftlich aufgefordert, den Auftritt zu verbieten. Dieser Bitte kam Kanzler Nicholas Dirks nicht nach, es gelte die Meinungsfreiheit.

Die Auseinandersetzungen zwischen Gegnern und Anhängern sind dann da eher naturgesetzlich, denn die ANTIFA hat das einfach als Anlass genommen Feuer zu legen und die Scheiben der Uni einzuschlagen. Und dieser Hass erst! Die Kommission erwähnt diesen Hass auch im Bericht:

Their invitations to speak represented “the assertion of individual rights at the expense of social responsibility by a handful of students.

Nichts von Hetze gegen Schwule, Migranten oder Linke. Er meint nur, dass man individuell so leben kann wie man will und einem die „soziale Verantwortung“ am Arsch vorbeigehen kann.

Ein ureigenes Prinzip der amerikanischen Lebensweise gilt also plötzlich als Hass. Die Kommission sieht das auch so, denn solche Äußerungen könne man auf dem marxistisch geprägten Campus schwerlich verteidigen. Deshalb muss man die Ausgaben für die Sicherheit deckeln und die Veranstalter verpflichten, für jeweils 100 erwartete Teilnehmer eine studentische Kraft abstellen, weil

Left-wing groups have reasonable fears for their safety from conservative speakers, and the police needed to defend them.  (???)

Das war auch für die Washington Post nicht nachvollziehbar. Aber irgendwie muss man den unerwünschten Gästen ja das Wasser abgraben. Der SPIEGEL findet das gut, schließlich hat er ja im Vorfeld böse Sachen gesagt und die Washington Post meint dazu, dass man die Gewalt der ANTIFA nicht als naturgesetzliche Gegebenheit hinnehmen darf, nur weil ein Konservativer redet, der ohnehin nur konservative Harmlosigkeiten verbreitet.  Die beiden Zeitungen bieten aber nur die teilverdaute Version. Die WP gibt zumindest einen Link zum Original.

Man muss vorausschicken, dass die University of California in Berkeley als Elite-Universität gilt. Da will man gar nicht wissen wie es an den anderen Universitäten zugeht. Und um die Studenten auf zukünftige Veranstaltungen vorzubereiten, die nicht ihrem Weltbild entsprechen, macht die Kommission folgende Vorschläge:

Increase communication about the steps faculty, staff, and students can take to protect themselves from a disruptive event.

Organize counterprogramming to empower targeted community members in the face of the most disturbing campus speech events.

Da braucht man also für all die Mimöschen ein Programm, damit die emotional nicht einknicken, wenn sie mal auf einer „verstörenden“ Veranstaltung eine andere Meinung hören wie die eigene.

Aber die Uni ergreift noch weiter Maßnahmen:

Educate students about the harms of hateful speech and the reasons hateful speech is unrestricted. Train students how to debate and disagree respectfully; build logic and empirical inquiry skills.

Encourage the campus to plan alternative events that feature multiple viewpoints on sensitive subjects. What Students Can Do: Honor not just the campus’s Principles of Community but its mission of education, research, …

…build logic and empirical inquiry skills. Sachkenntnisse über Logik und Empirie??? Ich dachte immer, das wäre sozusagen das Merkmal einer Uni, auf dem sich alles aufbaut. Wenn man allerdings als Schneeflöckchen schon 10 Semester in einem kritikfreien Reinraum lebt, wo andere Standpunkte grundsätzlich als Beleidigung oder Bedrohung gesehen werden, auf die man entweder nur mit Schrei- oder Heulkrämpfen reagieren kann und Logik und Empirie als Zeichen weißer Unterdrückung gelten, dann machen extra Kurse durchaus Sinn.

Der Originalbericht ergreift also Initiative für ihre traumatisierten Mauerblümchen mit Selbstwertproblemen, die mit ihren Studiengebühren den versifften Elite-Laden am Laufen halten. Wer dort aufs spätere Leben in den USA vorbereitet wird, der kann gleich auf einen anderen Planeten auswandern. Der würde nämlich den Unterschied nicht merken, weil er so oder so nicht überlebensfähig wäre.

Amerikanische Universitäten sind zu einem Schutzraum verkommen, in dem jeder sein infantiles mystisches Weltbild pflegen darf und sogar darin bestärkt wird. Das Diplom gibt’s für die abgeschlossene Selbstfindung.

Der Kollateralnutzen dieses Artikels ist die Erkenntnis, dass die Vollhonks nicht mehr nur auf dem Campus sitzen, sondern auch in der Verwaltung.

 

 

 

 

 

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Ein Gedanke zu “Das Trauma durch andere Meinungen.

  1. Papst Benedikt XVI hatte sich einst gegen den deutschen Blasphemieparagraphen ausgesprochen. Dort gibt es die Phrase „den öffentlichen Frieden gefährden“. Die gleiche Formulierung gibt es auch im Volksverhetzungsparagraphen. Sein Argument damals war, dass damit die Debatte immer von denen gewonnen wird, die bereit sind Gewalt anzuwenden. Und genau so ist es gekommen. Genau so!

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