Das postsatirische Zeitalter.

Vor einigen Tagen kam ich zufällig kurz vor Mitternacht über eine Wiederholung der letzten heuteshow. Diesen Schwachmaten von Welke kann ich eigentlich nur ein paar Sekunden ertragen, da ich aber schon etwas rotweinsediert war, schaffte ich nach ein paar Minuten ohne Ton doch noch den Einstieg. Da musste ich mich am Ende der Sendung wundern wie das, was man früher Satire nannte, so weit sinken konnte. Obwohl es im Fernsehen noch einige Lichtblicke gibt wie Lisa Fitz, Monika Gruber oder Dieter Nuhr bevor man ihn wieder politkorrekt eingenordet hat.

Welke ist der Systembespaßer, der die Beleidigungen, die den Klebers und Mioskas immer auf der Zunge liegen, als Witz offen ausspricht. Alles Nazis außer Merkel! Und so ist auch die letzte Sendung. Geradezu ein Highlight für die Nachwelt wie man im Staatsfernsehen Hetze und Diffamierung in den Nachrichtensendungen nahtlos als Satire weiterführt, so dass man das Gefühl hat, diese Sendung wurde von Scholz&Friends im Auftrag der Bundesregierung produziert. Wer sich die Version auf der Mediathek ansieht, sieht sie sauber in sieben Teile gegliedert. Themen: Nazi-AfD, Nazi-AfD. Trump, G7-Trump, Merkel mit Feigenblattwitz, Russlandhetze und am Ende verteilt man noch Deutschlandfahnen im Publikum und hetzt noch gegen den deutschen Proll in Shorts und weißen Socken, für den die WM mit Bier und Grillfleisch das höchste ist. Huch! Was sind deutsche Männer primitiv.

Was herauskommt, wenn man Aussagen, die absichtlich falsch verstanden wurden, als Ausgangspunkt für Satire nimmt, sieht man im 2.Teil (ab 7.19), wo es um eine Geschichtsstunde mit einer Nazi-Tante als Lehrerin geht über die 1000 Jahre deutscher Erfolge in Anlehnung an die „Fliegenschiss-Äußerung“ von Alexander Gauland.

Herrmann der Kerusker hat die Römer rausgeworfen (…) Die Römer mit ihren blöden Wasserleitungen. So haben die Deutschen noch jahrhundertelang vom Baum geschissen.

Unterschwellig soll uns gesagt werden, dass wir uns damals schon dem Erfolg durch Einwanderung widersetzt haben. Man hätte aber auch sagen können:

Die Germanen und Barbaren haben Rom mit aufgebaut!

An einer Stelle heißt es:

Deutschland ist das einzige Land mit 1000 Jahren Erfolgsgeschichte!

Wie kommt dieser Satz eigentlich rüber, wenn man als Deutscher hier ein beliebiges anderes Land einsetzt. Frankreich, Türkei oder Saudi-Arabien. Klingt dann eher wie eine arrogante Verarschung. Eine unterstellte Geschichtsklittierung als Ausgangspunkt für eine Satire zu nehmen kann einfach nicht funktionieren, denn wenn Satire etwas erhellen will, dann geht es ja um die Realität, die sich uns oft nicht erschließt.

Was täte ein Welke, gäbe es keine AfD, keinen Trump (den er diesmal als orangenen Pavian bezeichnete), kein Russland und keine deutschen rechtspopulistischen Spießer?

Am befremdlichsten ist aber das Publikum. Wie hirnentkernt muss man sein, dass man sich vor Lachen nicht mehr einkriegt, nachdem man über 20 Minuten in einem Stück den gleichen Witz hört wie in der Vorwoche. Könnte aber sein, dass es noch immer so läuft, dass der Applaus aus der immer gleichen Verstehen-Sie-Spaß-Sendung kommt. So sagt es zumindest Harald Schmidt in einem Interview; und der sollte es wissen.

Nun bin ich aber auf Youtube über einen Zusammenschnitt von Uraltsendungen genau von Harald Schmidt gekommen. Vier Teile mit zusammen mehr als einer Stunde nur über Nazis. Wie geht denn das, ohne dass das langweilig wird? Harald Schmidt ist einfach grandios. Er fühlt dem Publikum auf den Zahn, indem er durch seine ganz harmlosen Einwürfe sie ihre Denkschablone zu Ende denken lässt, in der einem täglich eingehämmert wird, was nicht mehr sagbar wäre. Er führt die Zuschauer vor, indem er sie nötigt mit einer Belanglosigkeit sofort „Nazi“ zu assoziieren. Einfach mal die ersten zwanzig Sekunden ansehen. (war zufällig auch zu einer Fußball-WM)

Oder er nötigt sie damit, einen politisch inkorrekten Gedanken zu Ende zu denken, den man sich laut nicht mehr zu sagen traut.

Und in beiden Fällen merkt man am Lachen wie sich die Zuseher ertappt fühlen und wie befreiend es ist, dass hier lauter Leute sitzen mit dem gleichen Hirnkäfig mit den ausgetretenen Gedankengängen, die man fast schon automatisch beschreitet.Eigentlich ist jeder Teil sehenswert und ein großer Verlust, dass er uns nicht die gegenwärtigen Zustände satirisch näherbringt und wir uns mit diesem talentlosen Teiggesicht von Welke begnügen müssen.

Man bräuchte nur mal die Vorgehensweise von Harald Schmidt übernehmen.

Sagt einer: Die Migranten haben es aber auch schwer. Lauter junge Männer. Wochenlang keinen Sex und keine Chance auf eine Beziehung. Kein Wunder, dass die manchmal ausrasten.

Sagt der andere: Eine Bekannte von mir wohnt in Hamburg. Nähe   Jungfernstieg. Die hat angeblich auch schon jahrelang keinen Sex mehr und wird auch nicht gewalttätig. Die liest eben Liebesromane oder geht spät abends noch ein bisschen nach draußen.

Nicht was Sie denken. Einfach nur so zur Abwechslung.  

Wenn sich die Worte der Erfolgsmeldungen an der Realität messen müssen, dann wandelt sich deren Bedeutung fast von selbst. Wer würde seinen neuen Arbeitskollegen heute noch als Bereicherung für’s Team bezeichnen.

Da entwickelt sich ein breites Feld für Satiriker. Aber wahrscheinlich kommt es wie in der DDR. Da waren die Witze aus dem Volk auch besser, als die der bezahlten Spaßmacher.

 

3 Gedanken zu “Das postsatirische Zeitalter.

  1. Da triffst du bei mir auf einen wunden Punkt. Eigentlich war es fast illusorisch anzunehmen, dass man Roseanne machen lässt. Totalitaristen ertragen kein Lachen, jedenfalls kein echtes. Will sagen, dass das nicht nur in Deutschland so ist. Humor erträgt auch keine Aggression. Es geht um kleine Tabubrüche. Es geht auch um Fairness. Wird gehetzt kann nur noch ein 100%iger Ideologe lachen. Die anderen fühlen sich bedroht. Ich finde fast nichts beängstigerendes als die Heute-Show und dergleichen (the Daily Show, John Oliver und wie die alle heißen).
    Früher gab es eine Sendung mit dem Namen Politically Incorrect. Gastgeber Bill Maher. Eigentlich ein Libertärer, ein persönlicher Freund von Ann Coulter (hatte auch mal Milo Yiannoplous zu Gast). Der tut jetzt bei seiner neuen Show so als wäre er hyperlinks und bringt keine Witze mehr.
    Trevor Noah von der Daily Show hatte ein gutes Stand-up Programm, in dem er sich nicht nur über Schwarze lustig gemacht hat, sondern über arme afrikanische Schwarze. Der ist heute päpstlicher als der Papst, wenn Linke einstecken sollen, und hochaggressiv gegenüber Konservativen. I could go on and on and on.
    Ja, und das Publikum, dass das nicht merkt ist supergruselig. Da rafft man erst mal, dass die meisten Leute, Witze überhaupt nicht verstehen. Fällt erst auf, wenn diejenigen mit Humor nicht mehr lachen und der Idiotenblock weiterjohlt. Das Internet macht das übrigens besonders deutlich. Selbst mit Emoticons bricht der Schweiß aus, wenn da ein Witz reinflackert. Der Gute lacht doch dann, wenn andere lachen. Was macht er nur ohne Hilfe. Schreck. Ich hab noch nie Probleme gehabt Satire, Ironie etc. zu erkennen (Ausnahmen bestätigen die Regel).

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  2. Danke für diesen Kommentar und das Wort „supergruselig“. Ich hatte das Gefühl, als ich das Publikum sah und fand einfach nicht dieses passende Wort. Schade, dass ich nur Englisch und Latein kann, so dass ich von anderen Ländern einfach nix mitbekomme.

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