Digitale Zombies.

Gestern saß ich für eine Stunde im Wartezimmer beim Arzt und normalerweise lese ich da nichts und habe einfach nur das „Goaßgeschau“. Doch eine Beobachtung geht mir noch heute durch den Kopf. Wenn früher ein Kind mit der Mutter (oder dem Vater) ins Wartezimmer kam, dann ging sie voran, grüßte, suchte einen Platz und wies dem Sprössling den Platz daneben zu. Der grüßte beim Betreten des Wartezimmers ebenfalls. Das Kind saß dann normalerweise still neben der Mutter, schaukelte höchstens mit den Beinen und musterte neugierig die anderen Patienten und das Wartezimmer. Wenn es eine Frage hatte, dann wurde das der Mutter meistens ins Ohr geflüstert.

Gestern war das Wartezimmer fast gefüllt, die Tür stand offen und dahinter war noch ein einziger Stuhl, an den direkt die Stuhlreihe an der Seite im rechten Winkel anschloss. Dort saß ich. Plötzlich kam ein etwa 11-jähriger wortlos ins Zimmer, während er auf seinem Smartphone mit den zwei Daumen herumdaddelte. Ohne den Blick zu heben ging er um das Türblatt herum und setzte sich genau auf diesen einzelnen Stuhl hinter der Tür rechts vor mir. Die Mutter ging hinterdrein, grüßte und setzte sich links von mir.

Der Junge war echt ein Paradebeispiel der Generation Smartphone. Der war nicht wirklich dick, sondern es schien als läge unter der Haut im Gesicht und den Armen eine ein Zentimeter dicke fettige Isolierschicht, sodass man gar keine Kontur von Knochen, Muskeln oder Sehnen erkennen konnte. Das sah alles so richtig wohlstandsspeckig aus, während seine Hände mit den dünnen Fingern und der makellosen Haut wie Mädchenhände aussahen. Ich kann mich erinnern, dass wir in dem Alter schon überall auf dem Handrücken oder an den Fingergelenken Stellen hatte, wo man erkannte, dass da mal Schrunden waren, wo man vielleicht mit dem Rad gestürzt war oder sich an einem Ast gerissen hatte.

Da hockte der nun fast eine Stunde und daddelte vor sich hin, aber nicht irgendwie gefesselt von dem Spiel, sondern der Gesichtsausdruck war eher leer und gelangweilt und änderte sich während der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal. Bei dieser riesen Anstrengung schnaufte der wie ein über 70-jähriger. Das beste war aber, als ihn seine Mutter nach einiger Zeit anredete, dass man jetzt wieder Blaubeersammeln gehen könnte. Der Junge murmelte beim Spielen etwas, ohne dabei die Lippen groß zu bewegen, dabei schien das restliche Gesicht wie mit Botox sediert, dass ich mir dachte, ob der überhaupt noch ein anderes hat, wie dieses stupide Geschau.

Das ist nicht das Verhalten eines normalen Kindes oder Jugendlichen, sondern das Verhalten eines Junkies.

Nachdem das Wartezimmer zu etwa gleichen Teilen mit Männern und Frauen zwischen 50 und 80 besetzt war, konnte man bei denen allerdings etwas Positives beobachten. Früher haben mindestens zwei Drittel in den reichlich vorhandenen Zeitschriften des Lesezirkels geblättert. Heute kein einziger. Die starren lieber die Wand an, bevor die noch diesen Käse lesen würde. Wenn noch um fünf Uhr nachmittags der Bayerwald Bote originalgefaltet und unberührt auf dem Tisch liegt, dann haben die Leitmedien echt ein Problem.

Da ist eine Generation, die sich selbst noch aushalten kann, ohne sich dauernd berieseln oder zerstreuen zu müssen. Die können sich noch auf eine Hausbank setzen und Stille ertragen und auch den Blick nach innen.

Und da ist eine andere Generation, die wie ein Fixer an der Nadel hängt, ohne überhaupt die nächste Umgebung oder sich selbst wahrzunehmen. Etwa 35% der Kinder und Jugendliche sind heute in einem Sportverein und ein großer Teil sieht dann auch aus wie das blühende Leben der Jugend wie zu allen Zeiten.

In der Zukunft wird es keine Spaltung zwischen den Generationen geben, sondern eine zwischen den halbwegs Normalen jeden Alters und den körperlich und geistig degenerierten Zombies.

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2 Gedanken zu “Digitale Zombies.

  1. Benjamin Goldstein:

    Etwa 35% der Kinder und Jugendliche sind heute in einem Sportverein und ein großer Teil sieht dann auch aus wie das blühende Leben der Jugend wie zu allen Zeiten.“

    Nach einer Studie der Hebrew University of Jerusalem geht bei den Jungs auch die Spermienzahl MASSIV zurück.
    https://new.huji.ac.il/en/taxonomy/term/515

    Mädchen sind eh nicht so für Sport, aber die fasten auch nicht mehr für Weicheier. Da sind größere Trends am Werk als das neueste Tamagotchi-sonstwas-Spielzeug.

    (Kann aus unbekannten Gründen gerade keinen Kommentar absetzen)

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