Via weniger Sicherheit vermeintlichen Rassismus verhindern?

Seit einigen Jahren gibt es ja Beschwerden über das sogenannte Racial Profiling bei der Polizei, Sicherheitsdiensten und Zugbegleitern. Dunkelhäutige beschweren sich darüber, dass sie im Vergleich zu offensichtlich einheimischen wesentlich häufiger kontrolliert werden. Zufällig bin ich auf dem Portal jetzt, das anscheinend zu SZ gehört, auf einen Artikel über den Berliner Autor Temye Tesfu und eine US-amerikanische Datenjournalistin mit Namen Sandhya Kambhampati gestoßen. Beide haben ethnisch einen afrikanischen Einschlag und zwei Autorinnen berichten über deren Erfahrungen.

Temye Tesfu beginnt seine Erfahrungen folgendermaßen.

Die Polizeipräsenz in Deutschland hat in den letzten Jahren immer mehr zugenommen. Ich gehöre zu den Menschen, denen das ohnehin kein höheres Sicherheitsgefühl gibt – aber noch dazu rechne ich immer damit, von der Polizei kontrolliert zu werden. Wirklich ausnahmslos immer.

Tut mir jetzt echt leid, dass ausgerechnet Dir das kein erhöhtes Sicherheitsgefühl gibt, sondern das eher für jüngere, hellhäutige Frauen gedacht ist. Für Dich ist das natürlich lästig, weil man ausgerechnet Dich immer kontrolliert:

Meistens war das an den dafür besonders typischen Orten, an Bahnhöfen oder in Zügen, und meistens, wenn ich alleine unterwegs war. Erst mal wurde dann meine Identität festgestellt, ob ich mich auch rechtmäßig in der Bundesrepublik aufhalte, (…)

Im weiteren Verlauf Deiner Ausführungen kommst Du über die Vorfälle zu Köln und danach zu dem Schluss:

Dass es Racial Profiling gibt, überrascht mich nicht. Es reiht sich ein in eine rassistische Tradition. Der Rassismus in unserer Gesellschaft ist strukturell und bis zur Unsichtbarkeit verankert und diese Art von Polizei-Kontrolle ist da nur ein Symptom. Es gab in den letzten Jahren vielleicht immer mehr Kritik daran, andererseits wird das Ganze von der Mehrheitsgesellschaft anerkannt und immer weiter normalisiert. (…)

Und die Grundaggressivität, die in den Kesseln entstanden ist, speist dann natürlich wieder das Vorurteil vom ‚aggressiven Araber‘ oder ‚Nordafrikaner‘. Das sind ganz alte, kolonialrassistische Bilder, die da mit reinspielen.

Im Gegensatz zu Dir hat Deine Kollegin Sandhya wirklich mehr kapiert, wenn sie den Polizisten keinen Rassismus unterstellt, wenn sie sagen, sie habe eben verdächtig ausgesehen, weil sich Deutschland erst in den letzten Jahren ziemlich radikal in ein Multikulti-Land verwandelt hat wie die USA, mit dem Unterschied, dass sie im Gegensatz zu Deutschland versuchen, die Leute, die Probleme machen schon vorher auszusortieren. Sie fühlt sich durch die häufigen Kontrollen aber kriminalisiert. Warum man jetzt bei den Vorfällen an Silvester in Köln ausgerechnet auch noch den Rentner mit dem Dackel kontrollieren hätte sollen, damit es nicht nach Rassismus aussieht, da muss man schon auf Deutschenhass programmiert sein.

Ich hab‘ da mal eine Geschichte aus erster Hand von einem, der an der bayerisch-österreichischen Grenze kontrolliert. Als man die Fingerabdruck-Scanner bekommen hat, haben die Grenzbeamten einfach alle Schwarzen, die von Italien mit dem Flix-Bus kamen, kontrolliert, um Personen auszusieben, welche doppelt Sozialleistungen abgreifen. Die Trefferquote war immer so 30% bis sich das BaMF in Nürnberg beschwert hat und nun nur noch kontrolliert werden darf, wenn ein dringender Verdacht besteht. Wie kann man den Grenzbeamten hier nur Rassismus unterstellen, wenn es ihre Aufgabe ist, Kriminelle zu finden. Deshalb darf sich ja jeder Autor nennen aber nicht jeder Polizist, denn die Erfolgsquote einen Verdächtigen möglichst schnell zu finden, hängt ja eng mit der Ausbildung und den Erfahrungen des Polizisten zusammen. Darum würde er der Rentnertruppe auf einer Kaffeefahrt eher nicht die Fingerabdrücke wegen möglichem Sozialbetrug scannen oder nach Drogen absuchen.

Sicher gibt es unter Polizisten und Zugbegleiter inzwischen viele, die charakterlich nicht geeignet sind und sich ihre Machtposition raushängen lassen und auch so nicht die Hellsten auf der Torte sind. Das hat aber nicht mit strukturellen Rassismus zu tun, weil nur wenige so sind und unter diesen Minderbelichteten auch die Einheimischen zu leiden haben. Ein befreundeter Handwerker wurde an der Grenze, als er mit dem Lieferwagen von einer Baustelle in seinen Heimatlandkreis einreiste, von der Polizei angehalten. Mein Bekannter kurbelte das Fenster herunter und der Polizist sagte sinngemäß etwa: Du haben Papiere? Darauf meinte mein Freund in tiefsten Niederbairisch*: Mogst ned zerscht amoi aafs Daferl (= Autokennzeichen) schaun?

Die Unterstellungen, dass es nur um Rassismus oder unberechtigte Vorurteile der Deutschen geht, wenn jemand wegen seiner Hautfarbe häufiger kontrolliert wird, ist nichts anderes als eine Düngung der eigenen Opferrolle. Kein Punk oder alternder Achtundsechziger hat sich jemals hinterher in der Berliner U-Bahn beschwert, wenn die Kontrolleure da einsteigen, wo er am Fenster sitzt, und die Kontrolleure zur Tarnung oft in Schlabberhosen, abgetragener Jeansjacke und unrasiert herumlaufen, genau wie die Klientel, die die höchste Erflogsquote verspricht, einen Schwarzfahrer zu ertappen. Das ist dann Social Profiling.

Und, lieber Temye, über alle Afrikanisch-Aussehenden gerechnet dürften die inzwischen in Zügen weniger kontrolliert werden als der Durchschnittsdeutsche. In einem früheren Artikel habe ich einen Vorfall geschildert, wo so ein Rasterkopf beim ALDI ohne zu zahlen einfach vor allen Leuten mit dem vollen Rucksack an der Kasse vorbeimarschiert ist. Und weißt Du, warum man die nicht kontrolliert? Weil sich viele von denen eben nachweislich bei einer Kontrolle entweder aufführen wie ein Gartenschlauch, die Kontrolleure anpöbeln oder verprügeln und ohnehin auch nachher einfach ohne Konsequenzen meist so weitermachen. Das ist dann Rassismus, allerdings ein positiver Rassismus, denn wir lassen jeden von ihnen im Glauben, wir wüssten eh, dass sie ein Ticket bzw. bezahlt hätten.

Weißt Du was, Temye? Solltest Du als Autor nach Haidmühle, Hinterschmieding oder Wildscheuereck ziehen, um beim Schreiben etwas Ruhe zu haben und wie ich zufällig durch den Ort spazieren, dann wärst Du der letzte, den ich fragen würde, wo der Hinterhuber Bauer wohnt, auch wenn Du dort schon seit 10 Jahren wohnen solltest. Und weißt Du auch warum? Nicht, weil Du schwarz bist und ich ein Rassist bin, der dich für minderwertig hält. Sondern, weil die Chance eben größer ist, dass jemand das weiß, wenn ich eine frage, die aussieht wie die Hackl Kreszenz.

Und der Polizist und der Zugbegleiter wissen, dass vor allem seit den letzten Jahren viele Schwarze im Land sind, die es mit den deutschen Regeln nicht so genau nehmen. Du sagst, dass man sich um ein sehr korrektes Deutsch bemühen muss, um einer Kontrolle zu entgehen. Vielleicht solltest Du Dir Alaba-like noch einen Dialekteinschlag zulegen, dann kannst Du Dich mit Deinen farbigen Freunden laut berlinerisch auf Parkbänken unterhalten und keine Joggerin würde kurz vorher zügig abbiegen, wie sonst, wenn sie auf solche Gruppen trifft.

Vielleicht solltest Du Dich eher darüber beschweren, dass Deine ethnischen Verwandten auch Deinen guten Ruf ruinieren und Du unter den Folgen zu leiden hast. Ich beschwere mich ja auch nicht, wenn ich Urlaub in Ungarn oder Italien mache und die Leute hinterrücks die Augen verdrehen, wenn sie uns für Deutsche halten, weil sie an die gutmenschliche, deutsche Arroganz denken. Dabei kann ich die Schnepfe von Merkel auch nicht ertragen. Die haben zurecht Vorurteile und recht, wenn sie die Deutschen dafür irgendwann pauschal hassen, weil die ja von denen gewählt wurde, und mich das auch merken lassen. Deshalb rede ich dort grundsätzlich englisch oder bitte bei der Auswahl um eine englische Speisekarte.

Würde man auf Kontrollen generell verzichten, weil man es wie in Berlin, soviel ich gehört habe, von oben vorschreibt, dass ebenso viele Einheimische wie fremd Aussehende zu kontrollieren sind, weil es andernfalls rassistisch wäre, dann hätten viele Einheimische noch deutlich mehr unter den Folgen afrikanischer und arabischer Zuwanderung zu leiden, als das ohnehin schon der Fall ist.

Also winsel nicht rum, sondern nimm es einfach hin, dass Du eben im Gegenzug für unsere Sicherheit häufiger kontrolliert wirst, weil Du eben zufällig so aussiehst wie ein großes Problem.

(*schreibt man wirklich so.)

 

 

 

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3 Gedanken zu “Via weniger Sicherheit vermeintlichen Rassismus verhindern?

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