Ze:tt: Jenseits von Fühlen und Körpersäften keine Ahnung.

Ze:tt ist ein Online-Angebot des Zeit-Verlages und ist im Grunde schon allein von der Aufmachung und den Themen an bento angelehnt, dem Spezialisten für Körpersäfte. Das Spektrum dreht sich weitgehend um den eigenen Körper und das „Fühlen“, weil die Redaktionen allen Anschein praktisch nichts können und ihr persönlicher Erfahrungsschatz so gering ist, dass sie über alles nur wertende Urteile abgeben können. Das ist pubertierendes Allerweltsgefasel. Passend zum Berlin Marathon findet sich folgende Überschrift.

Diese fünf ekligen Dinge solltest du vor deinem ersten Marathon wissen

Laufen ist trendy, Marathonlaufen die Königsdisziplin. Überlege dir aber gut, ob du dir wirklich eine Startnummer holen möchtest.

Ja, ihr trüben Tassen aus der Ze:tt-Redaktion, da merkt man, dass die längste Strecke, die Ihr täglich zurücklegt die zwischen Schreibtisch und Kaffeemaschine ist. Die Vorstellung, wie der Weg zum persönlichen Berlin-Marathon ist, dürfte dann so aussehen: Ich laufe jede Woche einmal um den Block und, weil Marathon trendy ist und das nur ein Klacks ist, wenn ich denke, was ich täglich zur Rettung der Welt tue, kann ich das natürlich auch. Ich suche am Tag vor der Anreise das modischte oder sportlichste T-Shirt aus dem Schrank und lese im Zug schnell noch, was zur richtigen Ernährung am Tag der Veranstaltung. Dann bestünde sogar noch eine Chance, irgendwie ins Ziel zu kommen. Wenn Du aber auf so einen Ze:tt-Fuzzi triffst, der wird Dir dann folgendes erzählen:

Wenn man ihn am wenigsten braucht, meldet er sich zu Wort: der Darm. Regelmäßigen Läufer*innen ist Runner’s Diarrhea ein Begriff, denn Marathon und Durchfall kommen gerne Hand in Hand. Laufen verstärkt die Darmaktivität und der kann im ungünstigsten Moment auf eine schnellstmögliche Entleerung drängen, in dünnflüssiger Form. Nicht selten müssen Wettaämpfende einen unplanmäßigen Sprung in die Büsche, abseits der Rennstrecke, wagen.

Weil Dir der Kaffee nicht gleich hochkommt, mein er weiter

Wer zu lange zu Fuß unterwegs ist, kriegt irgendwann Blasen an den Füßen. Für Marathonläufer*innen gilt dasselbe – nur gesamtkörperlich. Durch die monotone Laufbewegung, kann ein T-Shirt schnell zur Rasierklinge werden. Neue oder von Regen oder Schweiß durchnässte Kleidung macht es noch schlimmer. Überwiegend betroffen, weil empfindlicher: Nippel. Ja, diese zwei roten Flecken auf dem T-Shirt mancher Läufer*innen sind aus Blut gemalt.

Vielleicht denkst Du dann an das Schweigen der Lämmer. Psychopathen, die sich in einer schweißgetränkten, schwülen Atmosphäre Piercings durch die Nippel jagen, sich mit Rasierklingen ritzen, während ein Opfer im Hintergrund in der Grube winselt. Wer könnte beim Lauf zu den eigenen Schmerzen da noch das Gejammer der anderen 40000 Läufer ertragen? Wer könnte da schon freiwillig mitmachen.

Und weil das noch nicht reicht, kommen dazu Blasen an allen Körperteilen, abfaulende Zehennägel, Gestank, Gerotze und Gespucke, „ein Potpourri aus Urin, Bier, Erbrochenem und Durchfall.“ Klingt eher nach Leprastation.

Euer Fazit ist Pein. Am Ende folgen dann noch sechs Zeilen, dass es am Ende ein tolles Gefühl gebe, doch bis dahin hast Du längst die Anmeldung storniert. Eure Redaktion beweist wie in sämtlichen anderen Artikeln, dass Ihr die Welt nur vom Hörensagen kennt. Ihr gehört zu der spießigen Dummschwätzern, die ihr ganzes Leben leistungslos im elterlichen Reinraum verbracht haben und die ganze Lebensleistung bisher darin bestand, auf einem Handy rauf und runter zu wischen. Da kommt man weder auf die Idee mal ein Fachbuch zu nehmen oder noch besser nicht am freien Sonntag abzuhängen, sondern einfach mal ein paar Läufer persönlich zu fragen. (Jede größere Stadt hat einen Marathon).

Da werdet ihr folgendes feststellen: Am meisten leiden müssen immer die Leute in Eurem Alter, die jungen dynamischen, (bzw. die, die einen späten Neustart im Leben brauchen) die es nicht ertragen können, wenn angegraute Herren locker plaudernd das Tempo halten können. Während man vor dem Start sich noch ausmalte wie man sich danach bei den Arbeitskollegen einen raushängen lässt, gehen ihnen auf den ersten Kilometern auch schon die ersten Ausreden durch den Kopf. Die brauchen für die zweite Hälfte meist eine Stunde länger. Einfach mal eine Ergebnisliste mit den Altersgruppen googeln. Lassen wir die einfach mal weg.

Die allermeisten Läufer stehen mitten im Leben und brauchen niemanden mehr etwas beweisen. Sie sind mit sich und anderen im Reinen, weil man sonst weder die Zeit, noch den Kopf hat für eine monatelange Vorbereitung hätte. Da hat jeder vorher schon mal während eines langen Trainingslaufes hinter einem Busch abgekackt und sich Blasen gelaufen. Schweiß ist für die nicht eine Deko wie bei den fürs Spiel hochgestylten Fußballprofis, sondern gehört notwendigerweise zum Sport.

Die Typen (mit der obigen Ausnahme), die man vor und während des Marathons trifft, sind irgendwie alle gleich gepolt. Ich rede da mal mit, weil ich selbst über 20 Marathons gelaufen bin. Die sind vor allem vor dem Berlin-Marathon in freudiger Aufregung, in keiner Weise verbissen und etwas nach innen gekehrt. Keine Großmäuler, die wie ein Pfau herumlaufen, weil sie wissen, dass man auch einen schlechten Tag haben kann und das eben dazugehört. Alles in allem nette Leute. Die Allermeisten laufen zu Hause die langen Strecken bis über mehrere Stunden immer allein und haben kein Problem mit sich selbst.Die brauchen für ihr Selbstwertgefühl niemanden, der sie täglich liked und „Freunde treffen“ zählen sie nicht un bedingt zu den wichtigsten Freizeitbeschäftigungen. Das Laufen gehört zum Tag wie Essen und Trinken. Die Ze:tt-Experten können sich zwar vorstellen, dass es jeden Schnick-Schnack gibt, der das Leben erleichtert, aber keine Kleidung die nicht scheuert. Die denken bei Sportkleidung an ihre Billigtreter aus dem Discounter und ihr ausgewaschenes Baumwoll-T-Shirt. Die glauben deshalb, der Rest der Welt hätte für einen Marathon den gleichen Lappen im Schrank. Die glauben, die Leute rennen jede Woche 100 Kilometer und ziehen sich bei jedem Training jedes mal den gleichen scheuernden Fetzen an und nehmen die tägliche Blase in den ausgetretenen Latschen als naturgegeben hin. Während des Marathons rümpft keiner etepetete die Nase über ein verschwitztes T-Shirt oder denkt an Plastikmüll in den Weltmeeren, wenn er über die Berge an Einwegbecher läuft, die man am Ende sogar umweltgerecht entsorgt und nicht wie in Berlin täglich in gleicher Menge in irgendeine Ecke wirft. Das findet ihr von Ze.tt sogar als Abschreckungsgrund. Ihr mokiert, dass die Läufer, Kleidung, die sie vor dem Start an hatten, einfach über die Bande werfen. Hättet ihr recherchiert, würdet ihr wissen, dass die Sachen meist von guter Qualität sind, weil die Läufer wissen, dass diese am Ende für Obdachlose und Bedürftige eingesammelt und sortiert werden.

Eine Redaktion mit dem Horizont eines 11-jährigen kann natürlich jedes Thema nur in Bezug auf „Haltung“, „Fühlen“ und „Körpersäfte“ behandeln. Dass man die Dinge auch aus der Sicht von „Verstand“, „Wissen“ und „Erfahrung“ behandeln und daraus sogar noch richtige Schlüsse ziehen kann, damit eine Sache gelingt, ist Euch völlig fremd. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, dass man für so was auch „eklige Dinge“ hinnimmt. Kein Wunder, dass ihr in einem Büro gelandet seid, wo man vom anstrengungslosen Geschwätz leben kann und nicht als Krankenschwester, die einem Patienten die Ausscheidungen vom Hintern kratzt. Oder als Eisenflechter, wo man in der Sonne schwitzt und stinkt und sich Blasen und Schrunden holt. Nicht mal zu was Elitären wie Maler würde es reichen, denn wer macht sich schon gerne dreckig bei der Arbeit, oder Konzertmusiker, wo der Trompeter hinter einem das Kondenswasser aus dem Trichter schüttelt. Wenn man das alles für Geld tut, würdet ihr es womöglich noch verstehen, wenn man über solch ekligen Dinge hinwegsieht.

Dass man eklige Dinge wie bei einem Marathon auch noch freiwillig hinnimmt, um im Ziel ein Gefühl zu haben, das bei Euch auf sechs Zeilen passt, das liegt jenseits Eures Erfahrungsraumes, weshalb man am Ende des Artikels die Frage stellen muss: Wer liest sowas? Sicher nicht die, die sich heute ab neun Uhr in Berlin ihr persönliches Hochgefühl holen, während die im Bett mit zerknitterter Visage grad zu ersten Mal über ihr Smartphone wischen.

 

 

 

 

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6 Gedanken zu “Ze:tt: Jenseits von Fühlen und Körpersäften keine Ahnung.

  1. Sport ist iiiiiiieeeee.

    Ich hab gerade geschaut wie regelmäßig Pornoschrott in ze:tt ist.
    https://ze.tt/tag/liebe/

    Vergleichsweise prüde. Das Hauptportal zeit.de hat da ganz andere Sachen zwischendurch. „Haben Sie sich schon mal überlegt, mit ihrem Hund …?“ „Wie kann ich meinem Freund erklären, dass ich mit seinem Bruder schlafen will, während er es filmt?“ „Sex im Park. Die Lust am Abenteuer.“ Hab ich schnell erfunden. Die Originale sind aber so.

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    1. Bei den Themen von ze:tt und bento überlege ich mir immer, ob ich in der Vergangenheit steckengeblieben bin. Die Themen decken meiner Ansicht nach etwa 0,02% der Bevölkerung ab. Wenn dieser Schrott ein Interesse bei der Mehrheit der Jugend findet, dann muss ich was versäumt haben.

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      1. Mir ist bento nie über den Weg gekommen. Ich hab gerade gecheckt und es hat 10,4 millionen monatliche Klicks. Ze:tt liegt nur bei 2,41 millionen.

        Ganz ehrlich. Ich weiß nicht, wer das ließt. Also die Zahl von bento ist hoch. Die Frandfurter Rundschau hat nur 4,4 Millionen Leser. Gibt es dauernd Links vom Spiegel zu bento? Liegt Bento auch als Papierausgabe im Regal bei der Bravo und hat dadurch einen Namen? Ich finde es sogar ausgesprochen lahm. Normalerweise schaffen Linke es wenigstens universell akzeptablen Spass unterzubringen, um ihre Medizin zu verabreichen. Aber irgendwie ist das alles lahm da.

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