Der wahre Elternstolz.

Zufällig hörte ich im Radio heute eine Werbung über die Plattform „Elternstolz“, einem Ratgeber zur Berufsfindung für das eigene Kind. Inzwischen bin ich auch schon so politisch korrekt eingenordet, dass ich mich wunderte, dass die Seite noch nicht als rassistisch gebrandmarkt wurde, schließlich sind alle die abgebildeten Personen richtig typische weiße Deutsche. Wahrscheinlich deshalb nicht, weil sie es vom Bayerischen Wirtschaftsministerium und Industrie und Handwerk gesponsert wird und nicht vom Sozialministerium rot-regierter Bundesländern. Irgendwie appelliert man schon im Namen „Elternstolz“ an die niederen Beweggründe gegenüber dem Kind, wo das eigene Ansehen mit der „Qualität“ des eigenen Kindes steigt oder fällt. Da denkt man im ersten Moment an Eltern aus wohlsituierten Kreisen, die ihr Kind mit Nachhilfe und Versprechungen bis zum Abitur geschleift haben und dann froh sind, dass ihr Kind was „Exotisches“ studiert, was vor den Bekannten was hermacht, und nicht nur Grundschullehramt als letzte Option. (Wird inzwischen auch nicht mehr so gern genommen)

Die Seite selbst nennt den eigenen Stolz auf das Kind dann aber nicht mehr explizit als Motiv, sondern es gibt verschiedene Ratschläge wie man gemeinsam mit dem Kind die richtige Ausbildung findet. Dabei gehen die genannten Möglichkeiten fast ausschließlich in Richtung duale Ausbildung und nicht in Richtung Studium. Das ist eigentlich überraschend, denn das Kind zum Vorzeigen ist ja eher in den höheren sozialen Schichten anzutreffen, wo man sich eher um ein makelloses Bild des eigenen Kindes bemüht als in den weniger gebildeten Schichten. Solche Eltern wollen natürlich, dass sich ihr Kind auch im Internet von seiner besten Seite zeigt und nicht irgendwelche im Suff getätigten Einlagen postet.

Der Digitalverband Bitkom hat in einer Befragung herausgefunden, dass jeder zweite Personalverantwortliche potentielle Mitarbeiter in sozialen Netzwerken überprüft. Party- und Knutschfotos, Bilder von Extremsportarten sowie Posts zu umstrittenen religiösen oder politischen Einstellungen können da einen falschen Eindruck erwecken. Ungünstige Bilder Ihres Kindes sind bereits in soziale Medien gelangt? Das können Sie gemeinsam dagegen tun:

Deshalb kommen Vorschläge wie man die unpassenden Bilder wieder aus dem Netz bekommt, wenn sie schon dort hingelangt sind und wie man sich dann ein seriöses Profil zulegt.

Praktika, soziales Engagement, die Mitarbeit bei der Schülerzeitung oder der abwechslungsreiche Ferienjob. Welche Interessen und Fähigkeiten Ihr Kind hat, kann auch angegeben werden. Vielleicht Englischkenntnisse oder Auslandserfahrungen. Eine solche Web-Reputation kommt bei Personalverantwortlichen gut an.

Im Moment kann man da das Teddybärenwerfen an der Seite der Eltern dann zum Engagement für Flüchtlinge aufblasen, die Beteiligung an der #unteilbar-Demo als Einsatz für Toleranz und Weltoffenheit und den Urlaub in der Südsee als Auslandsaufenthalt. Ein Profil für den moralisch höherwertigen Nachwuchs anzulegen kommt ja eher bei denen vor, wo das Kind mindestens ein Studium aufnehmen muss, auch wenn man es mit unzähligen Nachhilfe stunden fast dort hintragen musste.

Und dann kommt der entscheidende Teil, an wen sich diese Seite eigentlich richtet und der Name so auch gut gewählt ist:

Der wichtigste Punkt ist jedoch, dass Ihr Kind begreifen muss, dass es bei der Berufswahl nicht um Coolness geht, sondern um Perspektiven, finanzielle Sicherheit, Selbstverwirklichung und die Frage, ob man mit dem eigenen Beruf ein glückliches, zufriedenes Leben führen kann – im Kreise der Freunde, die einen seit Jahren kennen und mögen. (hier)

Es reicht zum Stolz der Eltern, dass ihr Kind auf eigenen Beinen stehen kann und wenn es darum geht, dann zeigen die, die angesprochen sind, meist mehr gesunden Menschenverstand und Realitätssinn als die Eltern und Kinder aus der Wohlfühlecke, wenn man dann folgenden Artikel liest über eine Studentin, warum sie keine normale Ausbildung begonnen hat.

Ich will Journalistin werden, seit ich denken kann. Deshalb das Publizistikstudium. Ich mag wissenschaftliches Arbeiten und lese gerne philosophische Bücher – deshalb das zweite Fach.  (…) Ich bin ganz froh, jetzt noch in diesem etwas verschulten System zu sein. Ich wüsste auch nicht, was ich für eine Ausbildung machen sollte. (…) Außerdem kann ich mir vorstellen, dass manche Ausbildungsberufe keinen so guten Ruf haben oder später schlecht bezahlt werden, zum Beispiel Pflegeberufe – und viele deshalb lieber etwas anderes machen.

Von Geisteswissenschaftlern gibt es dieses Klischee, dass sie alle Taxifahrer werden. Ich hoffe, dass dem nicht so ist. Man muss früh die richtigen Kontakte knüpfen, sich einen Beruf aussuchen und dranbleiben. Klar, ich kann noch nicht sicher sagen, dass es klappt – aber ich mache mir keine Gedanken, keinen Job finden zu können.

Ja, Mädel. Du sagst selbst, dass Du keine Ahnung hast und Dir auch keine Gedanken machst und da liegst Du echt richtig. Wer vom gegenwärtigen Journalismus so viel mitbekommt wie Du und das auch noch studiert, der könnte gleich davon träumen eine Zündholz- oder Schreibmaschinenfabrik zu eröffnen, um damit den Markt zu erobern. Dabei stimmt bei Dir und den anderen abgebildeten Typen wahrscheinlich nicht mal das Klischee vom Taxifahrer, denn so wie ihr ausseht, holt ihr Euch am Lenkrad noch Blasen.

Dazu kannst Du Dir vorstellen, dass manche Ausbildungsberufe keinen guten Ruf haben. Aha. Mal abgesehen von Reinigungskräften arbeiten in den Ausbildungsberufen mit dem schlechtesten Ruf ohnehin Männer. Zum Beispiel Schlachter, Müllwerker oder Kanalarbeiter. Dabei haben all die Genannten bis zur ersten Brotzeit schon mehr Sinnvolles geleistet als jeder Journalist in einem ganzen Monat. Aber wie Du sagst, kannst Du dir das nur irgendwie vorstellen, dass es da irgendwelche Berufe mit schlechtem Ruf gibt, denn in Deinem rundum-sorglos Elternhaus glaubst Du auch, dass das Abwasser einfach in der Wand verschwindet und die Schinkenwurst aus dem 3D-Drucker kommt, wer sollte dafür arbeiten müssen.

Du hast natürlich Recht, dass man in Industrie und Handwerk oft schlecht bezahlt wird, doch das liegt heutzutage daran, dass die meist das letzte Aufgebot rekrutieren müssen, wo einer unter 40 Bewerbern zumindest weniger Schaden als Nutzen anrichtet. Wenn da jemand antanzt, dem man an den Händen und am Auftreten schon ansieht, dass der der Richtige ist, ohne überhaupt die Bewerbungsmappe anzusehen, der baut dann schon am eigenen Haus, da schleppst Du Dich gerade zum nächsten unbezahlten Praktikum. Diese Fachkräfte aus den Ausbildungsberufen sind nicht mehr das Klischee vom nasebohrenden Vollhonk im Blaumann wie Du vielleicht denkst, sondern das sind oft Leute, die sagen dann dem Bachelor von der Uni erst mal wo der Hammer hängt.

Du siehst ja mit Deinem Berufswunsch jetzt schon ein, dass man mit einem unproduktiven Tralala-Studium für einen schwindenden Markt erst mal die richtigen Kontakte knüpfen muss, um da rein zu kommen. Wenn ich Dich so ansehen, musst Du hoffen, dass Du die richtige Geschmacksrichtung bist, um Dich nach oben zu vögeln. Leider gibt es in Deinem angestrebten Berufsfeld einfach schon zu viele, die vorhaben, von der Illusion einer Tätigkeit zu leben. Vielleicht solltest Du für die nötigen Kontakte zusätzlich noch zur SPD gehen, so lange es die noch gibt, oder gleich zu den Grünen. Dann geht vielleicht auch Dein Traum in Erfüllung.

Ich würde gerne bei einer der größeren Tageszeitung oder bei einem Magazin arbeiten, hätte dort gerne die Freiheit, meine Ideen einzubringen, mit vielen Menschen in Kontakt zu kommen und unterschiedliche Städte zu bereisen.

Denn die meisten Zeitungen gehören ja sowieso der SPD und da kommst Du auch mit vielen Leuten in Kontakt. Die haben zwar eine etwas spezielle Vorstellung davon, was Freiheit und freie Berichterstattung betrifft, aber die ist ja inzwischen ohnehin Mainstream. Dann können Deine Eltern endgültig stolz auf Dich sein und mit Dir als „Medienmacherin“ angeben. Ich gehe aber mal davon aus, dass für Dich, je länger Dein Studium dauert und je höher die Zahl der unbezahlten Praktika wird, die Uni für Dich auch ein Heiratsmarkt sein wird. Dann können Deine Eltern immer noch sagen, Du hättest Deine Karriere für die Kinder geopfert.

Da machen auf den unverstellten Blick hin, die Seite Elternstolz und auch deren Namen wirklich Sinn. Die Wirtschaft weiß sehr wohl, dass wir vor allem Konsumenten importieren und nicht die versprochenen Fachkräfte. Deshalb wird da nicht zwanghaft noch Multikulti und Diversity transportiert, denn schon die Bilder sollen zeigen, wen man ansprechen will: Eltern und deren Kinder, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen und zu denen gehören wollen, die den Laden hier am Laufen halten. Eltern können heute wirklich stolz sein, wenn ihre Kinder später dazu gehören und darüber hinaus noch auf eigenen Beinen stehen.

 

14 Gedanken zu “Der wahre Elternstolz.

  1. Spahn will jetzt auch Hebamme zum Studienfach machen. Ich hab mittlerweile den Eindruck, dass in Deutschland einfach nur die Leute möglichst abhängig von einer Berufsentscheidung gemacht werden. Es ist fast unmöglich sich professionell in andere Felder zu entwickeln. Auch das macht devot.

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    1. Ich habe da ein bisschen Einblick. Man will die Pflegeberufe an die Uni bringen, doch das werden dann die sein, die zum Beispiel die Stationsleitung übernehmen? Eine weitere „unproduktive“ Kraft. Man hat die Ausbildung von Alten- und Krankenpflege zum Teil zusammengelegt und das Niveau so gesenkt, dass da im Grunde kein Schulabschluss mehr verlangt wird. Diejenigen mit höherem Schulabschluss werden dann nicht mehr im Krankenhaus arbeiten, sondern direkt an die Uni gehen, was am Ende zu weniger „produktive“ Kräfte führt. Im Grunde würde es reichen, die Pfleger besser zu bezahlen. Als man vor wenigen Jahren begann, die neuen Pfleger nicht mehr nach Angestelltentarif zu bezahlen, passierte es, dass eine Schwester beim Aufstieg in die Stationsleitung nach neuem Tarif bezahlt wurde und so 300.- weniger verdiente wie zuvor. Wenn dann diejenigen kommen, die ein Krankenhaus nur aus einem Praktikum kennen aber eben von der Uni kommen, werden die sicher entsprechend bezahlt, auch wenn die dann im Grunde von den untergebenen Schwestern erst eingewiesen werden müssen.

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  2. […]denn so wie ihr ausseht, holt ihr Euch am Lenkrad noch Blasen[…]
    Ja, so schauts aus. Hornhaut auf den Arschbacken und Krankschreibung wegen Leistenbruch, weil die Kaffeetasse zu schwer war. 😀

    Der weitere Aspekt ist, mit einem Handwerksberuf oder MINT-Studium kann man in wirklich jedem Land der Welt eine brauchbar bezahlte Arbeit finden. Meiner Ansicht wird das immer mehr zum ausschlaggebenden Aspekt.

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    1. Stimmt leider.
      Der Gedanke ist mir auch schon brutal auf die Füße gefallen. Wenn ich mir überlege, dass bei derzeitiger sozialer und politischer Lage immer noch bummelig 80vh Mutti und ihre Blockflöten wählen, hätte ich nicht schlecht Lust, nochmal eine handwerkliche Ausbildung zu machen. Allein: ich kann nix. Glaub ich. Bin halt eher der verkopfte Typ.

      Schade. Ist nix mit Verpieseln wenns haarig wird.
      Glücklicherweise hab ich wenigstens keine Beißhemmung im entscheidenden Moment.

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  3. Mir war so als habe ich irgendwo in diesem Blog gelesen, dass sie Historiker sind. Offenbar sind sie heute dennoch in der Lage eine Familie zu versorgen. Na also, geht doch! Bartholdy scheint sowieso all das zu verkörpern, was derwaidler und luisman verabscheuen. Bizarr!

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    1. Ich verabscheue in keiner Weise Leute die studieren, vor allem, wenn es dafür eine echte Nachfrage gibt. Nur wenn es Pseudowissenschaften sind wie Gender, kritisches Weiß-sein oder Postkolonialismus, dann ist das völlig überflüssig. Übrigens habe ich auch einen Abschluss in einem Handwerk, welches heute durch Importe aus Fernost leider kaum mehr Zukunft hat.

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  4. Die Nachfrage nach Historikern ist vermutlich eher mäßig. Und doch haben sie es studiert.
    Wie kommen sie auf die Idee Bartholdy habe studiert oder gar ein Studium abgeschlossen?

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    1. Vor 30 Jahren studierte auch noch nicht jeder. Bartholdy schreibt, er wäre eher „verkopft“. Nach dem Artikel und Ihrer Antwort ging ja ich davon aus, dass Sie selbst das annehmen, denn warum sollten mir Leute verhasst sein, die weder Fähigkeiten noch Möglichkeiten hatten, das zu werden, was man eigentlich wollte? Ist ja traurig genug.

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  5. Clemens Bartholdy ist das Pseudonym von Gert Postel – einem dreisten Hochstapler. Der „Bernhard“ ist geschenkt! Wir haben es hier mit einem Hochstapler zu tun, der den Namen eines Hochstaplers nutzt. Entbehrt nicht einer gewissen Ironie!

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  6. Der Kommentar von Bartholdy klingt für mich eher wie das Bedauern eines Menschen, der nie etwas Rechtes gelernt hat. Und sind das nicht die Figuren, die sie verabscheuen?

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    1. Abscheu? Geht es nicht eine Nummer kleiner? Es kann von mir aus jemand 100 Semester Genderstudies studieren, ist doch sein Bier. Es anderes ist, wenn man sich dann als Medienmacher oder Politiker aufspielt und meint, man könne dann anderen vorschreiben, was sie für richtig zu halten haben bzw. man dann sein Leben lang winselt, weil niemand für deren Ergüsse auch noch bezahlen will und dafür die Gesellschaft verantwortlich macht. Ich habe lange genug in Fabriken und auf Montage gearbeitet, sodass ich heute jede gute Reinigungskraft und jeden guten Hilfsarbeiter meine Hochachtung hat, denn ein Betrieb hakt schon, wenn man dort unfähige Leute hinstellt. Mit ein bisschen Einsatz kann man sich dort auch mit geringen Fähigkeiten einen guten Namen machen. Selbstmitleid ist die letzte Möglichkeit, dass man nicht zugeben muss, dass man einfach den Hintern nicht hochbekommen hat. Sind eigentlich arm dran.
      Wenn es allerdings gut bezahlte Posten gibt, die keinerlei Mehrwert erzeugen, anderen nur auf die Senkel gehen und deren Fehlen niemand bemerken würde, dann nehme ich mir auch heraus, diese Leute lächerlich zu machen. Schließlich verbrauchen sie ja Steuergelder. Ich kann mich erinnern, dass eine Soziologie-Fakultät in den USA Streik mal angedroht hatte. Hat niemanden interessiert. Abscheu habe ich gegenüber Leuten, die Erwachsene, die ihr Leben auf die Reihe gekriegt haben, wie Unmündige behandeln, nur weil sie nicht die Konsensmeinung vertreten.

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  7. Meine Güte, was habe ich nur angerichtet…

    1. Mein Pseudonym hat nichts mit Gerd Postel zu tun, sondern ergibt sich aus privaten Lebensumständen. Der Bernhard darin ist mitnichten geschenkt. Ich gebe zu, dass es unglaubwürdig klingt, aber die Ähnlichkeit mit dem Pseudonym von Herrn Postel ist absoluter Zufall. Wers nicht glaubt, der lässt es eben…

    2. Ich habe studiert und auch einen Abschluss. Leider kann man meinen Abschluss außerhalb Deutschlands nicht gebrauchen. Hat allerdings nichts mit Gender oder sonstigem Trallala zu tun.

    3. „Verkopft“ bin ich, weil mir halt handwerkliches Geschick über einfache Hausmeisterei hinaus fehlt. Ich kriege Nägel gerade in die Wand, hänge Bilder vernünftig auf, kann einfache Möbel zimmern, streichen und wäre auch in der Lage, Nahrung anzubauen, zu jagen oder mein Heim zu verteidigen, würde aber vermutlich einen handwerklichen Abschluss nicht schaffen.

    4. „Abscheu“ empfindet – geht man von den Kommentaren hier aus – vor allem eine Seite. Und die empfinde ich nicht als die meine.

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