Spielvorschriften für Kinder.

Es sind die unscheinbaren Ereignisse, die manchmal auch etwas Erhellendes haben. Letzte Woche passte ich für etwa eine Stunde auf ein paar Grundschüler auf, so zweite, dritte Klasse. Um die Zeit zu vertreiben, schlug ich vor Papierschiffchen zu basteln. Ein einziges Mädchen hatte jemals ein solches gebastelt. Also machte ich Schritt für Schritt vor wie man das macht. Das scheiterte bei einigen schon daran, überhaupt ein Blatt in der Mitte zu falten. Wenn die das mal können, ist es schon ein sichtliches Erfolgserlebnis für sie. Man muss wirklich bei jedem Schritt nicht nur sagen, was man tut, sondern auch wie man das Teil jeweils in der Hand hält. Manchem muss man wirklich jeden Finger führen, damit er an die richtige Stelle kommt. Wenn dann im letzten Schritt das Schiffchen plötzlich erscheint, dann hellt sich das ganze Gesicht auf, als wäre es Zauberei. Soviel zur Vorgeschichte.

Nun habe ich einen Artikel gelesen, dass der Peak-Intelligenz schon überschritten wäre und die Intelligenz wieder sinke. Norwegische Forscher machen vor allem die ungesunde Lebensweise und Giftstoffe verantwortlich, die den Hormonspiegel beeinflussen. Ich meine aber, dass es vor allem auch mit dem zu tun hat, was und womit Kinder spielen und ich meine jetzt nicht gleich Computerspiele. Es geht um das Absraktionsvermögen, das ein Kind ganz natürlich hat und auch weiterentwickelt und das Grundlage ist für jede planerische und praktische Arbeit.

In der Philosophie bezeichnet Abstraktion ein gedankliches Verfahren, durch das von bestimmten gegebenen, jedoch als unwesentlich erachteten Merkmalen eines Gegenstandes abgesehen wird (…) etwa das Verfahren der isolierenden Abstraktion.[1] Hierbei werden von einer gegebenen Anzahl von Merkmalen die für einen ganz bestimmten Gegenstand wesentlichen Eigenschaften herausgestellt. (hier)

Ein bloßer Holzklotz stellt für ein Kind ein Auto dar. Waagrechter Gegenstand, der sich bewegt. Soldaten waren für mich stehende Lego-Steine mit acht Noppen mit einem angesteckten länglichen Stein mit vier Noppen an der hohlen Seite als Gewehr. Für ein Spiel „Repräsentationen“ der Realität herzustellen, stellt hohe Fähigkeiten an das Abstraktionsvermögen, indem man einen Gegenstand auf seine Proportionen, Symmetrien und seine Morphologie reduziert, um am Ende ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erzielen. Allein die Fähigkeit einen in der Natur runden Gegenstand mit eckigen Steinen zu bauen, erfordert die Fähigkeit, dass ihm ein Vieleck angenähert sein muss. Dass das so ist, muss man aber einem Kind gar nicht lernen. Bei der Gehirnentwicklung des Kindes ist es nötig, dass man auf einem bestimmten Entwicklungsstand immer die entsprechenden Reize erhält, damit sich dieser Teil des Gehirns entwickeln kann, ansonsten verkümmert er. Eigentlich ist ein Kind erst mit zwölf Jahren fähig zur Abstraktion, allerdings, geht es hier eher um die theoretische Abstraktion zum Beispiel zweidimensionale Objekte in die dritte Dimension zu „übersetzen“. Nun hat man bei der folgenden Aussage das Henne-Ei-Problem.

Bei Lego hatte man diesen wachsenden Unwillen der Kinder zur Abstraktion bald erkannt und kam mit immer lebensechteren Figuren auf den Markt.

Sobald es einzelne lebensechte Figuren gab, wollten die Kinder natürlich auch alles passend dazu haben. Da muss den Umerziehern ein Licht aufgegangen sein, dass sie ihr Treiben jetzt bis ins Kinderzimmer ausbreiten können. Zuerst beschwerte man sich, dass man bei Spielsachen Kategorien für Jungen und Mädchen hat, weil ja Mädchen „nachweislich“ genauso gerne mit Jungenspielsachen spielen und umgekehrt. Können sie mal selbst ausprobieren und kaufen ihrem Sohn bei der Einschulung ein rosa Mäppchen mit Einhorn. Natürlich hat sich auch Lego diesen penetranten Neo-Marxisten unterworfen und egal wie sie es machen, es passt natürlich nie in deren Utopien. Ein Autor eines Artikels beschwert sich, dass vor 20 Jahren bei Lego noch eine Frau Taxi-Fahren durfte. Jetzt beschwert man sich über die allzu „realistischen“ Spielwelten:

„Friends“ setzt nun die Welt von Sarah mit leichtem Emanzipationslametta (Roboterbau, Flugstunden) fort. Der Erfolg der Figuren wird anthropologisierend begründet: Es zeige sich, dass Mädchen nun mal so seien und Jungen anders. Nur: Die Testteilnehmer waren keine Säuglinge, sondern Kinder, die bereits jahrelang Rollenmodelle durch Eltern und Kindergarten vorgeführt bekommen haben, die sie im Friends-Spiel wiederfinden – und es ist eine Sache, Spielfiguren weniger eckig zu gestalten, und eine andere, zusammen mit den lebensechteren Gesichtszügen fragwürdige Lebensentwürfe zum Ideal zu erklären: Die seltsamen Kindfrauen, die in Legos Friends-Welt geschminkt im Café der putzenden Afroamerikanerin zuschauen, sind eher ein betoniertes Abbild aktueller sozioökonomischer Verhältnisse als eine spielerische Utopie, in der, wie es früher bei Lego war, alles umgebaut werden kann.

Und er lamentiert

„Lasse dem Schaffensdrang des Kindes freien Lauf“, hatte Lego-Gründer Ole Kirk Christiansen einmal geschrieben, „und es wird eine Welt bauen, die reicher und phantasievoller ist, als es sich ein Erwachsener vorstellen kann.“ Man kann, angesichts der rosafarbenen Cafés von Murrays Heartlake City, in denen die Schwarzen putzen müssen und die Weißen sich vom Pferdestriegeln erholen, nur hoffen, dass das stimmt.

Das einzige, was jenseits dem ganzen Gender-Tralala sicher nachgewiesen wurde, ist, dass schon Säuglinge je nach Geschlecht bestimmte Präferenzen zeigen, wenn es um Spielzeug geht. Jungen tendieren zu technischen Dingen, Mädchen zu Puppen und Figuren. (gutes Video hier) Diese gilt auch, wenn es um Farben geht.

Man kann dem Abstraktionsvermögen der Kinder nicht einfach freien Lauf lassen, dass sie die Welt nach ihren Erfahrungen und Vorstellungen erschaffen und dann erwarten, dass sie genau die marxistischen Utopien nachspielen. Bei Jungen gibt’s schon lange Gesichter, wenn im Lego-Bausatz für ein Feuerwehrauto eine Frau sitzt. Während man sich in Planungsstuben über Geschlechtergerechtigkeit und Teilhabe streitet, geht der Aspekt des Lernens beim Spiel völlig verloren. Man gibt den Kindern durch das präsentierte Spielzeug geradezu Spielvorschriften, anstatt sie zu eigenem kreativen Gestalten anzuregen.

Um auf das Beispiel am Anfang zurückzukommen. Papier falten und eine Schere benutzen gehört zu den Grundtechniken, die ein Kind schon im Kindergarten beherrschen sollte. Dass hier was im Argen liegt, sieht man daran, dass Jugendliche nicht mal mehr einen Papierflieger einfachster Version bauen können. Vor 40 Jahren hat man das in der Grundschule schon gekonnt und aus eigenem Antrieb die Form angepasst und modifiziert, um die Flugeigenschaften zu verbessern. Da mussten die Eltern gar nichts vorgeben. Wenn Kinder heute nur vorgefertigte Dinge in einer vorgegebenen Spielwelt benutzen, anstatt beides selbst zu erschaffen, dann gibt es auch nie das Erfolgserlebnis eigener Schöpfung. Kein Wunder, dass dann immer weniger in technische Berufe gehen oder ein technisches Studium aufnehmen, weil man gar nicht um die Erfüllung weiß, die darin liegt.

Schon hier scheitert die neomarxistische Ideologie von der Gleichmacherei. Um das Ziel doch noch zu erreichen, muss das geistige Niveau sinken, sodass man eine unfähige und unmündige, leicht manövrierbare Masse bekommt. Um den Laden am Laufen zu halten, braucht man aber trotzdem Handwerker und Ingenieure und da reicht es nicht Frauen gegen ihre Interessen und Leute aus bildungsfernen Kulturen dort hin zu tragen, während man die Voraussetzungen zerstört, dass es auch Leute gibt, die das auch gerne und freiwillig tun würden, wenn man ihnen in der Kindheit nicht Spielzeug vorenthalten würde, wo sie eigenschöpferisch tätig sein können.

Die Intelligenz nimmt ja wie gesagt statistisch gesehen ab und Ernährung und Giftstoffe dürften ihren Beitrag dazu leisten, doch ultrarealistische Computerspiele und vorgefertigte, lebensechte Spielwelten sind meiner Meinung nach das größere Problem. Sie machen das kindliche Gehirn träge und mit der Zeit unfähig zur Abstraktion und so auch unfähig zur autonomen Schöpfung. Dieser Makel lässt sich auch später nicht mehr beheben. Wir produzieren zwar immer mehr Studenten, doch die Qualität der wissenschaftlichen Arbeiten nimmt aufs Ganze gesehen immer mehr ab. Es kann auch Zufall sein, dass der Niedergang da begann, als die Generation zu studieren anfing, die in der Kindheit auch zum ersten Mal vorgefertigte Spielwelten vorgesetzt bekam.

 

 

 

 

8 Gedanken zu “Spielvorschriften für Kinder.

  1. Ich denke, dass gerade Helikoptereltern die meisten von diesen Kindern produzieren. Die lassen ihre Kinder nicht mal am Spielplatz wo raufklettern, ohne dass sie sie festhalten. Im Dreck spielen geht gar nicht, wegen den schlimmen Erregern und so.

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  2. Ich kann aus der täglichen Arbeit mit Studenten nur bestätigen, dass deren Abstraktionsfähigkeit kontinuierlich abnimmt. Fragt man nach der Definition bzw. dem Wesen einer Sache, bekommt man als Antwort in der Regel die Beschreibung eines Beispiels. Erst wenn man darauf hinweist, kapieren einige, dass etwas anderes gemeint war.

    Hinzu kommt die mangelnde Kritikfähigkeit. Wenn die Medien bzw. das Netz bestimmte Studien oder Ergebnisse liefern, ist das wahr und richtig. Es wird nicht nach den Hintergründen oder Kontingenzen der Entstehung von Wissen gefragt.

    Zuguterletzt ersetzt Gefühl Argumentation auf der Basis von Fakten oder abstrakten Regeln. Gutes Beispiele sind der Kampf gegen den Klimawandel, der geführt werden muss, whatever it takes oder der Glaube in die Institutionen der EU.

    Insbesondere letzteres schafft ein Grünen-Wählerpotential von 25%. Man muss für das Gute einstehen und sich gut fühlen, dann wird auch alles gut: siehe die Grünen-Stories im Focus vom Samstag.

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    1. Um diesen Kommentar bin ich wirklich dankbar. Ich stelle nämlich auch fest, dass die meisten nicht von Einzelfällen auf eine allgemeine Regeln schließen können. Vor allem können sie auch nicht von einer Regel bzw. Annahme (z.B. Klimawandel) zürückschließen auf die Herkunft und welche Fragen man logischerweise stellen müsste, um das zu überprüfen. Am Letzteren krankt es noch mehr.
      Das lästigste persönlich finde ist, dass alles von irgendwelchen Werturteilen durchtränkt ist, dass man gar nicht mehr in der Lage ist, ganz nüchtern einen gegenteiligen Standpunkt einzunehmen. Das überfordert viele schon emotional, dabei war dies zu meiner Schulzeit Gang und Gäbe, um überhaupt eine sinnvolle Erörterung zu schreiben.

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      1. Erst kommt das Werturteil und nie kommt die Überlegung, ob irgendwas überhaupt stimmt, ob es plausibel ist, ob es logisch ist, welche anderen Wertungen es zulässt (falls überhaupt eine Wertung relevant ist)….

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