Schenkt Rotwein, literweise!

Mein Großvater hat damals mit 76 Jahren noch Skihandschuhe zu Weihnachten bekommen, weil sein engstes Umfeld eben wusste, dass er immer noch ein ambitionierter Skifahrer war. Der hätte sich schön bedankt, wenn man ihm eine Flasche Doppelherz oder einen Rollator geschenkt hätte. Ungefähr so geht es mir, als man mir jetzt die Bücher mit dem Titel Fake-News und Postfaktisch geschenkt hat. Ersteres ist unlesbar. Mit dem Untertitel „Die einen nennen es Fake News, die anderen Enthüllungen“. Ich halte zwar Claus Kleber für alles andere als eine Ausgeburt wahrhaftiger Berichterstattung, doch deshalb besteht meine Realität nicht aus Ufos und unter uns lebende Außerirdischen. Wenn der Autor sich damit brüstet, er würde alles mit Fakten belegen, diese bedürften aber einer subjektiven Interpretation, dann weiß man, was für eine Esoterik einen erwartet. Bei amazon hat es fünf Sterne im Schnitt, allerdings nur neun Kommentare seit 2017. Das dürften dann alle Mitglieder dieser Sekte sein.

Das Buch „Postfaktisch“ ist da interessanter, denn es ist sozusagen der Versuch alternative Medien gegenüber den Leitmedien zu diskreditieren. Es erklärt dem Leser unterschwellig, dass man sich von diesem gefährlichen Territorium fernhalten sollte. Wenn im ersten Satz schon steht, dass man sich durch die Wahl Trumps gemüßigt sah, dieses Buch zu schreiben, dann kennt man eigentlich den Rest. Ich habe gut zwei Drittel diagonal gelesen, das reichte. Es handelt von russischer Desinformation und Meinungsblasen. Grob umrissen geht es darum, dass die Menschen in immer kürzerer Zeit auch neue Nachrichten hören wollen und wer sie liefern kann, auch entsprechende Klickzahlen und Zuschauerzuspruch bekommt, was am Ende zu entsprechenden Einnahmen führt. Beeinflussung der Medien gibt es nach den Worten des Autors nur in Diktaturen und autokratischen Regimen. Die deutschen Medien werden in keiner Weise erwähnt. Er bemängelt, dass die US-Medien Trump zu große Aufmerksamkeit geschenkt und so gepuscht haben. Beim Kapitel „alternative Fakten“ werden der Streit um die Anzahl der Besucher bei Trumps Amtseinführung und der Fake über Massenvernichtungswaffen im Irak in einen Topf geworfen. Zu einem Kapitel über Merkel heißt es:

So wurden falsche Gerüchte über kriminelle Flüchtlinge und über Deutschlands Zahlungen hoher Sozialleistungen an Flüchtlinge verbreitet. (…) andere wiederum hatten ihren Ursprung in Russland.

Inzwischen hat sich ja beides als richtig herausgestellt und man dafür Russland gar nicht brauchte, so will ich mich mit Fake news nicht weiter beschäftigen, denn ich habe es hier schon mal getan, mit einem Vorschlag, wann Falschmeldungen überhaupt relevant sind. Nämlich wenn sie

In einen glaubwürdigen Kontext eingebettet sind.

Eine hohe Verbreitung genießen.

Eine manipulative, lenkende Wirkung auf große Teile der Bevölkerung haben.

Zusätzlich noch eine seriöse Quelle suggerieren.

Die in dem Buch verwendeten Beispiele aus den sozialen Medien erfüllen keine dieser Voraussetzungen. Die Autoren verweisen darauf, dass Nachrichten selektiv und politisch gefärbt sind und die öffentliche Meinung durch Tweets und Memes beeinflusst werden. Bei den großen Medienhäusern sind das fast ausschließlich konservative wie FOX-News und denen gegenüber stehen natürlich Mainsteamsender und Zeitungen wie DER SPIEGEL oder DIE ZEIT. Im ganzen Buch hat man das Gefühl, als würden die Ereignisse selbst bei den Medien erst entstehen bzw. es wäre ihre Aufgabe alles zu erklären und Orientierung zu bieten. Das Werk spart völlig aus, wodurch sich alternative Nachrichtenseiten von den Leitmedien unterscheiden und diese nicht durch Fake-News und alternative Fakten ihre Deutungshoheit verlieren, sondern aus einem ganz anderen Grund.

Große Regionalzeitungen wie die PNP übernehmen fast ausschließlich dpa-Meldungen und die Zeitung wird von einer Hand voll Redakteuren und unbezahlten Praktikanten am Laufen gehalten. Und so liest sich diese Zeitung auch. Alternative Nachrichtenseiten und -blogs bringen ja nicht andere Meldungen als Alternative, sondern geben zusammen erst eine Macht, die keine Zeitung mehr leisten kann. Ein einzelner kann sich jeweils die Zeit nehmen, eine Rede vollständig zu hören, parlamentarische Anfragen und Antworten im Original zu lesen, veröffentlichte Studien ganz zu studieren und nicht nur die Zusammenfassung, was sie angeblich belegen soll. Man kann Querverbindungen zwischen Personen, Stiftungen und NGOs recherchieren, ob es Interessenkonflikte gibt und, ob dadurch zum Beispiel Gesetze oder Expertenmeinungen nicht in einem ganz anderen Licht erscheinen. Alternative Medien machen öffentliche Dokumente, Bücher, Reden und Verlautbarungen erst einer breiteren Masse bekannt und geben bestimmten Dingen dadurch einen völlig anderen Spin, als er in den Leitmedien verbreitet wird. Früher gab es Sender und Magazine, die genauso gearbeitet haben. Inzwischen hat alles einen medialen Einheitsspin. Er wird nicht durch Fake-News oder alternative Fakten bedroht, sondern dadurch, dass manche Meldung, die den Leitmedien nur einen Dreizeiler wert ist, in Wirklichkeit von entscheidender Bedeutung ist. Der Migartionspakt ist so ein Thema. Zwar habe ich schon im Sommer gehört, dass es dort einen Migrationsgipfel geben soll, daraus machte man kein Geheimnis. Wichtig war aber, dass es auch Leute gab, die das lasen, was dort verabschiedet wird und das dann an die Öffentlichkeit brachten. Witzig, wenn sich die Leitmedien dann der Wunderwaffe Verschwörungstheorie bedienen müssen, weil sie bloßgestellt sind. Das Gleiche gilt für den ganzen Klimagedöns. Dass es hier nicht um Klimarettung, sondern um Umverteilung und die Umgestaltung der Gesellschaft geht und man Maßnahmen braucht, um beides durchzusetzen, kann man auf über 400 Seiten in „Die große Transformation“ auf dem Bundestagsserver nachlesen. Blöd, wenn sich dann doch mal jemand die Zeit nimmt und den Inhalt dann öffentlich macht. Die Medienhäuser sind zu klamm bzw. sind die Journalisten so mit Haltung zeigen beschäftigt, dass ihnen Zeit, Geld und Antrieb dazu fehlen. Im Internet verteilt sich diese Arbeit auf viele Schultern und ist meist unbezahlt (!). Immer, wenn sich jemand fragt, was hinter den nackten Zahlen, hinter einem Gesetz oder einer Studie steckt und dem auf den Grund geht und Fakten öffentlich macht, kommen die Mainstream-Medien und die Blockpolitik ins Schwimmen. Weil es ein weit verzweigtes, nicht organisiertes Netz ist, lässt es sich auch so schwer unter Kontrolle bringen, vor allem, weil die Leitmedien eigentlich die gleichen Fakten zugrunde legen, sie aber durch Weglassen, Verzerren und Kommentieren in ihrem Sinne verändern bzw. nur die vorgefertigten Zusammenfassungen der Agenturen übernehmen. Bücher wie „Die Destailisierung Deutschlands“ sind das gleiche in konzentrierter Form, denn sie bedienen sich weitgehend der gleichen Quellen wie Blogger und alternative Nachrichtenschreiber.

Das Buch „Postfaktisch“ gaukelt dem Leser vor, die Leitmedien und die öffentliche Meinung wären durch den unjournalistischen Standard der alternativen Medien bedroht, dabei zeigt sich an Claas Relotius und dem Umstand, dass diese völlig aufgeblasenen Geschichten kein Misstrauen in den Redaktionen erweckten, dass die Standards dort längst den Bach runtergegangen sind. Man denke auch an Bana aus Aleppo, deren Geschichte ungeprüft in ARD und ZDF gelangt ist.

Dieses Buch differenziert auch in keiner Weise, dass es auch wichtig ist, welche Tragweite eine Falschmeldung hat. Es macht wohl einen Unterschied, ob solche Meldungen dafür sorgen, dass ganze Völker in Kriege verwickelt werden oder ins Verderben rennen oder man einem Politiker ein falsches Zitat in den Mund legt, wenn dieser zuhauf noch größeren Käse von sich gibt. Welchen Schaden sollte das noch zusätzlich anrichten?

Natürlich kommt am Ende von „Postfaktisch“ noch etwas von George Orwell.

Hier haben die Fakten jede Autorität verloren und es gibt nur eine Definition von Wirklichkeit: Die Partei.

Die Partei trug dir auf, das Zeugnis deiner Augen und Ohren abzuweisen. Das war ihre letzte und wichtigste Anweisung.

Wie wahr. Nur so konnte ein Videoschnippsel aus Chemnitz zu Hetzjagden werden, der NSU zum rechten Terror umgemünzt werden oder die Waldbrände in Kalifornien als Folgen des Klimawandels wahrgenommen werden.

Das Buch „Postfaktisch“ betreibt „Aufklärungsarbeit“, um davon abzulenken, dass die Leitmedien inzwischen ein Lügengebäude aus postfaktischen Narrativen aufgebaut haben, das so dicht ist, dass es außerhalb der Vorstellung der meisten Menschen liegt, dass ihre Weltsicht vollständig auf Lug und Trug aufgebaut sein könnte. Jemand muss wirklich in dieser Blase leben, um mich auf den vermeintlich richtigen Weg zurückzubringen, wenn er mir solche Bücher schenkt, bloß, weil ich an dieser Weltsicht zweifle.

Schenkt mir lieber die obligatorische Flasche Rotwein, um das alles zu ertragen.

 

3 Gedanken zu “Schenkt Rotwein, literweise!

  1. Da scheint ja jemand richtig nette Verwandte oder Bekannte zu haben. Gab es diese Broschüre von dem Grünen SH—Jüngling gratis dazu?😜
    Eine Flasche Wein ist recht wenig, um das zu verdauen braucht es schon was härteres.

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