Holocaust: Viel Gedenken aber nichts gelernt.

Ich bin heute zufällig über einen Artikel gekommen, So rechtsextrem war 2018, dort wurde die Verurteilung der Holocaustleugnerin Haverbeck gelistet. Zum wievielten Mal eigentlich, fragt man sich und, wenn ich in mich gehe, dann weiß ich über den Holocaust im Grunde kaum etwas, obwohl das Thema selbst ja jährlich zu bestimmten Tagen wieder neu aufgelegt wird. Eigentlich erschöpft sich das Thema in den Begriffen „grausam“, „unsagbar“und „nie wieder“. Ich meine, dass die Holocaustleugnung unter Strafe zu stellen, nach dem Krieg eine gute Idee war. Denn diejenigen, die weder aus der Hitlerdiktatur noch aus der verheerenden Niederlage Deutschlands etwas gelernt haben, hätten wieder aus der gleichen Verblendung heraus argumentiert und diese Argumente wären sicher wieder auf fruchtbaren Boden gefallen, wenn man die direkte Nachkriegszeit betrachtet, denn auch die Besatzer verhielten sich nicht dem Völkerrecht gemäß. Das war aber nicht das Ergebnis eines kollektiven Verhaltens von Franzosen, Engländern, Russen oder Amerikanern, sondern lag daran, in wieweit sich einzelne einflussreiche Personen durchsetzen konnten, als es um die Zukunft Deutschlands ging. Während man in England noch Stimmen hörte, dass die Deutschen unter ihrem Regime genauso litten wie der Rest Europas, so war Roosewelt ein ausgesprochener Deutschlandhasser, ganz zu schweigen von französischen Politikern. Diese gaben ihre Besatzungszone zur Vergewaltigung und Plünderung frei und demontierten und plünderten wie keine andere Besatzungsmacht. Schließlich wurde den Deutschen die Kollektivschuld laut Potsdammer Abkommen auferlegt, sodass keiner ein schlechtes Gewissen haben musste. Es hing viel davon ab, wie es den Verantwortlichen vor Ort gelang, die durch die eigene Propaganda aufgehetzten Soldaten einzufangen. Warum dieses Vorspiel zur Frage der Holocaustleugnung?

Dazu muss man ausholen. Es gibt Leute, die den Holocaust an sich leugnen und Geschichtsverfälschung und -klittierung betreiben. Weiter heißt es auf Wikipedia:

Dabei wird gegen gesichertes historisches Tatsachenwissen behauptet, der geplante, systematische, auf Ausrottung zielende Völkermord an etwa sechs Millionen europäischen Juden habe nicht stattgefunden oder er sei nur ein Massenmord oder Massensterben ohne historische Besonderheiten gewesen.(..)

Holocaustleugner geben ihre Thesen oft als historische Forschung aus, präsentieren aber pseudowissenschaftliche Geschichtsfälschung und Geschichtsklitterung im Dienst von Hasspropaganda gegen Holocaustopfer und deren Nachfahren.[1] Die Holocaustforschung lehnt eine Debatte über die Behauptungen der Holocaustleugner ab, um diese nicht als Forschungsbeiträge zu legitimieren.

Hierin liegt das Problem und nicht nur eines. Wer auf den Link Holocaustforschung geht, wird feststellen, dass es dabei vor allem um das Sammeln von Erlebnissen aus der Opferperspektive geht und der Ausfluss ist dann in der Normalbevölkerung „grausam“, „unsagbar“ und „nie wieder“. Kein Wunder, dass das Mantra vom „nie wieder“ zu einer Attitüde verkommt, die dem Ereignis in keiner Weise gerecht wird, wenn man es bei jeder Gegendemo anheftet, wo Leute gegen eine zunehmende Islamisierung, EU-Zentralisierung und ungebremste Migration auf die Straße gehen. Keine Wunder, dass die Erinnerungen der Opfer allein nicht reichen, um ein neuerliches Szenario dieser Art zu verhindern, weil es liegt über 70 Jahre zurück und man fragt sich, ob es für das individuelle Leiden wie auf diesem IS-Video im Holocaust überhaupt eine Steigerung gab.

Wenn zur Leugnung auch

der geplante, systematische, auf Ausrottung zielende Völkermord

gehört, dann müsste doch hier ein Schwerpunkt liegen, wie dies möglich war, denn, wenn man etwas für die Zukunft lernen will, dann sind es nicht die Grausamkeiten selbst, sondern das Umfeld, in dem das geschehen konnte. Die NSDAP erreichte ihre Macht nicht durch demokratische Mehrheit, sondern durch die Selbstermächtigung, das Richtige für das Land durchsetzen zu wollen. Opposition musste im Nachgang kriminalisiert und unterdrückt, der „Volkswille“ gleichgeschaltet werden und es brauchte Propaganda und genügend skrupellose freiwillige Denunzianten, um dies auch zu bewerkstelligen, damit sich auch keine Opposition organisieren konnte. Allein aus diesem Grund war es möglich, dass bei der Wannseekonferenz die Vernichtung der Juden ohne Gegnerschaft beschlossen werden konnte. Es besteht kein Zweifel, dass Konzentrations- und Vernichtungslager errichtet wurden und alles in die Tat umgesetzt wurde, um eine systematische Tötung durchzuführen. Das Entscheidende, woraus man für die Gegenwart lernen könnte, weil das andere eben durch die zeitliche Entfernung immer weniger emotional anrührend ist, sind eigentlich die verwaltungstechnische, technische und logistische Umsetzung, denn dazu braucht man Ressourcen und Menschen wie Adolf Eichmann. Die Seite der Zwangsarbeit ist ja gut erforscht, denn den obigen Part übernahmen ja Industrielle, wo es um Profit ging und die hatten durchaus Ahnung davon, wie man das am besten organisiert. Schön wäre gewesen, wenn die gleichen Unternehmen, diese Ausbeutung nicht einfach so abschütteln hätten können und im Gegenteil ihre Gewinne unbehelligt in der Bundesrepublik noch vergrößerten.

Die reine Vernichtung verschlang ausschließlich Ressourcen und geschah aus rein ideologischen Gründen. Neben Adolf Eichmann muss es unzählige Bürokraten gegeben haben, wo jeder einzelne Transporte von tausenden Menschen abgesegnet haben musste. Jeder Eisenbahner hat Buch geführt wie die Züge liefen. Die Banalität des Bösen eben. Ich weigere mich zu glauben, dass es damals genug Menschen gab, die aus politischer Überzeugung Beihilfe zu Mord leisteten oder sich einfach so in ein Konzentrationslager versetzen ließen, um die systematische Tötung zu übernehmen. Es war die Banalität des Bösen. Sogar den „bürokratischen“ Akt, so oder so viele Menschen in die Gaskammern zu schicken, dafür findet man sicher Leute, aber die wenigsten normalen Menschen werden persönlich Aug in Auge töten. Kein Wunder, dass man Aufseher auch aus den Gefangenen rekrutierte, die geeignet waren, weil sie einfach ihre Perversitäten auslebten, und niemand dorthin zwangsweise versetzt wurden.

Warum war die systematische Tötung möglich? Weil das Umfeld einfach stimmte. Das in einer zivilisierten Gesellschaft geächtete Verhalten, das in manchen schlummerte, konnte sich Bahn brechen. Man hat alles versucht um die Vorgänge in den Konzentrationslagern geheim zu halten oder zu verschleiern und niemand, der davon wusste, traute sich damit hausieren zu gehen, weil sich eine Clique dazu ermächtigt hatte, ein Volk in ihrem Sinne gleichzuschalten und mundtot zu machen. Das ist auch gut erforscht. Auch die unterste Ebene ist noch gut durch Zeitzeugen belegt. Am Ende reicht es, genügend karrieregeile, skrupellose Ideologen zusammen mit Psychopaten in einem abgeschlossenen „Refugium“ ihren Trieben nach Vorgabe freien Lauf zu lassen. Das ist aber kein kollektives Verhalten.

Was aber durch die selbstauferlegte Beschränkung der Holocaustforscher,

Die Holocaustforschung lehnt eine Debatte über die Behauptungen der Holocaustleugner ab, um diese nicht als Forschungsbeiträge zu legitimieren,

bei der Forschung unter den Tisch fällt, sind der Weg durch die politischen Entscheidungsebenen und die nackten Zahlen. Aus der Behauptung, dass der Holocaust eben möglich war, weil alle Deutschen Nazis waren, ist einfach zu dürftig, um für die Zukunft zu lernen. Totalitarismus tritt in der Gegenwart immer in neuem Gewand auf. Der unter Hitler mag mit dem kulturellen und historischen Hintergrund und den technischen Mitteln einzigartig sein, aber nicht in seiner Struktur. Die Ermächtigung, um am demokratischen Entscheidungsweg vorbei Entscheidungen zu treffen, weil es für eine vermeintlich „gute“ Sache ist, ist schon der Anfang. Die Verschleierung der politischen Einflussnahme auf Medien und Organisationen, um Kritik an der Regierung zu unterbinden, bzw. Kritiker kaltzustellen, gehören auch nicht mehr zu einem System, das sich demokratisch nennen darf und ist kein Alleinstellungsmerkmal der Nazizeit.

Wüssten wir über die Holocaustforschung, welche Seilschaften es brauchte und wie viele linientreue Menschen, welche Organisation und Logistik in nackten Zahlen nötig waren, um den Holocaust zu bewerkstelligen, dann hätten die Bürger auch ein Bild davon, ob und in wieweit unsere Demokratie bedroht ist. Für eine Demokratie ist es noch keine Gefahr, wenn Ideologen im Parlament sitzen oder Bürger in deren Namen auf die Straße gehen. Entscheidend ist, ob Ressourcen und Einfluss vorhanden sind, ihre Ideologie gegen eine Mehrheit durchzusetzen.

Die Holocaustforschung und -erinnerung macht meiner Meinung einen Fehler, wenn sie diesen Bereich für die damalige Zeit mit der obigen Begründung ausspart, denn viele Verschwörungstheorien zielen genau auf diesen Bereich. Würde man diesen Bereich transparent machen, könnte man den Leugnern schnell den Wind aus den Segeln nehmen. Man sollte in Kauf nehmen, dass dabei auch Sachen ans Licht kommen, die bei sehr „komplexen Maschinerien“ immer auftreten. Jemand schönt Zahlen, um Leistung vorzugaukeln, mancher, der nach dem Krieg Ehrenmann würde, weil er sich als Helfer für die Juden deklarierte, war doch ein Mittäter oder mancher erfand schöne Geschichten, um sich damit als Opfer zu profilieren. Na, und? Es wäre naiv zu glauben, die alle hätte es nicht gegeben. Die Offenheit darüber würde aber den Verschwörungstheoretikern das Wasser abgraben, weil man dann auch deren krude Behauptungen zum Gegenstand von Untersuchungen machen könnte. Ich denke aber, dass aufgrund der Strafbarkeit der Holocaustleugnung auch kein Privatmann ergebnisoffen auf diesem Gebiet forschen kann. Das ist meiner Meinung nach hoch gefährlich. Da sich alle Anstrengung auf eine vermeintliche Parallele von konservativen Kräften und Nazis konzentriert, dürfte dort praktisch kaum Gefahr drohen, Deutschland von innen aufzuhebeln. Man gesteht einer AfD nicht mal den Posten eines Bundestagsvizepräsidenten zu, wie sollte man da jemals in der Verwaltung Fuß fassen. Die Zahl von Rechtsextremen bei Polizei oder Militär beträgt umgerechnet aus den bekannten Fällen zur Gesamtzahl etwa 0,2 %. Niemand kann sagen, ob das viel oder wenig ist. Sind 40% Migrantenanteil bei der Berliner Polizei gefährlich, wenn darunter vielleicht die Hälfte Muslime sind? Wir wissen es nicht. Sind in den Ausschüssen der EU zu viele Marxisten, dass sie eine Gefahr für die Demokratie werden könnten? Dahingestellt, ob uns Multikulturalismus und Energiewende das Paradies auf Erden bringen, ist der hohe Anteil an Lehrern, die diese Ansichten als alternativlos und alles andere als demokratiefeindlich darstellen, nun eine Gefahr für die Demokratie oder nicht?

So lange sich die Erinnerung an den Holocaust in „grausam“, „unsagbar“ und „nie wieder“ erschöpft, die Holocaustforschung bestimmte Bereiche ausspart und allein die Frage danach strafbar ist, wenn sie ergebnisoffen gestellt wird, werden wir einen aufziehenden Totalitarismus jeglicher Couleur nie erkennen. Wir können nicht erwarten, dass sich die dritte Generation durch den Holocaust noch emotional anrühren lässt, geschweige denn irgendwelche Parallelen zu damals in der Gegenwart erkennt, die das gesellschaftliche oder politische Umfeld betreffen, das dazu notwendig ist.

Nicht mal in den Nürnberger Prozessen ist man dem gerecht geworden, den Teil der Verwaltung, Technik und Logistik aufzuarbeiten und die „kleinen Rädchen“ zur Rechenschaft zu ziehen. Die individuelle Schuld von Aufsehern und Gauleitern wurde gesühnt, für den Rest erfand man die „Kollektivschuld“. Spätestens in der Generation, wo nicht mal die Eltern den Krieg erlebt haben, gibt es am rechten Rand Menschen, denen es egal ist, denn sie können sie ohnehin nicht tilgen. Am linken Rand will man sie tilgen, indem man sich zur Aufgabe gemacht hat, Deutschland verschwinden zu lassen, indem man es in ein Siedlungsgebiet für die ganze Welt mit Vollversorgung verwandelt.

Die oben beschriebenen Nachkriegszeit und der Weg in den 2.Weltkrieg sind in dem Buch „Kostspielige Rache“ bzw. „Der Krieg, der viele Väter hatte“ gut dokumentiert, beides fand aber nie Eingang in Schulbücher oder ÖR-Fernseh-Dokus. Allein die Frage, warum die Zeit zwischen Kriegsende und den ersten Care-Paketen so rigoros ausgespart wird, ist dort beantwortet. Vom Holocaust wissen wir außer „grausam“, „unsagbar“ und „nie wieder“ im Kern eigentlich nichts. Diese Unwissenheit könnte aber ein Grund sein, dass sich Geschichte irgendwann doch wiederholt.

 

3 Gedanken zu “Holocaust: Viel Gedenken aber nichts gelernt.

  1. Der Unmut und die extreme Reaktion des Leugnens kommt vor allem daher, dass die offizielle Schulbuchversion von einigen ebenfalls als Geschichtsklitterung verstanden wird. Die Babyboomer konnten, als ihnen das in der Schule aufobtruiert wurde, wenigstens mal Opa und Oma fragen, die „dabei“ waren. Inzwischen sind fast alle tot, die man befragen koennte.

    Straeflich halte ich diese unreflektierte Schulbuchversion, weil sie den Holocaust als einzigartigen, nur von Deutschen verursachten Voelkermord darstellt. Vergleichbares, wie die Voelkermorde an den Armeniern, den Vietnamesen, den Chinesen, den Russen und Ukrainern, etc.pp. werden verschwiegen oder verharmlost. Wer die anderen Voelkermorde leugnet hat nichts zu fuerchten. Und genau deshalb, weil wir den Holocaust als deutsches Unikum verstehen und uns dafuer eine Erbschuld auferlegen, wird daraus nichts gelernt.

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