Treibhaus für Blender.

Inzwischen weiß es ja jeder, dass Claas Relotius ein Haufen Journalisten-Preise eingeheimst und die nicht für seine Recherche bekommen hat, nicht wie andere, die dabei Leib und Leben riskieren, sondern für seine „literarische“ Leistung. Nun sieht es ja wie eine herausragende Leistung aus, besondere Leute ausfindig zu machen und das Ganze mit schmückendem literarischen Beiwerk auszugestalten, um es emotional griffig zu bekommen. Das mit dem Ausfinden seiner Figuren und das exklusive Gespräch führen zu dürfen, war aber nur ein Anhängsel, um seinen Schwulst an den Mann (und besonders die Frau) zu bringen. Nun kann man das ja alles wegrechnen, was mit Journalismus zu tun hat, und behaupten, es wäre trotzdem noch außergewöhnlich und besonders wertvoll. Ich habe von dem nichts gelesen, doch bei dieser Stelle, die hier zitiert wird, ging mir dann doch ein Licht auf:

Traute Lafrenz blickt schweigend auf den Fluss vor ihrem Haus, in der Ferne kreuzen Mississippi-Dampfer. Es wird Abend über Yonges Island, das Wasser liegt ganz still, Grillen zirpen, langsam verschwindet die Sonne hinter den Bäumen

Lesen Sie jetzt mal ganz unvoreingenommen diesen Text:

Aschanti ist eine außergewöhnliche Frau, die schon immer gegen den Strom geschwommen ist. Sie ist Deutsch-Nigerianerin und lebt mit ihrer Lebensgefährtin in einer Zweizimmerwohnung in Berlin Friedrichshain. Zu ihrem weißen deutschen Vater hat sie keinen Kontakt mehr. „Nachdem ich einige Semester Theaterwissenschaft und Germanistik studiert habe, habe ich im 21. Semester auf Gender-Studies gewechselt. Darauf hat mein Vater sich geweigert weiter Unterhalt für mich zu bezahlen.“ Ihre Blicke schwenken gedankenverloren durch die Räume des von linken Aktivisten besetzten Hauses. „Ich denke mein Vater ist einfach nur homophob und akzeptiert nicht, dass ich lesbisch bin. Das geht natürlich nicht zusammen, wenn dessen Vater sogar noch mit 15 Jahren im Volkssturm mitgekämpft hat. Gut, dass ich diese braune Vergangenheit abgeschüttelt habe!“ Keine Frage, dass sich Aschanti im Kampf gegen Rechts engagiert und sie hat sogar ein Buch darüber geschrieben. „Allein unter Rechten“. Das Buch beschreibt eine Zugfahrt von München nach Berlin. „Schon als der Zug die Grenze nach Sachsen überschritt, spürte ich diese Kälte. Diese Teilnahmslosigkeit der Leute, wenn der Zug an ihnen vorüberfuhr. Ich glaube in der Ferne sogar gesehen zu haben wie sich jemand demonstrativ weggedreht hat.“ Noch heute sind der Autorin die Ängste von damals ins Gesicht geschrieben. „Vorurteile sind die Essenz, die unsere Gesellschaft zerstört. Dagegen müssen wir aufstehen!“ Bezeichnend ist, dass ihr am gleichen Tag in Berlin für das Buch noch der Preis für Zivilcourage der Amadeu-Antonio-Stiftung verliehen wurde. Am späten Abend feierte sie dann noch mit den progressiven Künstlern und Aktivisten in Berlin Friedrichshain. Oftmals werden hier völlig neue Formen des Widerstandes gegen den Faschismus kreiert. „Manchmal ist es eben nötig, den ein oder anderen Stein zu werfen oder ein Auto anzuzünden. Anders merken die Leute ja nicht wie weit sich der braune Mob schon in Deutschland ausgebreitet hat.“ Meist gehen Aschanti und ihre Freunde aber gezielt gegen Sympathisanten der rechten Szene vor. Es gibt ja Metzgereien, die noch immer nicht Halalfleisch anbieten oder sogar mit Schweinefleisch Muslime beleidigen. Oft hilft dann ein einmaliges Entglasen des Ladens. Um auf die Probleme der Flüchtlinge aufmerksam zu machen, hat sie auch zwei Kunstwerke geschaffen, die vom Bezirk gefördert wurden, wo einer Freundin von ihr arbeitet, die sie damals bei der „Grünen Jugend“ kennengelernt hat. Das eine Kunstwerk heißt „Verloren im braunen Sumpf“ und zeigt drei senkrecht gestellte Flüchtlingsboote. „Ich wollte einfach etwas Neues, Originelles schaffen!“ meint sie ohne Überheblichkeit. Das andere trägt den Titel „Eine Welt“ und zeigt eine auf den Kopf gestellte Regenbogenfahne. Für beide Werke erhält sie demnächst einen Künstler-Nachwuchspreis vom Bezirk. Der hat ihr auch ein Halbtagsstelle angeboten, um über die Benachteiligung von Frauen in der Kunstförderung aufzuklären. „Wir wollen dabei besonders auch Frauen aus dem islamischen Kulturbereich ansprechen, die sich wegen der rechten Hetzer nicht trauen, ihre Werke öffentlich auszustellen!“ Man merkt den Mut und das Selbstbewusstsein dieser Frau, die es aus eigener Kraft trotz großer Widerstände geschafft hat und sich selbst treu geblieben ist, denn ihr afrikanischer Name bedeutet nicht umsonst „große, starke Frau“.

Das ist nur das Extrakt aus den Ergüssen der Leitmedien und einem Rosamunde-Pilcher-Film. Diesen Text habe ich im Juni 2017 als Satire eingestellt und besteht nur aus einer Aneinanderreihung von inhaltlichen Plattitüden, etwas Aufsatzlehre der 6. Klasse und eine Hand voll schwülstigem Beiwerk. Wenn ich das mit dem einen Satz von Relotius vergleiche, dann wäre mein Artikel nicht nur bei bento oder ze:tt als gut recherchierter Tatsachenbericht durchgekommen. Jeder Romancier oder Geschichtenerzähler ist zu bewundern, wenn er es fertigbringt ein Werk zu erschaffen mit einer fiktiven, aber glaubwürdige Handlung, denn es ist ja nichts vorgegeben, sondern es muss erst erdacht werden. Früher reichten die Hauptpersonen, wo jede die Handlung weitgehend alleine bestritt, von melancholischen Typen wie bei Hermann Hesse über schräge Typen wie der Anton in Rosendorfers Großes Solo für Anton, bis zu durchgeknallten Genies wie Jean-Baptiste Grenouille in Patrick Süskinds Roman Das Parfüm. Heute entsprechen die Hauptpersonen in Magazinen und der Literatur dem NPC-Meme: Frauen, kreativ, erfolgreich aber links-bunt leidend an der Welt, vor denen man Pappdrachen aufbaut, gegen die sie kämpfen müssen, oder die zwischen zwei veganen Mahlzeiten schnell noch die Welt retten. Die Figuren und die Handlungen, die man uns präsentiert, sind so vorhersehbar platt gestrickt wie in meinem obigen Beitrag, dass heute sicher auch jeder Kabelträger beim Fernsehen einen Tatort schreiben kann. Darum sind Till Schweigers Filme immer solche Misserfolge. Verbrät man übermäßige Ballerei und Männlichkeitsgehabe mit einem feministisch-eierlosen und links-bunten Umfeld zu einem Actionfilm, dann kommt am Ende immer Realsatire raus. Da liegt es nicht am inkompetenten Zuschauer wie Till vielleicht meint.

(Fernseh-) Filme, Magazine, Leitartikel, die ganze durch Meinung deformierte Berichterstattung und die ganze Armee an „Experten“ bilden eine riesige Blase, in der jeder glaubt, er müsse gar nicht mehr vor die Tür gehen, um die Welt zu erkunden, denn die Kollegen hätten sie ja schon vorbildlich für ihre eigenen Werke recherchiert. Man hat so pausenlos voneinander abgeschrieben, bis alles zu Plattitüden abgeschliffen war, dass man sich am Ende höchstens noch im Schreibstiel bzw. der Kameraführung unterschied. Deshalb ist auch verständlich, warum niemand seine Artikel in Frage stellte. Er hat eben das, was man in Filmen fiktiv in eine verdichtete Form bringen muss, angeblich in der Realität gefunden, weshalb sein Sprachstil gerade angemessen war. Dieses Umfeld bildete geradezu ein Treibhaus für Blender wie Relotius.

Rechnen wir den obigen Haufen, in dem man sich gegenseitig ein Vorbild ist und sich auf die Schulter klopft, mal nicht zum Journalismus, sondern bemühen die Kunstgeschichte, um herauszufinden, wo das hinläuft. Gab’s nämlich in ähnlicher Form schon mal. In der Renaissance beschäftigte man sich mit dem was ist. Sozusagen Rudolf Augsteins SPIEGEL. Im nachfolgenden Manierismus taten in den Bildern alle nur mehr so wie wenn: Sich grundlos windende Körper, einfach, weil´s gut rüberkam, auch wenn´s nicht zum Thema passte. Irgendwann klang manche Doku über ein paar Nazis in Sachsen auch wie der Ausflug in ein Kriegsgebiet. Dann kamen Barock und Romantik. Die gleichen Figuren nur noch mit ein bisschen Schwulst, Gefühl und Theatralik angereichert. Da sind wir jetzt. Relotius, das beste Beispiel. Danach käme jetzt eigentlich der Klassizismus, die Rückbesinnung auf die Wurzeln. Man mag sich für den Journalismus wünschen, dass sich Geschichte mal wiederholt.

 

 

4 Gedanken zu “Treibhaus für Blender.

  1. Die Diktatur ist so süßlich-babbig, dass man irre wird. Dieses infantile. Ich bin ja leidenschaftlicher Leser von Jihadisten-Poesie. Die können das auch. „Oh, Allah, meine Heimat ist eine Blume, die duftet wie Liebe.“ „Die Schönheit Pakistans/Türkei/Shithole lässt meine Sinne erzarten.“ „Mohammet, dein Geist ist der Funken der Seele.“ Und sobald man denkt, dass die Eier im Mädchenpoesiealbum festgebabbt sind, kommt ein kerniges „Wir werden die Feinde des Islam jagen und ihre Köpfe ins Lagerfeuer werfen.“ Romantisch.

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    1. Bei dem heroische Kram mit Fackelzügen, ahnte man ja vorher schon, was passiert, wenn die Meute mal durchdreht. Heute traben lauter rosa Einhörner auf uns zu, die am Ende genauso Tod und Verderben bringen, nur merken es die wenigsten.

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