Eine Bausünde mehr.

So wie sich Journalisten jedes Lokalblattes für verkannte Schriftsteller halten, so sieht sich anscheinend jeder aus der Architektenschwemme in der Nachfolge des Bauhaus, sobald er einen Kasten mit vier rechten Winkel entwerfen kann. Wie ich drauf komme? Plattling hat eine neue Berufsfachschule für Musik bekommen und ich hatte die Gelegenheit mit ein paar Schülern zu sprechen, was sie von dem Bau halten. Sehr aufschlussreich. Da ich das Gebäude nicht kannte, habe ich mich zusätzlich ein wenig informiert. Auf den ersten Blick ist ja zu sehen, dass hier einer rein äußerlich dem Funkionalismus und der neuen Sachlichkeit anhängt, wo die Ästhetik von der Funktion bestimmt wird. Von der Funktion einer Schule scheint der Architekt aber nicht viel Ahnung zu haben, wenn man mit Schülern spricht. Die Gänge sind durchweg mit Sichtbeton gestaltet, auf den „Brutalstil“, wo man noch die Abdrücke von den Schallungsbrettern sieht, hat er aber verzichtet. Zu gütig. Aus ästhetischen Gründen darf aber an diesen Wänden nichts aufgehängt werden, darüber haben sich die Schüler besonders gefreut, denn früher hingen an den Wänden die Belegungspläne und Stundenpläne. Aus ästhetischen Gründen muss man auch auf Mülleimer verzichten. Komisch, dass man für bestimmte Leute einen „Mietführerschein“ vorsieht, denen, die sich von Haus aus an die kulturellen Gepflogenheiten halten, aber die Möglichkeit vorenthält ihren Müll in einem Eimer zu entsorgen. Auch eine Garderobe und Spinde fand dieser Vollprofi überflüssig, erst als sich die Schüler beschwert haben, hat man jetzt doch welche angeschafft. Statt ihre Sachen an einen Garderobenhaken hängen zu können, werfen sie ihre Jacken jetzt einfach auf den Gang, denn Kleidungsstücke dürfen nicht in die Proberäume genommen werden. In der alten Schule konnte die 70 Schüler bis in die späten Abendstunden üben und sich frei bewegen, ohne dass es je Probleme gab, jetzt wird der Aufenthaltsraum um etwa fünf Uhr abgesperrt und die Sachen, die sich von den Schülern noch darin befinden werden eingesammelt und eingelagert (wohl aus ästhetischen Gründen). Einer der Schüler hat das seine Tasche extra nicht abgeholt bis sich die Sekretärin beschwert hat, weil man ohnehin so wenig Platz hätte. Sieht so aus als wäre das eine konzertierte Aktion, um dieses System auszuhebeln. Vielleicht sollte man da auch gleich seinen Hausmüll reinstellen, dann fällt nicht nur den Schülern auf, dass Mülleimer nicht schlecht wären.

In einem Interview sagt ein Offizieller, dass das Gebäude einen schönen Innenhof hätte; im Hintergrund ist das Meisterwerk zu sehen. Einer der Schüler meinte, wie in Alkatras: Leer und öde, von allen Seiten zu und, wenn man Glück hat, dann kann man den blauen Himmel sehen, wenn man nach oben schaut. Die Lage ist auch toll. Der Offizielle meinte, das neue Schulhaus korrespondiere gut mit dem alten Gebäudebestand in der Umgebung. Sieht man jedoch dieses Bild (Video ab 2:55), dann meint man, man hätte hier zwischen lauter Abbruchhäusern eine Schule im nirgendwo gebaut. Der Architekt ist angeblich ausgewählt worden, weil er besonderen Wert auf den Schallschutz gelegt hätte. Das muss der gleiche gewesen sein, der für die tolle Akustik im neuen Hamburger Konzerthaus zuständig war, denn wenn man übt, dann hört man sogar noch die, die einen Stock darunter zwei Zimmer weiter musizieren. Ein Schüler zeigte sich besonders über die metallenen, feinen Gitter vor den Fenstern der Proberäume erfreut. (obiges Video bei 3:35) Sie sollen verhindern, dass die Sonne direkt ins Zimmer scheint, doch jetzt ist es immer düster, egal, ob die Sonne scheint oder nicht. Wer hier dauernd proben muss, der erschießt sich nach einem Jahr. Hier könnte der Blues ein Revival erleben. In den Räumen hat man echtes Holz-Parkett verlegt, allerdings ziemlich schlecht eingelassen, denn schon nach ein paar Wochen sieht man überall die Flecken, die die Schüler mit ihren salzigen Straßenschuhen hinterlassen haben. Vielleicht ist das so gedacht, wie im Olympischen Dorf in München von 1972. Da war der ansetzende Rost auf dem metallenen Rahmen auch ein ästhetisches Element.

Der Landrat spricht von einem Synergieeffekt zwischen der Fachschule für Sozialberufe, die im gleichen Haus untergebracht ist, und der Musikschule. Man hat ein gemeinsames Lehrerzimmer, EDV-Anlage und Bücherei. Ich wüsste jetzt nicht wie Sozialpädagogen und Musiker wirklich voneinander profitieren sollten. Höchstens, dass einem Sozpäd bei den Leistungen der Musiker feststellen muss, dass es bei ihm nur zu einem Laberfach gereicht hat und er sich nun einen sinnvollen Beruf sucht. Bei den Schülern geht man anscheinend nicht davon aus, weil die Musikschüler dürfen den Trakt der anderen nämlich nicht betreten.

Es sind ja sicher mehr Vorschläge für den Neubau eingegangen und es ist erschreckend, dass sich diejenigen, die darüber zu entscheiden hatten, von dem Gelaber des Architekten überzeugen haben lassen und der Ästhetik gegenüber der Funktionalität den Vorzug gegeben haben, damit dieser seine persönlichen Erleuchtungen ungehindert in die Tat umsetzen konnte. Eine Schule ohne Garderobe, Spinde, übrigens auch ohne Uhren in den Zimmern, minderwertigem Schallschutz und Gängen, die man nicht gestalten darf, sondern aus ästhetischen Gründen in Grau verbleiben müssen, hat in meinen Augen erhebliche Baumängel.

Ein Architekt ist wie ein Journalist ein Dienstleister und nicht der Freibrief seiner Umgebung seine Erleuchtungen aufs Auge zu drücken. Der Bauhaus-Stil mag sachlich und kühl sein, die Ergebnisse waren aber höchst funktional und den damaligen technischen Möglichkeiten genau angemessen. Heute kann man 10 Millionen Euro ausgeben, damit ein Architekt seine eigenen Vorlieben ausleben kann und die Nutzer noch dazu nötigen kann, wie das Gebäude richtig zu verwenden ist, bis die Realität einfach so zurückschlägt, dass man nachrüsten muss, damit das Gebäude auch funktional ist. Die Musikfachschule ist aber kein Einzelfall. Der Architekt des Glasmuseums in Frauenau wollte unbedingt ein Dach aus Titan. Da halfen auch die Hinweise des ansässigen Schlossers nicht, dass Titan in einem Gebiet, wo man übers Jahr 50 Grad Temperaturunterschied hat, einfach zu spröde ist. Lieber hat man später immer wieder nachgebessert. Oder das Funktionsgebäude am Langlauzentrum Bretterschachten auf über 1100m. Superschlau so ein Gebäude völlig ebenerdig zu bauen mit Dächern, die man im Winter abschaufeln muss, wenn dort wie fast jedes Jahr gerade 1,80m Schnee liegen, und einer Fassade, die dem Wetter dort einfach nicht gewachsen ist.

Müssten nicht besonders solche Fachschulen, die wirklich etwas produzieren, wo die Wertigkeit ins Auge fällt und das, was geleistet wurde auch Ansporn für die Nachfolgenden sein soll, das offen für alles sichtbar dokumentieren? Die Werke sollen Rechenschaft darüber ablegen, was hier gefordert wird; sowohl für die Neulinge, als auch für die Bevölkerung, die das mit Steuergeldern finanzieren. Vitrinen mit Schülerarbeiten, Auszeichnungen oder besondere Ereignisse müssen einfach auf die Gänge und einen motivierenden Rahmen bilden.

Mit diesem Gebäude hat wieder mal der Neomarxismus voll durchgeschlagen. Die individuellen Wünsche des Architekten sind sakrosankt, auch, wenn er ästhetische Prinzipien, die sich bewährt haben, und die geforderte Funktionalität dabei völlig über Bord wirft. Gleichzeitig werden die Schüler in einer wenig ansprechenden Umgebung einhegt, es darf nichts Bleibendes sichtbar werden und, wenn man an den Innenhof denkt, dann wird auch die freie Entfaltung der Musiker unterbunden. Man denke wie funktional früher Parks gestaltet wurden. Nicht nur ein großer Platz, sondern mit Wegen, Winkeln und Lustschlösschen so gestaltet, dass man sich in kleinem Rahmen oder auch im großen treffen, „zufällige“ Treffen von Weitem anbahnen oder auch seine Ruhe haben konnte. Müsste ein Hof in einer Musikschule nicht still und dicht bewachsen sein, mit großen und kleinen Nischen, wo man allein sinnieren oder in kleinen Gruppen musizieren oder sich austauschen kann?  Dieses Gebäude erweckt den Eindruck, als sollten hier angehende Musiker einfach durchgeschleust werden, ohne mit ihrer Leistung Teil der Geschichte dieser Schule werden zu dürfen.

Wirklich gute Architekten nehmen neben der Funktion auch die Geschichte, Tradition und die Umgebung in ihre Planung mit auf. Man denke an die Eishalle in Lillehammer in Form eines umgedrehten Schiffsrumpfes oder die Geschichte hinter dem Olympiastadion in Peking.

Die Musikschule ginge auch locker als neue AOK-Geschäftsstelle, Bürogebäude oder als Erweiterung der Stuttgarter Weißenhofsiedlung durch. Solche Beliebigkeit und Geschichtslosigkeit machen es vielleicht in ein paar Jahrzehnten leichter, dieses Gebäude abzureißen, das so eigentlich nicht gebaut hätte werden dürfen, denn der Architekt ließ sich nicht von der Funktion leiten, sondern von seinen persönlichen Vorstellungen.

4 Gedanken zu “Eine Bausünde mehr.

  1. Was mir wieder einmal auffällt ist die Horizontalität des Gebäudes. Nicht was aufragt oder herausragt. Platt in jeder Bedeutung. Selbst die Fassadengestaltung mit den waagerechten Schmuckleisten ist ohne Begeisterung oder Energie.
    Beta-Male-Architektur.

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