Melancholie behandlungsbedürftig?

Wenn es in einer Nachricht heißt Immer mehr… von irgendwas, dann kann man sicher sein, dass es sich um eine PR für professionelle Warner und Mahner handelt. Immer mehr Rechte, immer mehr Wetterextreme oder wie heute Morgen in B5: Immer mehr Depressionen bei Schülern. BR24 hatte das Ganze später auch schriftlich.

Ende April beginnen in Bayern die Abitur-Prüfungen, auch für Alexander Spöri und seine Freunde vom Lise-Meitner-Gymnasium Unterhaching. Doch wichtiger als das Lernen ist den Jugendlichen gerade die Sorge um ihre Mitschüler, die an Depressionen leiden. Jetzt haben sie sich mit einer Petition an den Bayerischen Landtag gewandt: Aufklärung über psychische Krankheiten soll auch in der Schule stattfinden.

Irgendwie aber seltsam, dass man sich Schüler in dieser Altersgruppe ausgesucht hat. Von allen Altersgruppen haben bis 14-jährige und nachfolgend die bis 19-jährigen die geringsten Zahlen an Depressiven verglichen mit allen anderen Altersgruppen. Demzufolge ist auch die Zahl der Selbstmorde bei ihnen am geringsten. Anscheinend machen aber nur Depressionen bei älteren Schülern Sorgen, dabei ist über der Hälfte dieser Altersgruppe schon in Ausbildung. Gymnasien scheinen ein Hort der depressiven Verstimmtheit zu sein, denn ich habe noch nie gehört, dass depressive Auszubildende eine besondere Lobby deswegen hätten. Die Schüler leiden an Versagensängsten und Antriebslosigkeit und „Experten“ sagen, dass nur die Hälfte der Schüler mit Depressionen erkannt werde.

Ich bin mir sicher, dass diese Probleme hausgemacht sind. Jahrelang hat man den Eltern eingetrichtert, dass jeder Abschluss unterhalb des Abiturs der direkte Weg in die Arbeitslosigkeit und Armut ist. So geben die Eltern Unmengen an Geld für Nachhilfe aus  gegebenenfalls auch für Anwälte, um den Übertritt festzumachen. Die Landesregierungen sind ihnen netterweise über die Jahre entgegengekommen, indem sie das Niveau immer weiter gesenkt haben, sodass heute in Bremen fünfmal so viele Schüler ein Gymnasium besuchen, als in Bayern zu meiner Schulzeit. In meinem ersten Jahr Latein musste ich am eine des Schuljahres 1300 Wörter wissen, heute sind es noch 750. Ein Mathematiklehrer hat mir gesagt, dass durch das Zusammenstreichen der Stundenzahlen und dem G8, die Schüler nach dem Abitur 2 Jahre weniger Mathematik hatten wie früher. Dass nun an diesen Schulen immer noch Schüler sind, die einfach nicht die Fähigkeiten für ein Gymnasium mitbringen, vielleicht eher praktisch veranlagt sind, könnte einer der Gründe sein, warum es dort mehr mit Depressionen gibt. Ich kann mir vorstellen, dass da welche totunglücklich sind und die Eltern zusätzlich noch Druck machen.

Nachdem man den Markt für Nachhilfe und Beratungen schon nahezu erschlossen hat, wollen wohl jetzt auch die Psychologen einen Teil vom Kuchen abhaben. Was interessiert die eine Depression bei einem Lehrling, der ist ohnehin nur Kassenpatient. Die Gymnasiasten sind ja wesentlich häufiger privat bei den Eltern mitversichert, da kann man die wirkliche Kohle machen. Und den Psychologen ist sicher aufgefallen, dass die Eltern oft nicht wahrhaben wollen, dass ihr Kind eben nicht die größte Leuchte ist und von Schule generell nicht viel hält. Bevor man das eingesteht, macht man wahlweise den Lehrplan, die Lehrer oder die Mitschüler dafür verantwortlich. Meine Frau war einmal im Leben an einem Elternstammtisch. Da wird ausschließlich über Lehrer und nicht anwesende Eltern hergezogen, ein Grund für sie, dort nicht mehr hinzugehen. Hier eine Kampagne zu starten, das Kind habe vielleicht eine unerkannte Depression, weil es statt Lernen, den ganzen Tag vor dem Computer ballert und die entsprechenden Noten schreibt, ist ja fast schon zum Erfolg verdammt. Da kann die Pharmaindustrie gleich auf Halde produzieren.

Aber auch die Schüler werden in diese Richtung indoktriniert, damit hat man sogar schon vor einigen Jahren angefangen, da war von Depressionen noch nicht die Rede. Bento und damit sicher auch BRAVO und MÄDCHEN bringen pausenlos Jammerartikel, wie viel Stress man in der Schule hätte und gleichzeitig durch Rechte, den Klimawandel oder Giftstoffe im Essen permanent vom Weltuntergang bedroht wäre. Wenn ich als junger Mensch täglich solche Artikel lesen würde, bekäme ich auch einen an der Waffel. Und als unerreichbare Ikonen präsentiert man dann Jungspunde, die neben der Schule noch Brunnen für Afrika bohren oder eine Greta. Mehr als ein bisschen Haltung dazu zeigen für das Selbstwertgefühl scheint es für Jugendzeitschriften und -seiten nicht zu geben. Zu meiner Zeit war fast jeder irgendein kleiner König in seinem Metier. Einer hatte die größte Briefmarkensammlung, einer züchtete Tauben oder war Jugendfischerkönig. Es gab unzählige Schulmannschaften im Sport. Schulentscheide waren ein Event und beim Sportfest mitmachen zu dürfen, war schon eine Auszeichnung. Heute bekommt jeder eine Teilnehmerurkunde, damit er ja nicht durch Ausgrenzung traumatisiert wird. Sportvereine oder Musikschulen sind auf einen harten Kern zusammengeschrumpft, sobald die Kinder in die Pubertät kommen und zu meiner Zeit war es ganz normal, dass man da auch mal über zwei Jahre ab und zu einen emotionalen Hänger hatte. Das gab es schon immer, hieß aber nicht Depression, sondern Melancholie. Damit ging man nicht hausieren, sondern eher blieb man allein, trennte sich von den großen Cliquen und ordnete seine Kreise. Las vielleicht Hermann Hesse. Nach zwei Jahren war alles vorbei.  Heute gilt das als Krankheitsbild und das Wort Melancholie ist medial getilgt.

Vielleicht ist der Hype um Depressionen bei Schülern eine Art Junger Werther light. Damals nahmen sich viele junge Leute ein Beispiel an dem jungen Werther und brachten sich wegen Liebeskummer selbst um. Das Buch war dann vorübergehend sogar verboten. Da hatte wohl ein Psychologe einen Geistesblitz: Wenn schon ein Buch, das trotz der Bekanntheit eher wenig verbreitet war, solch eine Wirkung erzeugt, wie wirkt dann erst der Hype um eine mögliche psychische Erkrankung in einem Umfeld von dauerbesorgten Helikoptereltern und medialer Dauerbeschallung. Mir ist schon vor Jahren aufgefallen, als ich noch mehrere Zeitungen und Magazine las, dass ein Thema wie in einer konzertierten Aktion, alle das gleiche Thema behandelten.  In den letzten zwei Wochen behandelten diverse Tageszeitungen, BR, t-online, die taz und die Jugendseite ze:tt das Thema Depressionen bei Schülern. Nun sind Depressionen eine ernsthafte Erkrankung, aber es kann nicht sein, dass man jede psychische Verstimmung dazuzählt oder die Eltern bei Antriebslosigkeit gleich eine Depression vermuten sollen. Zu sagen, die Zahl der behandelten Fälle, hätte in den letzten Jahren stetig zugenommen ist so aussagekräftig, als zu sagen, immer mehr hätten Angst vor rechter Gewalt. Man überprüft damit nur die Wirksamkeit der eigenen Propaganda und PR.

Schüler im Alter von 16 und 19, also Gymnasiasten sind eine willkommene Zielgruppe für Psychologen und die Pharmaindustrie und wieder eine Möglichkeit Wertschätzung durch eine Opferrolle zu erfahren. Was man gestern noch im Lebenslauf verheimlichte, kann man heute schon als Auszeichnung verstehen, schließlich hat man die „Depression“ mit größter Anstrengung nach zwei Jahren überwunden. Nach der Pubertät kann man dann auch die Medikamente absetzen, schließlich ist die Pubertät vorbei. Das kann man dann für das Medikament gleichzeitig als erfolgreiche Anwendung verbuchen.

Manchmal denke ich, dass sogar die Berichte über das „Komasaufen“ bei Jugendlichen schon vor der eigentlichen Mode „Komasaufen“ publiziert wurden. Schließlich reichten mit 16 jedes Wochenende zwei oder drei Halbe, um den pubertären Kopf gewinnbringend zu ordnen.

Das Hypen bzw. Problematisieren von Dingen, die früher völlig normal waren und die man als Jugendlicher selbst ausgestanden hat, macht aus den heutigen Jugendlichen ewigpubertierende Waschlappen. Nicht alles zu haben, der Umstand, dass andere etwas besser können, Melancholie oder erste Liebe, dafür braucht man keinen Therapeuten, keine Medikamente oder psychologische oder pädagogische Betüdelung. Es gehört einfach zum Erwachsenwerden dazu, um selbst seinen Platz zu finden. Aber vielleicht ist es Absicht, dass das niemals passieren soll. Denn was kann für einen Staat schöner sein, als ein Bürger, der eine Dauerbetreuung geradezu einfordert. Niemand wäre früher auf die Idee gekommen, Melancholie zu behandeln.

 

5 Gedanken zu “Melancholie behandlungsbedürftig?

  1. So ’ne aehnliche Nummer hat seit den 70’ern schon recht erfolgreich (fuer die Pharmaindustrie) funktioniert. Wer die bohrende Langeweile in der Schule nicht aushielt, sich ablenken und bewegen musste, wurde zum Zappelphilip erklaert und mit Ritalin zombifiziert. Jeder der mit dem unnatuerlichen Schulsystem nicht zurecht kam wurde mit ADHD diagnostiziert.

    Der Bildungswahn produziert echte Lebensversager. Nach der IQ Kurve sollten max. 30% ins Gymnasium, max. 15% an die Unis. Stattdessen wird jedem ein Abi nachgeworfen und es gibt sog. Studiengaenge, in denen man rein gar nichts lernt, aber mit konformer Ideologie trotzdem ein Diplom bekommt. Viele merken – zurecht – dass sie etwas voellig nutzloses tun. Die sollten einfach etwas nuetzliches tun, anstatt sich therapieren zu lassen.

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  2. Bin mit diesem Artikel völlig einverstanden. Dieser Bildungswahn (der Eltern) führt genau dazu, dass zu viele unnütze Berufe geschaffen werden und hunderte von Beratern und (Genfer)forscher die Allgemeinheit zwangsbeglücken und zu optimieren versuchen. Dafür kann keiner mehr handwerkliche Arbeiten verrichten. Ein guter Handwerker ist heute so gesucht wie früher höhere Fachkräfte. Das Verhältnis hat sich völlig umgedreht und heute hätte (und hat) ein guter Handwerksbetrieb einen goldenen Boden und ist in vielen Bereichen sehr gesucht. Leider machen ihm auch der Staat mit seinen 1000 Auflagen und Verordnungen das Leben und den Ausbau seines Unternehmens zunehmend schwierig. Aber Leute, die wirklich noch arbeiten können und gute Dienstleister sind wirklich rar geworden. Ist halt nicht Prestigeträchtig. Alle Eltern wollen doch hochbegabte Wunderkinder und Überflieger.
    Das schnelle Geld winkt, oder der sichere Posten beim Staat. Auch das ebnet den Weg ins neue Prekariat. Unnütze Berater in jeder Abteilung werden irgend wann genau als das geortet was sie sin. Unnütz eben. Reine Schwafler.
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