Der Preis der Freiheit.

Ich habe ja die Zunahme von Rechtsradikalen seit Jahrzehnten miterleben können, zumindest medial. In Schulbüchern meiner Zeit gab es Bilder mit glatzköpfigen Stiernacken und Springerstiefeln und so fragte ich mich schulisch indokriniert, wo die zusätzlichen immer abgeblieben sind. Ich habe nämlich in meinem Leben noch keinen live gesehen, nicht mal in Sachsen. Seit gestern weiß ich es, dank der tagesschau:

Innenpolitiker und Experten zeigen sich besorgt über eine zunehmende Vernetzung von Rechtsextremisten in verschlüsselten Chat-Gruppen.

Die sitzen also im sächsischen Hinterland am Lagerfeuer unter der Reichskriegsflagge und chatten miteinander und der jeweilige persönliche V-Mann hat den Hohlköpfen gezeigt, wie man sich da richtig verschlüsselt einloggt. Wenn ich lese, was im Kommentarbereich von deren zugänglichen Seiten öffentlich abgelassen wird, dann würde ich an deren Stelle auch besser in den Untergrund des Netzes gehen. Die tagesschau bringt dann zur Untermalung einen Bildbericht über eine Hausdurchsuchung von 2017, wo Rechtsradikale eine Liste geführt haben, welche Linken sie im Ernstfall umbringen wollen. Jüngere Bilder gab es anscheinend nicht. Ich stelle mir dann immer Leute vor, die in ihrem Sandkasten die Motogeräusche zu ihren Panzern machen. Nun kann man einwenden, dass es irgendwo genügend rechtradikale Schläger gibt. Wer sich die genauer anschaut, der wird feststellen, dass das im Grunde normale Kriminelle sind, die eben zufällig noch eine verquere Weltsicht haben. Aber, wenn man gleich den Bogen zum Ende des Berichtes spannt und es nicht einfach ins Unterbewusste sickern lässt, dann weiß man gleich, was der Bericht eigentlich soll.

Der CDU-Innenexperte Schuster forderte in der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“ ein entschlosseneres Vorgehen der Behörden und mehr Überwachungsbefugnisse.

(…) Anschließend warnt die Bundestagsabgeordente der Linkspartei, Martina Renner, vor Soldaten, Reservisten, Polizeiangehörigen, Rechtsanwälten, Kommunalpolitikern, kurzum vor „Männern aus der bürgerlichen Mitte“.

CDU-Innenexperte Schuster forderte anschließend von Behörden schnelle Entlassungen, wenn sie einen Beamten „erwischt haben“.

Nun ist es ja irgendwie blöd, wenn die dem Normalbürger nicht sagen, was die in so einem Chat so austauschen. Sind es Leute, die den Umsturz planen und schon die Ministerposten vergeben? Oder sind es nur welche, die Altmeier für einen Totalversager halten, Bearbock für hohl wie Brot oder das Parlament von Kommunisten unterwandert? Solche, die die EU für eine undemokratische Organisation, den Klimawandel für einen riesigen Betrug zu Umsetzung der großen Transformation und den NSU für einen großen Fake halten? Unwahrscheinlich, dass sie im Geheimen darüber diskutieren, wo doch honorige Leute und Organisationen und die Leitmedien das alles selbst vermeldet haben. Wie könnte es in der besten Demokratie aller Zeiten strafbar sein, dass der Bürger seine Beherrscher zitiert.

Gut. Der beste Kommunismus aller Zeiten unter Stalin, ließ die Leute, die in Ungnade gefallen waren, später auch aus gemeinsamen Aufnahmen herausretuschieren. In seinem roten Vorzeige-Imperium und seinen späteren, etwas humaneren Metastasen in der DDR oder Tschechoslowakei durfte man auch alles sagen und die Bürger haben mit der Zeit selbst herausgefunden, was sagbar ist und was nicht. Trotz aller Vorsicht wurden dann doch immer wieder Leute abgeholt, wegen konterrevolutionärer Umtriebe. Dabei war den meisten gar nicht bewusst, was sie Falsches gesagt hätten. Woher kenn ich das bloß? Richtig! Schuster! Das Zitat steht ja schon oben:

CDU-Innenexperte Schuster forderte anschließend von Behörden schnelle Entlassungen, wenn sie einen Beamten „erwischt haben“.

Jetzt erwartet man eigentlich, dass was kommt wie, Horst-Wessel-Lied im Unterricht singen, wenn einer zum Fußballverein geht, Ariernachweis verlangen oder Betriebsausflug in der Finanzverhaltung zu Hitlers Geburtstag vorschlagen, das alles geht gar nicht. Tut er aber nicht. Vielleicht, weil Schuster denkt, die Medien markieren das Unsagbare ohnehin immer mit „umstritten“ oder zeigen Bilder, wo bestürzte Abgeordnete Weinkrämpfe bekommen, wenn jemand etwas Unsagbares gesagt hat. Leider leben wir in einer schnelllebigen Zeit. Was gestern noch weise Worte aus dem Munde eines Bundeskanzlers waren, ist heute nicht mehr nur „umstritten“, sondern rassistisch. Wo Enteignungen gestern noch verfassungswidrig waren, kann die Kritik daran morgen schon „umstritten“ sein. Man sollte im Urlaub einfach nicht zu lange wegbleiben, sonst kann die Beamtenkarriere schnell zu Ende sein, wenn man dabei erwischt wird.

Ist eigentlich echt demokratisch, denn es ist nix staatlich vorgegeben, der einzelne kann entscheiden, wen er für denunzierungswürdig hält. Die DDR musste noch IMs einschleusen, heute weiß ja jeder gute Bürger, wo die sprachliche Hygiene ansetzen muss.

Man kann sich darüber lustig machen oder auch zynisch werden, wenn man glasklar die Realität sieht. Vor zwei Jahren, als man ein paar Luftgewehrtypen stürmte, ging es nicht darum einen Umsturz zu verhindern, sondern jedem ein Signal zu geben, dass man jedem aus der Kombination falsche Gesinnung + Waffen (auch Luftgewehr oder Sportwaffe) einen Strick drehen kann. Eigentlich die unterschwellige Aufforderung, sich mit Kritik zurückzuhalten. Die heiße Luft um Franco A. und das Filzen der Spinde bei der Bundeswehr sollten die gleiche Wirkung entfalten. Höchstens vdL glaubt vielleicht daran, dass sich bei der Bundeswehr Jutetäschchen tragende Veganer bewerben. Die Gesinnung der Soldaten ist denen egal, sie dürfen sie nur nicht öffentlich zeigen.

Was muss also aufgrund der obigen Aussagen logischerweise folgen? Nun geht es an die normalen Beamten. Wie es der Zufall wollte, besuchte ich letzte Woche meinen Sohn an seiner Fachschule. Weil bei denen die Schüler auch um den Klimawandel und so weiter streiten, wollte ich ihm an einem öffentlich zugänglichen Computer auf eike eine Graphik zeigen. Mir fiel dann auf, dass oben in der Zeile ein kleines Symbol erschien. Als ich darauf ging, erschien sinngemäß, man könne das im Protokoll nicht verschleiern. Ich probierte dann noch SPIEGEL, FOCUS usw., da war das nicht der Fall. Man will also nachvollziehen, wer Seiten anwählt, die den menschengemachten Klimawandel in Frage stellen und sich öffentlich zugänglicher Quellen bedienen? Da am Server sicher auch die Lehrercomputer hängen, ist sofort klar, worum es geht. Raten Sie mal, welche Seite ich ebenfalls ausprobiert habe.

Nun braucht man nicht jeden Lehrer entlassen, es genügt, wenn man einen beliebigen Lehrer, der nicht links-grün ist, von den Medien begleitet, opfert. Bisschen Hausdurchsuchung mit dem Ergebnis Waffen, Propagandamaterial und Hetze gegen Frauen und Minderheiten in Form von Schwammerlmesser, Buch von Sarrazin und 15 alte Lucky-Luke-Hefte. Wird natürlich so detailliert keiner erfahren. Wer da als Zufallsopfer die im Morgengrauen zu Hause die Bekanntschaft macht mit Schwerbewaffneten, der wird natürlich aus allen Wolken fallen und im Kopf wird es zu rattern beginnen: Wo habe ich was Falsches gesagt, einen falschen Artikel geliked? Was ist auf meinem Computer gespeichert oder im Verlauf? Wo ist eigentlich das alte Luftgewehr vom Großvater? Und während die Beamten in den Belanglosigkeiten wühlen, wird er überlegen, wie viel er noch vom Haus abbezahlen muss, ob er in seinem Alter noch einen Job findet und was die Nachbarn und Kollegen sagen werden. Da ist es fast schon ohne Bedeutung, wenn ein Verfahren zwei Jahre später eingestellt wird.

Es kann passieren, dass jemand der ganz unbedarft auf Facebook oder Twitter auf nicht hilfreiche Fakten hinweist oder sich eher flappsig über Politiker, Frauen, Schwule, Migranten lustig macht, vielleicht sogar ein Blog betreibt, völlig unerwartet ins Messer läuft, nur, weil sich der Staat vorgenommen hat: Strafe einen, erziehe hundert.

Wer einigermaßen sensibel wahrnimmt, was in unserem Land geschieht, der wird sich vieles verkneifen, wenn er Familie und kleine Kinder hat und womöglich ein Haus abbezahlt. Schlimm genug, wenn man sich darüber heute Gedanken machen muss, was vor dreißig Jahren völlig unproblematisch war. Hetze, Beleidigungen und politische Äußerungen und Betätigungen an den Rändern, hatten auch damals richtigerweise Konsequenzen für Beamte und Soldaten. Heute ist der Korridor, in dem man sich noch bewegen darf, so vage bestimmt, dass vieles nicht mehr gesagt wird, was notwendig wäre, damit Missstände offengelegt werden oder vor Entwicklungen gewarnt wird.

Es ist trotzdem (noch) eine gute Zeit. Wir konnten Jahrzehnte gefahrlos für unsere Anliegen auf die Straße gehen. Das sorgte für mehr Umweltschutz, höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten. Heute geht es um viel mehr, und dafür mit seiner Meinung gerade zu stehen, ist oft nicht mehr ohne negative Konsequenzen, doch niemand wird gleich erschossen oder eingesperrt. Deswegen ist es eine gute Zeit. Jeder kann entscheiden, welchen Preis er bereit ist zu zahlen für Freiheit, Grundgesetz und freie Meinungsäußerung. Es wäre heute naiv, vor allem für Beamte, zu glauben, man könne sich mit stichhaltigen Argumenten öffentlich gegen die Leitmeinung positionieren. Wer es nicht ist, der kann den Preis bestimmen. Wenn ich nicht mehr für eigene Kinder verantwortlich bin und keine Schulden habe, etwas kann, was wirklich nachgefragt wird, mir der Tratsch von Kollegen oder Nachbarn egal ist und auf bestimmte Dinge verzichten kann, dann bin ich frei.

Wie oft haben Sie in Ihrem Leben schon etwas nur deshalb getan, weil es gut, richtig und wichtig für sie ist, ohne vorher schon nach einer Ausrede oder einen Schuldigen zu suchen, wenn man scheitert oder die Konsequenzen anders sind, als man dachte? Nach dem Motto, ich zieh das jetzt durch? Wenn nicht, dann wäre jetzt eine gute Zeit und es heißt ja nicht, dass man nicht mit ein winziges Stück beitragen kann, dass sich das Blatt noch mal wendet. Hoffnung besteht immer.

Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht. (Vaclav Havel)

Und wenn gar nichts mehr hilft:

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei[ uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag

(Dietrich Bonhoeffer)

 

3 Gedanken zu “Der Preis der Freiheit.

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