Slavoj Zizek vs. Jordan Peterson: Marxist gegen Neu-Rechten.

Freude beim SPIEGEL:

Marxist trifft auf rechten Vordenker, 3000 Zuschauer füllen die Ränge. Und dann das: Slavoj Zizek hat im Duell mit Jordan Peterson lächerlich leichtes Spiel. Protokoll einer rhetorischen Meisterleistung.

Die Philosophen Jordan Peterson, der der neurechten Bewegung in den USA zugerechnet wird, und der bekennende Marxist Slavoj Zizek trafen sich in Kanada zu einem Rededuell. Am Beginn stand jeweils ein Vortrag von ca. 40 min zu ihren Positionen. Um den soll es hier gehen. Und wer ist mit Abstand der Verlierer? DER SPIEGEL. Keinerlei Inhalt zu den jeweiligen Positionen und einen Beleg, dass Zizek Peterson so Haus hoch überlegen gewesen sein sollte. Der Autor versteigt sich daran, dass Peterson das Manifest von Marx nicht genau rezitieren konnte. Peterson hätte sich leichter getan als zweiter zu reden, denn es hätte sich gezeigt wie wandlungsfähig die marxistische Idee ist, um sie immer wieder neu als Heilsbringer zu verkaufen. In dieser Hinsicht hat Zizek eine rhetorische Meisterleistung abgeliefert.

So hing Peterson sehr daran fest, den Marxismus bei Marx zu widerlegen, was hier nicht zielführend gewesen ist. Er ging darauf ein, warum die Diktatur des Proletariats nicht funktionieren kann, seine Argumentation wäre aber wesentlich eingängiger gewesen, hätte er schon die Argumentation Zizeks heranziehen können. Für Peterson sind die Menschen grundverschieden und Gut und Böse sind über Proletariat und Bourgeois gleich verteilt. Jedes Ringen und jedes Verlangen des Menschen geht über das Ökonomische hinaus. Der eine ist sozial veranlagt, ein anderer möchte kreativ sein, wieder ein anderer stellt Sex in den Mittelpunkt, ein weiterer sterbt dann wirklich nach Profit. So bilden sich keine festen Hierarchien zwischen Schichten, sondern es kommt eben auf den Bereich an, in dem sich der Mensch entfaltet. Das wichtigste Argument ist, dass Menschen freiwillig Kooperationen eingehen, weil es eine Win-win-Situation ermöglicht. Deshalb kann man auch das Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber nicht als Verhältnis von Unterdrücker und Unterdrücktem sehen, denn beide profitieren vom Profit des Arbeitgebers. Es ist nicht so, dass dann die Ungleichheit zwischen beiden nicht steigen würde, wichtig ist, dass auch die vormals Armen im Kapitalismus auf eine höhere Stufe gehoben werden. Den Profit zu deckeln, würde bedeuten, dass der Unternehmer seine Anstrengungen herunterfahren würde, weil er nichts davon hat. Das würde aber auf seine Angestellten durchschlagen. Es lässt sich nirgends belegen, dass die Ungleichheit in afrikanischen oder kommunistischen Ländern geringer wäre, was sich belegen lässt, ist, dass die Armen, wesentlich ärmer sind, als im westlichen Kapitalismus. Er bringt auch einige Zahlen, welchen Zuwachs an Wohlstand die untere Schicht im Kapitalismus erfahren hat. Er endet damit sinngemäß, dass in einem (marxistischen) System, wo alle gleich sind, eben alle gleich arm sind.

Man kann sagen, dass Peterson von einem Idealfall des Kapitalismus ausgeht, der so heute nicht mehr vorhanden ist. Nur kurz spricht er die derzeitigen Markteingriffe an. Das ist seine Schwäche, die Zizek zu nutzen weiß.

Diese politischen Eingriffe untergraben aber das, was Peterson als eines der wichtigsten Merkmale des Kapitalismus sehen: Dass Menschen frei sind, freiwillig zu kooperieren, ohne dass sich der Staat einmischt. Heute betritt ein Arbeitgeber schon ein Minenfeld, wenn er zum Beispiel eine Bewerberin mit Kopftuch ablehnt, oder er die Frauenquote nicht erfüllen will, weil er zufällig einen kompetenteren Mann für die Stelle hat. Wer erinnert sich nicht daran, als ein Konditor in den Ruin getrieben wurde, weil er sich aus religiösen Gründen weigerte, ein schwules Pärchen auf der Hochzeitstorte zu platzieren. Was ist daran auszusetzen, wenn er sein Angebot in diesem Bereich einschränkt? Werbeleuten ist es nicht mehr erlaubt, um Kunden zu werben, die ein traditionelles Familienbild haben oder auf sexy Frauen stehen, damit er mit ihnen kooperieren kann; heißt, ihnen eine Ware anzubieten, für die jemand bezahlen will. Solche Werbung gilt schnell als frauenfeindlich und rassistisch. Das Argument Zizeks, allen Menschen gleiche Möglichkeiten zu geben, kommt so harmlos daher, wer könnte schon dagegen sein. Wenn man aber alle Unterschiede verwischen will, um jedem die gleiche Möglichkeit zu geben, dann hebelt man den freien Wettbewerb aus, denn Frau, Hautfarbe oder sexuelle Orientierung sind eben kein Mehrwert, für jemanden, der einen kompetenten Mitarbeiter sucht. Es werden immer neue Bereiche erschlossen, in denen jemand angeblich in der Entfaltung seiner Möglichkeiten behindert sein soll. Das führt dann zu so bescheuerten Eingriffen, dass man bei der Wahl zur Miss World auf den Auftritt im Bikini verzichtet, damit die Figur nicht zum Nachteil von einer ins Gewicht fällt. Oder das Abschaffen der Grid-Girls, die das aus freien Stücken und gern getan haben.

Auch Zizek bringt praktische Beispiele, an denen der Kapitalismus schuld sein soll und wo der Kapitalismus allein nicht die Lösung sein kann. Zum Beispiel, dass er schuld daran sei, dass es den Menschen im Kongo so schlecht ginge, weil korrupte Eliten Mineralien an den Westen verkaufen und dafür die Arbeiter unterdrücken. Dass ohne den Westen durch das ausufernde Bevölkerungswachstum noch mehr Menschen arm wären und die zunehmende Bevölkerung eigentlich der Grund ist, wird nicht genannt. Die großen Zahlen, dass durch den Kapitalismus die Armut in Afrika trotz des rasanten Bevölkerungswachstums deutlich abgenommen hat, passt ihm auch nicht ins Bild.

Zizek hat durch seinen Vortrag sicher neue Anhänger gefunden, weil er selbst auch den Kommunismus(!) kritisiert hat und dabei kommt der Marxismus nur im neuen Gewand daher: Zum Beispiel dem Kampf gegen die Bedrohung durch den Klimawandel, den der Kapitalismus verursacht hat und mit Chemtrails nun lösen möchte, um wieder nicht auf die Folgen zu achten. Gleichzeitig sollten alle Menschen der Welt die gleichen Möglichkeiten haben. Da war die Argumentation doch etwas auf Effekt ausgerichtet.

Er warf den Rechten und den Konservativen vor, dass sie für ihre eigene Identität immer ein Feindbild bräuchten. Er nannte Hitler und den Nationalsozialismus aber auch den Mann, der die Zuneigung zu seiner Frau davon abhängig macht, ob sie ihm treu wäre. Sex und seine Bedeutung für den Menschen hat für ihn eben eine natürliche Wandlung durchgemacht. Ich meine aber, dass niemand ohne den Einfluss von außen durch Medien und Schule darauf gekommen wäre, dass es sowas wie Gender und 50 Geschlechter geben soll und es notwendig ist, schon im Kindergarten sämtliche Sexualpraktiken zu behandeln. Und was den Mann betrifft, der Wert auf eheliche Treue legt: Warum sollte er für seine „Investition“ nicht wenigstens diese verlangen können? Die Frau hätte sich ja auch als Hure anbieten können.

Zizek unterschlägt an vielen Stellen, dass der Neomarxismus sich im Kapitalismus bereits breitgemacht hat und rechnet die negativen Auswirkungen dem Kapitalismus zu oder sieht bestimmte Entwicklungen fälschlicherweise als die Schuld von Rechtspopulisten. Für die Zustände, dass das Zusammenleben zwischen den Migranten und der angestammten Bevölkerung in Europa nicht funktioniert, macht er die Einheimischen verantwortlich, sagt aber im gleichen Atemzug, dass die Flüchtlinge natürlich auch Probleme machen. Dass die Einheimischen sie ablehnen, macht er aber daran fest, dass sie ein Feindbild für ihre Identität bräuchten. Ob er das belegen kann, wage ich zu bezweifeln.

Man kann feststellen, dass der unbedarfte Zuhörer eher Zizek als Sieger sehen dürfte. Er hat einfach Petersons Argument entkräftet, welcher sagt, dass sich der Kapitalismus eben bewährt habe und der Kommunismus in seinen verschiedenen Ausprägungen immer mit Gewalt durchgesetzt werden musste mit dem Versprechen, dass alles gut wird, wenn alles erst umgesetzt ist, indem Zizek meint, dass man ja das, was nicht funktioniert eben verwirft. Dann ist es ja gut, wird sich mancher denken.

Die Diskussion zeigt, dass Philosophen auch irgendwie in ihrer Blase festhängen, wenn es darum geht die Welt zu erklären. Während innerhalb von Staaten die freie Kooperation im kapitalistischen System ein Erfolgsmodell ist, ist ein globaler, grenzenloser Kapitalismus schädlich, weil er eben die Grundlage zerstört, dass dazu einigermaßen homogene und überschaubare Bevölkerungsgruppen notwendig sind. Die marxistische Idee versucht einen immer neuen Anlauf, weil sie nicht die Theorie für Bullshit halten, sondern es bisher an der Umsetzung haperte. Die Welt ist aber nicht so einfach wie sie sich die Ideologen vorstellen.

Zizek war Peterson rhetorisch überlegen, schreibt der SPIEGEL. Peterson bricht den Kern seiner Argumentation auf das wesentliche herab und geht einfach zu naiv davon aus, dass die Zuhörer selbstverständlich ableiten können, was aus ihnen alles folgt, weil es einfach auf der Hand liegt. Und das tut es wirklich.

Der SPIEGEL schreibt:

Zizek konterte öffentlich, der kanadische Kollege sei da wohl einer Verschwörungstheorie der Alt-Right-Bewegung auf den Leim gegangen – als deren Stichwortgeber er gilt.

Also Peterson ist der Urheber der Verschwörungstheorie. Ach was. Wenn es eine Verschwörungstheorie ist, braucht es der Leser auch nicht zu wissen. Dabei ist es im Grunde das, was ich oben zu Identitätspolitik ausgeführt habe.

Des Weiteren behauptet der SPIEGEL Zizek musste Peterson draufhelfen oder gab ihm noch eine Chance. Ich habe selbst einen Ausschnitt der Diskussion gesehen und musste feststellen, dass sie einander respektierten und wirklich auf die Argumente des anderen eingingen. Es zeugt doch von einem gewissen Niveau, wenn Peterson sich auf ein Buch von Zizek bezieht, die Stelle für einen interessanten Gedanken hält, aber den Wortlaut nicht mehr genau weiß und Zizek ihm draufhilft, um den Gedanken zu Ende zu führen. Da wirkt das, was der SPIEGEL schreibt als völliger Unsinn und zeigt, welches unterirdische Niveau dieses Schmierblatt inzwischen hat. Für ihn sind Illner oder Maischberger ein Vorbild, wo man durcheinanderbrüllt und jedem der Fake-News bezichtigt, wenn ein Komma nicht stimmt, und man jemanden lieber auflaufen lässt, anstatt dem anderen die Möglichkeit zu geben darauf einzugehen.

Angefügt sei noch, dass Zizek, das Ziel des Menschen Glückseligkeit (happyness) sei, für Peterson Sinn und Dinge zu tun, weil sie es wert sind. Nicht schwer zu erkennen, wer sich von wem mehr angesprochen fühlt.

Mag jeder sich die Zeit nehmen und sich diese Vorträge und die Diskussion selbst anhören; der wirkliche Verlierer ist DER SPIEGEL. Glaubt keiner, dass der Autor sich das Original angesehen hat, sonst würde er nicht einen derart inhaltleeren blödsinnigen Artikel schreiben. Dass er Peterson am Ende einen Clown nennt, grenzt schon an Größenwahn, bzw. an eine typisch linke Haltung: Über die konträre Meinung braucht man ohnehin nicht diskutieren und deshalb auch dessen Argumente dem Leser nicht näher beleuchten.

Jeder, der den SPIEGEL abonniert hat und sich deshalb zu den Gebildeten zählt, zeigt, auf welchem Niveau wir uns in Sachen Bildung inzwischen bewegen.

9 Gedanken zu “Slavoj Zizek vs. Jordan Peterson: Marxist gegen Neu-Rechten.

  1. So… Nachtrag nach der Lektüre beim Spiegel: Ich bin nicht schlauer als vorher. Peterson hat bereits mit stramm Linken diskutiert, und da auch schon den Fehler gemacht, deren idiotische Prämissen nicht zu callen, weil er eher die idiotischen Konsequenzen fürchtet.

    Zb die Frage „wer sind denn diese X“ würde ich gerne mal zum Gender Pay Gap hören. Also, „wo ist denn das Lieschen Müller, was ungerecht auch nur einen Cent weniger verdient als Klaus?“

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  2. Ich bin zur Zeit mit einem anderen Review beschaeftigt, so dass ich zur „Zizek vs. Peterson Show“ erst spaeter kommen werde.

    Festhalten sollte man jedoch, dass beide weder Kapitalisten, noch produktive Arbeiter sind. Bei Peterson mag sich das im letzten Jahr geaendert haben, da er Millionen mit seinem Buch verdient hat. Beide sind seit Jahrzehnten Professoren an Unis und haben – ausser vielleicht mal kurze Zeit in ihrer Jugend – nie wirklich malocht. Trotzdem waren/sind sie gehobener Mittelstand. Die von ihnen eingegangenen Risiken waren rein akademisch, nie unternehmerisch. Den Grossteil ihres Lebens wurden sie vom Steuerzahler finanziert. Die Schwaechen ihrer jeweiligen Argumentation ruehren aus mangelnder praktischer Erfahrung im echten Leben.

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    1. Gut auf den Punkt gebracht. In der Tat eine akademische Diskussion. Risiken sind die im eigentlichen Sinn nicht eingegangen. Ich habe mir die Diskussion nicht angeschaut, aber Peterson war schon früher schlecht bei solchen Auseinandersetzungen, da er nicht in der Lage ist seinen Frame zu setzen und zu halten.

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      1. Peterson ist und bleibt ein Beta. Zizek hat dominiert. Zizek propagiert nicht Marxismus, sondern „Zizekismus“, seine private Variante eines idealisierten Marxismus. Nach den beiden Anfangsvortraegen kamen die ‚replys‘. Die von Zizek ist total chaotisch und weitestgehend unverstaendlich.

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