Echte Nachbarn.

Freitag ist immer Biergarten und da lernt man was darüber, was „Ausländer“ über Deutsche denken und wohl wesentlich mehr als durch die deutsche Presse. Die letzte Bedienung war auch ein Tscheche, etwa 20 Jahre älter als der jetzige, beide nette Kerle. Über den habe ich hier schon mal geschrieben. Da es heute relativ kühl war und kurz vorher geregnet hatte, (Klimawandel?), war ich kurz auch allein mit ihm und da konnte man sich echt gut unterhalten. Er fragte mindestens drei Mal: Was ist mit Deutschland los? Und er gab ein gutes Beispiel: Er spricht inzwischen fast perfekt Deutsch, braucht aber für amtliche Schreiben noch einen Übersetzer; wen wundert das? Er zahlte von Anfang an Steuern und bekam in der Nachsaison etwa 300.-€ Arbeitslosengeld für einen Monat, wo hier wirklich alles tot ist. Er ließ sich für 2 Kronen pro Satz alles übersetzen und brachte alles in deutscher Sprache bei, was nötig war. Am Ende fragte er die Sachbearbeiterin, ob alles komplett wäre, was sie bejahte. Einige Zeit später bekam er ein Schreiben, dass ihm das Arbeitslosengeld gesperrt würde, weil er ein Dokument vergessen hätte. Er natürlich hin, was das sollte. Ja, es täte ihr leid aber da kann man nichts machen. Dann legte er los, dass ja Deutschland so viele Orientalen hereingelassen hätten, die nie eingezahlt hätten, nie gearbeitet hätten, und das bei denen kein Problem wäre, an das Geld zu kommen. Die bekam einen hochroten Kopf und wollte beginnen, die Rassismuskarte zu spielen. Da sagte er, er wäre ja auch Ausländer und irgendwie wollte sie ihm dann rechtgeben und druckte herum. Er: Was ist los? Haben Sie Angst? Es änderte zwar nichts am Bescheid aber er war um eine Erfahrung reicher.

Er meinte, die Tschechen merken sehr wohl, was in Deutschland vorgehe. Es wusste auch, wie Merkel in der Wendezeit zu ihrem Posten kam; der Inhalt des Videos von Vera Lengsfeld war ihm bekannt. Es gab auch im tschechischen Fernsehen eine Doku über die Kölner Silvesternacht; während man bei uns versuchte das tot zu schweigen. Darüber hinaus nehmen sie auch RT nicht als russischen Propagandasender wahr.

Ich fragte ihn natürlich wie die Tschechen über die Deutschen denken, schließlich sind wir ja grenznah und es findet viel Austausch statt. Er meinte, wenn sie mit den Leuten nicht auskämen wären sie nicht hier. Es ist nicht das Geld, denn in der Gastrobranche wären bei den Preisen und Löhnen zwischen Bayerwald und München kein großer Unterschied zu Tschechien. Nur in den Städten explodieren die Preise.

Mich hat natürlich interessiert, was er über Babiš und Klaus denkt. Es gab nämlich in Prag Demos gegen Babis und mir ist an den Fahnen und so weiter aufgefallen, dass das sehr organisiert wirkte, was er auch bestätigte. Keine Graswurzelbewegung, sondern organisiert von einer einzigen Person. Babiš ist nämlich sehr anerkannt in Tschechien, da er mehrere Sprachen spricht und so vor allem mit Merkel auf Augenhöhe reden kann. Hoch angerechnet wird ihm, dass er keine Anstalten macht, dem Euro beizutreten und deshalb ist ihnen auch Vaclav Klaus so sympathisch, weil er von Anfang an den Euro abgelehnt hatte. Diese sagte, das Wirtschaftliche müsse ein Land selber regeln, alles andere führe in den Untergang. Er verwies auf die Slowakei, denn die Löhne sind niedrig und gleichzeitig hat die Euroeinführung die Preise erhöht. Man will jetzt Babis Korruption anhängen, denn er hat als Privatmann ganz legal Fördergelder von der EU bekommen. Meiner Bedienung wäre es egal, ob er korrupt ist, denn er sagt, das wären Politiker überall. Wichtig ist das, was er für sein Land tut. Seit das Misstrauensvotum gegen Babiš gescheitert ist, sind plötzlich auch die Demonstrationen zu Ende. Die Linken waren nicht so blöd für seine Ablösung zu stimmen, denn schließlich haben die allermeisten Tschechen genug von sozialistischer Politik und als man im tschechischen Fernsehen die Teilnehmer interviewte, stellte sich wie bei uns heraus, dass es nur darum ging, Spaß zu haben und möglichst viele zu sein.

Er meinte, dass sich auch die Gäste verändert hätten. Sie würden aggressiv und könnten nicht warten. Vor allem Kinder führen sich so auf aber das wäre nicht auf Deutschland begrenzt. Als die zwei Kinder ziemlich rumlärmten, meinte er zu den Eltern, ob sie die Kinder nicht dazu anhalten könnten, ein wenig ruhig zu sein. Die fragten dann aber, ob es hier W-Lan gäbe und sie das Passwort haben könnten, dann könnten ihre Kinder auf ihrem Smart-Phone spielen, dann wären sie ruhig. Er war dann schon so frei zu fragen, ob dass der richtige Weg wäre, die Kinder zu erziehen, dass hier auch noch andere Gäste sind.

Die wichtigste Erkenntnis in dem Gespräch war aber, dass die Tschechen die Deutschen nicht mit ihrer Regierung gleichsetzen. Wenn er sich aber über politische Dinge unterhält, so spät abends, wenn nur noch ein paar Einheimische da sind, dann sind die ziemlich verschlossen, wenn man sie zu bestimmten Dingen anspricht. Er fragt dann schon immer: Was ist los mit Deutschland? Habt Ihr Angst oder was?

Die meisten Tschechen sind hier sehr aufgeschlossen gegenüber den Deutschen, vor allem die Jungen. Wenn man versucht, sich mit ihnen auf Tschechisch zu verständigen, dann rollen sie den roten Teppich aus. Da reicht es schon, wenn man aus der tschechischen Speisekarte bestellt. Manche ältere, die den Krieg noch erlebt haben, brächten Deutschland immer noch mit Hitler in Verbindung, doch die meisten haben sich aber mit den Deutschen in Böhmen immer verstanden. Es gibt dazu nette Videos von Deutschen, die zum Teil nach dem Krieg in Tschechien geblieben sind. Vor allem, um die Sprache zu lernen, sind diese ganz nützlich, denn es gibt sie mit tschechischem Untertitel und dauern zwischen fünf und zehn Minuten (hier eines davon). Einfach schön anzusehen, wenn man nicht irgendeine Propaganda mit hineingedrückt bekommt. So stellt man sich eine Doku vor und da merkt man, was für einen Schund wir heute in den ÖR-Medien zu sehen bekommen.

Es gab im Krieg Deutsche, die sich dort bereichert haben und sich einfach das Land genommen haben. Mein Schwiegervater erzählte, dass die auch vertrieben wurden, auch hier in den Ort. Es gab dann nach dem Krieg ein Förderprogramm, mit dem man die Leute dann entschädigt hat und so genau die, die sich im Krieg besonders aufgeführt haben, hier auch die ersten waren, die sich ein Haus bauten. Dabei erzählt mein Schwiegervater wie arm sie waren als er ein Kind war, sodass es ihm heute noch die Tränen in die Augen treibt. Er kann heute noch nicht sehen, wenn an einen alten Plastikball ohne Luft in den Abfall wirft: Mei, sowos wenn mir damois ghabt hättn. Ab schärfsten blieb mir in Erinnerung als er erzählte, wie rumänische Zwangsarbeiter das Gras vor dem Haus aßen und sein Vater die Reine mit dem Essen zu denen hinausbrachte, obwohl sie selbst nichts hatten. Nazis, oder?

Und drei Häuser weiter war dann ein Hof, wo ein Bauer einen russischen Zwangsarbeiter bei den Tieren essen und schlafen ließ. Der hat sich umgebracht. Das muss etwas heißen.

Im Gegensatz zu uns erwarten die Tschechen keinen Schuldkult von uns. Für meinen Freund muss ich fast schon sagen, stellt sich die Frage nicht. Seine Eltern lebten wie alle anderen Tschechen unter einem kommunistischen Regime, das hieß aber nicht, dass alle Kommunisten waren. Nur die Bonzen und die linienreue Mitläufer profitierten davon.

Er nimmt Deutschland so wahr, als würden die Deutschen eben jetzt unter einem Regime leben, wo man seine Meinung nicht mehr sagen darf und dieses versucht das Land zu zerstören. Er bringt die Deutschen eben nicht mit Merkel in Verbindung, während unsere Regierung immer so tut, als würden sie mit ihrem moralischen Gehabe das ganze Land repräsentieren.

Ich bin froh, dass Deutschland nur gesinnungsmäßig eine Insel ist und nicht auch noch von Wasser umgeben ist. Ich weiß und meine tschechischen Nachbarn wissen, dass die Männer dort manchmal kleine Angeber und Besserwisser sind. Einer hat mal gesagt, schlimmer als die Deutschen.

Heute war ein guter Abend, denn seit heute weiß ich sicher: Wenn es eines nicht braucht, um sich als Europäer zu fühlen, ist es eine EU, sondern man braucht Völker mit unterschiedlicher Kultur, die alle wissen, dass nicht der Nachbar der Feind ist, sondern die, die über uns bestimmen. Unsere Regierung würde sagen, ich habe die falschen Freunde. Zum Glück sind es meine Nachbarn.

 

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