Gegenentwurf zum programmierten Haltungsmenschen.

Der Deutsche will immer bei den besten sein und sich nirgends die Blöße geben keine Ahnung zu haben oder zuzugeben, dass man ihn über den Tisch gezogen hat. Ich möchte nicht wissen wie viele Zeit aufwenden, um ein Schnäppchen zu machen auch keinste Geldbeträge einzusparen und dauernd informiert zu sein möglichst lange zu überleben. Jeden Brocken, den man ihm von den Medien hinwirft, saugt er begierig auf. Bei jeder Mikrobelastung in einem Lebensmittel, die zur Bedrohung ausgewalzt wird, ändern viele gleich ihren Lebensstil oder reservieren geistigen Speicherplatz, dass man auswendig weiß, ob in den Chips von ALDI, LIDL oder Edeka das meiste Acrylamid ist. Wenn in einem Verbrauchermagazin gesagt wird, die Stadtsparkasse in Wanne-Eickel bietet 0,25% mehr Zinsen, dann glauben manche es wäre wert, mal in seine eigene Sparkasse zu gehen, ob das auch ginge. Der Deutsche will das optimierte und spannende Teflon-Leben, obwohl es eigentlich Überleben heißen müsste, weil die restliche Zeit wird dazu aufgewendet bei anderen über Instagram, Facebook usw. präsent zu sein.

Lebensqualität muss man sich leisten können, doch viele suchen sie an der falschen Stelle. Eine gutes Beispiel sind Bankgeschäfte, Versicherungen und andere Dienstleistungen. Man schwärmt von der Bequemlichkeit alles über das Internet ausfüllen und abwickeln zu können. Ist das wirklich ein Fortschritt an Lebensqualität, wenn man seine Zeit dafür verschwendet?

Ich zahle Kontoführungsgebühr, keine Ahnung wie viel, und auch eine Überweisung kostet je 50 Cent. Wenn ich überweise, lege ich die Überweisung auf den Tresen und sage, ich möchte das überweisen und die füllen das alles aus. Warum sollte es mir im Monat nicht 2.-€ wert sein, dass ich mir etwas erspare, was mich nervt, nur, weil alle sagen, das wäre doch Blödsinn, dafür Geld zum Fenster hinauszuwerfen?

So kennen die mich in der Bank auch und das ist gut, denn so kann ich auch in die Bank gehen und ohne jedes Dokument Geld abheben. Weil ich zu faul bin überhaupt Kontoauszüge anzusehen, sage ich, ich hätte keine Karte dabei und die sehen dann für mich nach. Bei Versicherungen, die die anbieten ist das auch so. Ich lass mir erzählen, was im Vertrag steht und unterschreibe dann. Das kann man natürlich als fahrlässig sehen, doch meist reicht es, wenn man über seine Lebensspanne irgendwie mitgekriegt hat, was sowas kosten darf.

Damit die nicht glauben, dass sie mich so einfach verarschen können, bin ich natürlich in anderen Dingen penibel. Weil die Leute durch Homebanking nicht mehr in der Filiale abgefangen werden können, ruft dann eine Praktikantin von der Zentrale jeden an und sagt, man müsse z.B. wegen der Unfallversicherung reden, weil die liefe aus -was natürlich Blödsinn ist- , nur damit man ihnen vor Ort dann was anderes andrehen kann. Dass das so läuft, habe ich dann von einer älteren Bankkauffrau erfahren, die ich schon 30 Jahre kennen und die weiß, dass sie im Grunde die einzige ist, die Ahnung von meinen Finanzen und Versicherungen hat. Ich hab dann bei nächster Gelegenheit eine jüngere Kollegin auf die Anrufe angesprochen und die meinte das ginge nur über München. Ich meinte, das wäre kein Problem und ließ mir die Nummer geben. Die in München sagte, das wäre äußerst schwierig diese Anrufe an mich zu unterbinden. Als ich meinte, dass mir das leid täte und, dass es sicher kein Problem wäre eine andere Versicherung zu finden, die mich mit der Vorgabe, ich wolle nicht angerufen werden, versichert. Dann war es plötzlich möglich. Keine Anrufe mehr. Immer vorher überlegen, wer da eigentlich von wem was will.

Das Gleiche mit so einem Telkomfuzzi. Jahrlang nichts von denen gehört bis mich jede Woche einer anrief, mir tolle Handyverträge anzudrehen; obwohl ich gar kein Handy habe. Beim dritten Mal sagte ich dem dann, dass ich nicht bei der Telekom wäre, weil die so toll wäre, sondern weil ich von ihnen noch nie was gehört habe und ich den Anbieter wechseln würde, wenn mich nochmal jemand anruft, weil so ein Gesülze gibt´s woanders billiger. Mich hat schon 10 Jahre keiner mehr von der Telekom angerufen.

Ich kann mich noch erinnern, als Verbrauchermagazine und die Politik über die ungebetenen Werbeanrufe diskutierten. Dabei wäre es so einfach. Als mich mal eine angerufen hat und sagte, sie wolle meine Frau sprechen, fragte ich warum (die schlief noch nach der Nachtschicht). Sie fragte wieder und ich fragte, warum. Da fragte sie, ob ich schwer von Begriff wäre. Schwerer Fehler. Ich fragte, ob sie den Arsch offen hätte, mir so blöd zu kommen, ließ dann alle Schimpfwörter, die ich einschließlich meiner Bundeswehrzeit gelernt hatte an der ab, und, dass, wenn ihr was nicht passt, dann soll sie andere Leute anrufen. Seit etwa 15 Jahren habe ich keinen persönlichen Werbeanruf mehr bekommen.

Warum sollte ich mich tiefer damit beschäftigen, welche Daten on meiner Karte abgegriffen werden, wenn ich einkaufe? Seit langem hebe ich immer mein ganzes Geld persönlich ab, das auf dem Konto liegt und zahle alles bar, dann können die abgreifen, was sie wollen. Man wollte mir schmackhaft machen, immer 1500.-€ auf dem Konto zu lassen, dann würde ich die Kontoführungsgebühr sparen. Das mag zwar über das Jahr nicht wenig sein, doch 50 Cent am Tag ist es mir doch wert, dass niemand meine Kartendaten abgreifen kann. Ich brauch mich um keine PIN und kein Update beim Homebanking scheren und niemanden kann es etwas angehen, wo, wann und was ich einkaufe.

Dabei bin ich im persönlichen Umgang immer freundlich und höflich und mach auch keine Leute blöd an, wenn mal was nicht funktioniert oder ich wo warten muss. Ich kenne genügend Leute, die sowas dann gleich auf Facebook posten, und Kleinigkeiten dann zu einer Unverschämtheit aufblasen, nur damit sie mal aus der völligen Anonymität heraustreten.

Man lässt sich allzu oft darauf ein, auf unausgesprochene Forderungen oder Erwartungen anderer Leute einzugehen, nur damit man nicht „entfreundet“ wird. Am besten keinerlei schlechtes Gewissen zeigen, wenn man eine Flugreise macht oder jede Woche sein Schnitzel über brasilianischer Holzkohle grillt. Fernsehsendungen, die alle toll finden, nur man selbst nicht, wirklich als das benennen, was man davon hält: Es ist völliger Müll. Wenn man das einige Zeit macht, dann bleiben wirklich nur die Freunde übrig, denen völlig egal ist, was du in deiner Freizeit treibst, und auch nicht erwarten, dass du ihnen nach dem Mund redest oder vollständig an deinem Leben teilhaben lässt. Mit denen kann man dann Dinge unternehmen, die nicht nur „nett“ sind; also Zeiterschwendung wären.

Wir werden medial auf Trab gehalten, dass wir uns unbedingt um dieses oder jenes kümmern müssten bzw. dass dieses oder jenes Verhalten gar nicht ginge. Was wir tun, dürfen wir natürlich inzwischen nicht mehr nur unter praktischem oder gesundheitlichem Aspekt sehen, sondern der moralische ist jetzt fast genauso wichtig. Und wieder fahren die Leute wie Lemminge darauf ab und haben die Möglichkeiten, sich über andere Leute das Maul zu zerreißen, noch potenziert. Spätestens seitdem ist mir egal, was Leute über mich reden. Deshalb fahre ich jetzt auch wieder die 100 Meter zur Tankstelle mit dem Auto, wenn ich frische Semmeln hole. Soziale Ächtung für solche Banalitäten, weil man damit das Klima schädigen würde, muss wirklich eine große Bedrohung für den eigenen Wohlfühlfaktor sein. Von wem wird der eigentlich bedroht? Von den Grünen? Von Greta? Von Klaus Kleber oder gleich von „die Menschheit“?

Wer heute noch ÖR-Fernsehen schaut, der bekommt eine Mischung aus Aufruf zur Selbstkasteiung, kombiniert mit dem Aufruf zur eigenen Selbstüberhöhung, wenn man wie vorgeschrieben, gegen den Klimawandel und gegen Rechts kämpf und gleichzeitig Trump, Johnson und Salvini hasst. Ja, man verschwendet viel Zeit sich vor der Kiste täglich neu instruieren zu lassen und das Verhalten der Menschen in seinem Umfeld zu kontrollieren, zu kommentieren und am Ende zu denunzieren.

Der Gegenentwurf zu diesen ferngesteuerten Haltungsmenschen, deren Überleben immer nur um andere kreist, heißt dann wohl mündiger Egoist.

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Bei mir dämmern gerade so viele Verwandte und Bekannte im hohen Alter vor sich hin und loben sich für ihr Überleben, dass ich beschlossen hab, eher für was zu sterben als für nichts zu leben. (Benjamin Goldstein)

…und somit sofort auf den Punkt gebracht.

 

 

6 Gedanken zu “Gegenentwurf zum programmierten Haltungsmenschen.

  1. Das ist wohl auch eine Generationenfrage. Mich würde es sehr ankotzen, für eine Überweisung zur Bank zu müssen.

    Dito 3k€ Urlaubskasse mit sich rumzutragen. Ich kenne solche Leute, die auch ganz vernünftig sind, aber meins ist das nicht. Und so jung bin ich auch nimmer 🙂

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